3. Missbräuchliche Anwendungen.


Die Erscheinung der Affekte war so lange unverständlich, bis es sich herausgestellt hatte, daß sie eine Möglichkeit bieten und einen Weg zeigen, der kurzerhand dazu führt, ein Gefühl der Minderwertigkeit zu überwinden, um die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Die Affektbereitschaft und ihre Attitüde findet im menschlichen Seelenleben daher eine überaus weitgehende Verwendung. Wenn ein Kind in Zorn gerät oder trauert und weint, weil es sich zurückgesetzt glaubt, und es hat Gelegenheit, diese Methode zu erproben, so kann es leicht auf den Weg geraten, mit dieser Stellungsnahme auch schon bei geringfügigen Anlässen einzusetzen, seine Affekte zu verwenden, um daraus Nutzen zu ziehen. Die Arbeit mit diesen Affekten kann zur Gewohnheit werden und eine Ausgestaltung erfahren, die man nicht mehr als normal empfindet. Man sieht dann später im Leben der Erwachsenen regelmäßig mißbräuchliche Anwendungen dieser Affekte und es kommt jene wertlose und abträgliche Erscheinung zustande, wo in einer Art spielerischer Betätigung Zorn, Trauer oder andere Affekte in Szene gesetzt werden, nur um zum Ziel zu gelangen, um etwas durchzusetzen. Dann treten solche Zustände geradezu regelmäßig auf: so, wenn etwas verweigert wird, oder wenn der Herrschaft eines Menschen eine Beeinträchtigung droht. Oft wird z. B. Trauer so laut und aufdringlich geäußert, wie wenn sie einen Ruhmestitel bedeuten würde, so daß sie abstoßend wirkt. Es ist interessant zu beobachten, wie manchmal geradezu ein Wettstreit mit der Trauer vor sich geht.

Auch mit physischen Begleiterscheinungen kann derselbe Mißbrauch getrieben werden. Es gibt bekanntlich Leute, welche die Wirkung des Zornes auf den Ernährungstrakt so weit gehen lassen, daß sie im Zorn erbrechen. Dadurch wird die Darstellung der Feindseligkeit noch drastischer. Das Erbrechen bedeutet eine Verurteilung und Erniedrigung des andern. Der Affekt der Trauer geht oft auch unter Nahrungsenthaltung vor sich, so daß der Trauernde förmlich zusammenzuschrumpfen scheint und ein richtiges »Bild des Jammers« darbietet.

Solche Formen sind uns besonders deshalb nicht gleichgültig, weil durch sie das Gemeinschaftsgefühl der andern berührt wird. Die Äußerung desselben ist nämlich meist imstande, einen Affekt zu lindern. Nun gibt es aber Menschen, die ein so großes Bedürfnis haben, das Gemeinschaftsgefühl der andern auf sich zu lenken, daß sie z. B. aus dem Stadium der Trauer überhaupt nicht hinaus wollen, weil ihre Persönlichkeit durch die vielen Beweise von Freundschaft und Teilnahme eine außerordentliche Erhöhung erfährt. Zorn und Trauer sind, wenngleich unsere Sympathien durch sie in verschiedenem Grade in Anspruch genommen werden, trennende Affekte. Sie vereinen nicht, sondern rufen einen Gegensatz hervor, indem sie das Gemeinschaftsgefühl verletzen. Die Trauer bringt allerdings in ihrem weiteren Verlauf eine Bindung hervor, die aber nicht in jener normalen Weise vor sich geht, bei der beide Teile des Gemeinschaftsgefühls teilhaftig sind, sondern zu einer Verschiebung führt, bei der die Umgebung der ausschließlich gebende Teil ist.


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