6. Rekapitulation.


Bevor wir zur Betrachtung der einzelnen Charakterzüge übergehen, wollen wir eine kurze Wiederholung der bisher gewonnenen Gesichtspunkte vornehmen.

Eine wichtige Feststellung war die, daß man Menschenkenntnis nicht auf Grund einer einzelnen, aus dem seelischen Zusammenhang losgelösten Erscheinung betreiben kann. Es müssen wenigstens zwei, zeitlich möglichst weit auseinanderliegende Erscheinungen miteinander verglichen und gleichsam auf einen gemeinsamen Namen gebracht werden. Dieser praktische Wink hat sich als recht vorteilhaft erwiesen. Er gestattet, eine ganze Anzahl von Eindrücken zu sammeln, die sich bei systematischer Verwertung zu einem sicheren Urteil verdichten lassen. Würde man auf eine derartige Erscheinung sein Urteil stützen, dann würde man sich in derselben Verlegenheit befinden, wie andere Psychologen und Pädagogen und wieder auf die landläufigen Mittel verfallen, von denen wir immer gefunden haben, daß sie nichts fruchten. Gelingt es aber, soviel Anhaltspunkte wie möglich zu gewinnen und dieselben miteinander zu verbinden, dann hat man ein System vor sich, dessen Kraftlinien man auf sich wirken lassen kann, so daß man einen klaren, einheitlichen Eindruck von einem Menschen erhält. Man fühlt festen Boden unter den Füßen. Es kann sich natürlich bei näherer Bekanntschaft mit einem Menschen die Notwendigkeit ergeben, sein Urteil mehr oder weniger zu modifizieren. Und vor jedem pädagogischen Eingriff ist es unerläßlich, sich vorerst auf diese Weise ein völlig klares Bild zu verschaffen.

Es wurden auch verschiedene Mittel und Wege erörtert, um zu einem solchen System zu gelangen, und zu diesem Zweck sogar Erscheinungen herangezogen, wie wir sie etwa bei uns selbst finden oder von dem Idealbild eines Menschen verlangen. Weitergehend haben wir gefordert, daß dieses von uns geschaffene System nie eines bestimmten Faktors entbehren dürfe, nämlich des sozialen Faktors. Es genügt nicht, Erscheinungen des Seelenlebens bloß als individuelle anzusehen, sondern wir müssen sie in ihrem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Leben begreifen. Und als ein besonderer, vor allem für unser Zusammenleben mit dem Menschen wertvoller Grundsatz erwuchs uns die Erkenntnis: Der Charakter eines Menschen ist uns nie die Grundlage zu einer moralischen Beurteilung, sondern eine soziale Erkenntnis, wie dieser Mensch auf seine Umwelt wirkt und in welchem Zusammenhang er mit ihr steht.

Bei der Verfolgung dieses Gedankenganges stießen wir auf zwei allgemein menschliche Erscheinungen: Die eine war der überall vorzufindende Bestand des Gemeinschaftsgefühls, das die Menschen untereinander verbindet, das die großen Leistungen der Kultur geschaffen hat. Es war der eine Maßstab, den wir an die Erscheinungen des Seelenlebens anlegten, der gestattet, die Größe des wirksamen Gemeinschaftsgefühls festzustellen. Wir bekommen einen plastischen Eindruck einer menschlichen Seele, wenn wir wissen, wie jemand im Verband der Menschen dasteht, wie er seine Mitmenschlichkeit äußert, sie fruchtbar und lebendig macht. Schließlich gelangten wir — und das war für uns der zweite Maßstab für die Beurteilung eines Charakters — zu der Feststellung, daß jene Kräfte, deren feindlicher Einwirkung das Gemeinschaftsgefühl am stärksten ausgesetzt ist, Regungen des Strebens nach Macht und Überlegenheit sind. Gestützt auf diese beiden Anhaltspunkte konnten wir verstehen, daß die Unterschiede unter Menschen bedingt sind durch die Größe des Gemeinschaftsgefühls und des Strebens nach Macht, welche Faktoren sich gegenseitig beeinflussen. Es ist ein Kräftespiel, dessen äußere Erscheinungsform das ist, was wir Charakter nennen.


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