[Traum und Traumdeutung]

Ein Napoleon-Traum 9)


»Mir träumte, als ob ich im Tanzsaal wäre, ich hatte ein hübsches blaues Kleid, war recht nett frisiert und tanzte mit Napoleon.«

»Hierzu fällt mir folgendes ein:

Ich habe meinen Schwager zu Napoleon erhoben, denn sonst lohnte es sich nicht der Mühe, der Schwester ihren Mann wegzunehmen. (Das heißt, ihr neurotisches Wesen ist gar nicht auf den Mann gerichtet, sondern darauf, der Schwester überlegen zu sein.) Um über die ganze Geschichte den Mantel der Gerechtigkeit breiten zu können, ferner, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob mich die Rache, weil ich zu spät gekommen bin, zu dieser Handlung veranlaßt hätte, muß ich mich als Prinzessin Luise wähnen, mehr als die Schwester, so zwar, daß es ganz natürlich erscheint, daß Napoleon sich von seiner ersten Frau Josefine scheiden läßt, um sich eine ebenbürtige Frau zu nehmen.

Was den Namen Luise betrifft, so habe ich denselben längere Zeit hindurch geführt; es hat sich einmal ein junger Mann nach meinem Vornamen erkundigt, und meine Kollegin, wissend, daß mir Leopoldine nicht gefällt, sagte kurzweg, ich heiße Luise.

Daß ich eine Prinzessin sei, träumt mir öfters (Leitlinie), und zwar ist dies mein kolossaler Ehrgeiz, der mich im Traum immer eine Brücke über die Kluft, die mich von den Aristokraten trennt, finden läßt. Ferner ist diese Einbildung darauf berechnet, beim Erwachen es um so schmerzlicher zu empfinden, daß ich in der Fremde aufgewachsen und allein und verlassen bin; die traurigen Gefühle, die mich dann beschleichen, setzen mich in den Stand, hart und grausam gegen alle Menschen zu sein, die das Glück haben, mit mir in Verbindung zu stehen.

Was nun Napoleon betrifft, so will ich bloß bemerken, daß, nachdem ich nun einmal kein Mann bin, ich mich nur vor jenen beugen will, die größer und mächtiger als die anderen sind; übrigens würde mich dies nicht hindern, am Ende zu behaupten, Napoleon sei ein Einbrecher (Einbrecherträume). Auch würde ich mich nur beugen, nicht etwa auch unterwerfen, denn ich möchte den Mann, wie aus einem anderen Traume hervorgeht, an einem Faden halten und dann, dann will ich tanzen.

Das Tanzen muß mir gar vieles ersetzen, denn die Musik hat einen kolossalen Einfluß auf mein Gemüt.

Wie oft hat mich bei irgendeinem Konzert das sehnende Verlangen überkommen, zu meinem Schwager zu eilen und ihn halbtot küssen zu dürfen.

Um nun diesen Wunsch einem fremden Mann gegenüber nicht in mir aufkommen zu lassen, muß ich mich mit der ganzen Leidenschaft dem Tanz hingeben oder, falls ich nicht engagiert bin, mit zusammengepreßten Lippen sitzen und finster vor mich hinblicken, um jede Annäherung eines anderen unmöglich zu machen.

Ich wollte der Liebe nicht unterliegen und meines Erachtens gehören Ball und Liebe zusammen.

Die blaue Farbe habe ich gewählt, weil sie mich am besten kleidet und ich von dem Wunsche beseelt war, einen guten Eindruck auf Napoleon zu machen; jetzt habe ich doch schon das Bestreben, zu tanzen, was ich früher auch nicht konnte.«

Von hier aus würde die Deutung noch viel weiter gehen, um schließlich zu zeigen, daß der unbewußte Plan dieses Mädchens bloß auf Herrschsucht ausging, derzeit aber so weit geändert und abgeschwächt ist, daß sie im Tanzen nicht mehr eine persönliche Demütigung erblickt.

Ich bin am Schlusse angelangt. Wir haben gesehen, daß der Traum eine für das Handeln nicht nebensächliche seelische Erscheinung vorstellt, daß er aber, wie in einer Spiegelung, Vorgänge und körperliche Attitüden verraten kann, die auf das spätere Handeln abzielen. Ist es demnach verwunderlich, daß die Volksseele aller Zeiten mit der Untrüglichkeit eines allgemeinen Empfindens den Traum als ein in die Zukunft weisendes Gebilde aufnahm? Ein ganz Großer, der wie in einem Brennpunkt alle Empfindungen der Menschenseele in sich vereinigte, Goethe, hat dieses »In-die-Zukunft-Schauen« des Traumes und die darin ausströmende vorbereitende Kraft in einer Ballade herrlich gestaltet. Der Graf, der vom heiligen Land in seine Burg heimkehrt, findet diese verwüstet und leer. In der Nacht träumt er von einer Zwergenhochzeit. Und der Schluß des Gedichtes lautet:

 

Und sollen wir singen, was weiter geschehn,

So schweige das Toben und Tosen,

Denn, was er, so artig, im kleinen gesehn,

Erfuhr er, genoß er im großen,

Trompeten und klingender, singender Schall,

Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall,

Sie kommen und zeigen und neigen sich all,

Unzählige, selige Leute.

So ging es und geht es noch heute.

 

Der Eindruck, daß dieses Gedicht des Träumers Gedanken auf Hochzeit und Kindersegen gerichtet zeigt, wird von dem Dichter laut genug hervorgehoben.

 

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9) Napoleon, Jesus, die Jungfrau von Orleans, Maria, aber auch der Kaiser, der Vater, ein Onkel, die Mutter, ein Bruder usw. sind häufige Ersatzideale der aufgepeitschten Gier nach Überlegenheit und stellen gleichfalls richtunggebende, affektauslösende Bereitschaften im Seelenleben des Nervösen dar.


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