Die neuen Gesichtspunkte in der Frage der Kriegsneurose


(1918)

 

Die uns zugängliche Literatur über die Kriegsneurose betont zwar recht häufig und geflissentlich, wie wenig sich an den neurologischen Standpunkten des Friedens geändert habe. Man sehe, sagen viele, das gleiche Material, eine ähnliche Ätiologie, den gleichen Verlauf, und man begegne den gleichen Schwierigkeiten. Nur bezüglich der Therapie seien einschneidende Veränderungen zu verzeichnen, wie sie den Bedingungen des Krieges und des militärischen Verhältnisses entsprechen.

Man muß aber noch eine weitere bedeutsame Veränderung hinzunehmen, die geeignet sein könnte, die neurologische Forschung unserer Tage zu erschweren. Die Behandlung einer Neurose in der Zivilbevölkerung oder im Frieden hatte den unausgesprochenen, aber selbstverständlichen Zweck, den Patienten von seiner Krankheit oder wenigstens von seinen Symptomen zu befreien, um ihm eine selbstgewählte Lebenshaltung zu ermöglichen, ihn sich selbst zurückzugeben. Ebenso selbstverständlich ist der Zweck der Militärneurologie, den Erkrankten nicht sich und der eigenen Verfügung, sondern in einer entsprechenden Form und Verwendung dem Dienste und der »Allgemeinheit« zuzuführen. Es kommen so in die objektive Wissenschaft und in die Therapie ärztliche Zweck- und Begehrungsvorstellungen, die, so notwendig und zweckentsprechend sie auch scheinen mögen, den Einblick nicht unwesentlich erschweren, da nun zumeist ein Krankheitsbild zur Betrachtung kommt, in dem eine Seite unverhältnismäßig stark hervorspringt: wie sich der Neurotiker in einer ihm aufgezwungenen Situation verhält.1)

Aus der Zeit vor dem Kriege verfügen wir über genügendes Material, um die Sonderstellung dieser Frage verstehen zu können. Fast jeder Arzt kennt den Erfolg der verschieden abgestuften Suggestionstherapie einzelnen störenden und aufdringlichen Symptomen gegenüber. Leider war man nicht selten in den Glauben an einen Dauererfolg verstrickt, der mündlich oder brieflich Bestätigung fand, während der Patient mit den alten oder mit neuen Erscheinungen bereits anderswo wieder in Behandlung stand.

Erinnern wir uns an die Resultate, die aus der Symptombehandlung zutage kamen, wenn diese nicht zum Zwecke einer Heilung, sondern zwecks Durchführung einer Leistung des Patienten eingeleitet wurde. Zum Beispiel: ein Student der Rechte, der vor einer Prüfung stand, klagte über Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Vergeßlichkeit und Kopfschmerzen. In acht Tagen sollte die Prüfung stattfinden. Wir wollen gern alle Grade der Besserung eines solchen, nicht seltenen Falles zugeben. Es gab sicher Fälle, bei denen es kraft des Zuredens des Arztes und bei irgendwelcher eingeschlagenen Therapie (Wachsuggestion, Hypnose, Kaltwasserkur, elektrischer oder medikamentöser Behandlung) gelang, den Patienten über das Examen zu bringen. Wie überhaupt für einen nicht unerheblichen Bruchteil von Neurotikern der Aufruf des Arztes, manchmal auch der einer anderen Person genügt, um den Patienten vorwärts zu treiben.2) Man wird uns beistimmen, wenn wir solche Fälle, wie immer ihre Symptome beschaffen sein mögen, als leichte, als an der Grenze der Norm befindliche bezeichnen. Wir sahen auch andere Ausgänge. Andere gingen ins Examen und fielen in einer Stimmung äußersten Konzentrationsmangels durch. Bei einem erheblichen Teil der übrigen verschlimmerten sich die Symptome, einige machten das Leiden zum Ausgang eines Berufswechsels, zuweilen schloß sich eine schwere Neurose oder Selbstmord an. Nicht wenige von den verschlimmerten Fällen schuldigten irgendeine der eingeschlagenen Kuren an und bekamen von einem der nächstfolgenden Ärzte recht. Ich entsinne mich eines von mir beschriebenen Falles, in welchem es dem Gatten gelang, eine Phobie seiner Frau vor dem Schnellfahren durch — Schnellfahren zu beseitigen. Wir würden es heute den »Gegenschock« nennen.

Niemand wird annehmen, daß diese und ähnliche Fälle als geheilt zu betrachten wären. Und auch die Kriegsneurologie spricht mit verschwindenden Ausnahmen nur von der Beseitigung eines Symptoms und entzieht ihre Patienten nach der Behandlung mit Vorliebe dem Frontdienste. Dadurch wird die Position des Kriegsneurotikers schon komplizierter. Im Gegensatz zur Friedensbehandlung, bei der der Arzt nicht zwecklos verfährt, aber eine Verwendbarkeit anstrebt im vollen Einverständnis des Patienten, ist hier wohl die Kriegsleistung als Ende der Kur in sicherer Aussicht, aber eine Kriegsleistung, die abgetönt und stufenmäßig erleichtert werden kann. So steht der Neurotiker hinter der Front und im Hinterland vor neuen folgenschweren Entscheidungen, die ihm aus dem Erfolg der Kur erwachsen. Mit Recht heben alle Autoren die Bedeutung der »Atmosphäre« im Krankenzimmer hervor. Nun, diese Atmosphäre bildet sich keineswegs nur aus der Stimmung gegenüber den Heilresultaten, sondern aus hundert Einzelheiten, darunter aus mehr oder weniger berechtigten Mutmaßungen über die spätere Verwendung und über die Zukunft.

Auch die Rentenfrage fällt ins Gewicht. Sicherlich nicht, als ob die jährliche Geldsumme dem Neurotiker als erstrebenswertestes Ziel vor Augen stünde. So liegt der Sachverhalt auch beim Unfallhysteriker nicht. Sondern die Rente hat für den Kriegsneurotiker einen ähnlichen Wert wie eine Auszeichnung, ferner als Dokument und Krankheitslegitimation in der Heimat und gegenüber etwaigen Versuchen, ihn später wieder zum Militärdienst heranzuziehen. Jedem Neurologen dürfte der kritische Ton aufgefallen sein, mit welchem der neurotische Renteninvalide bei einer neuerlichen Untersuchung seine Papiere zur Einsichtnahme empfiehlt. Die »ideelle Rente« bewegt den Neurotiker viel mehr, auch wenn der Patient bewußten logischen Interpretationen wie Furcht, Gefahr, Heimweh, Gewinn zu gehorchen scheint.

So wird, ganz wie im Frieden, jeder Zug des Arztes mit einem Gegenzug beantwortet. Ich habe fast alle meine Kriegsneurotiker in der Etappe, fern von ihrer Heimat und fern von ihren Angehörigen untersucht. Die Schwere ihrer Erscheinungen fand ich niemals im Zusammenhang mit ihrer Dislokation. Wie jeder Neurotiker strebt auch der im Kriege erkrankte aus dem großen Kreis, in den ihn der Krieg gestellt hat, zum kleinen Kreis seiner Angehörigen zurück. Solange dieser Hang neurotisch ist und besteht, wird ihn die Abwesenheit ganz sowie die gelegentliche Anwesenheit seiner Angehörigen, die Weite wie die Nähe mit der gleichen neurotischen Tendenz beeinflussen. Jede unrationelle Voreingenommenheit in dieser Frage erschwert die Vereinfachung des Falles und in weiterer Folge den Gesundungsprozeß. Man kann z. B. bei Anforderungen aus den Heimatspitälern mit Erfolg eine Erledigung von einer entsprechenden Besserung abhängig machen.

Man wird immer nachweisen können, daß die »bekannte Labilität« der neurotischen Symptome aus der Position des Neurotikers stammt, und man kann bei ihm von einer Positionskrankheit sprechen. Deshalb ist es so ungemein wichtig, daß der Neurologe das volle Verständnis für diese individuelle Haltung erlangt, daß er die Sprache des Patienten in jedem Sinne versteht, was zuweilen auf Schwierigkeiten stoßen kann.

Zu dieser »Position« des Neurotikers gehört auch die Art der verfügten Behandlung. Unlösbar wird das Problem, wenn der Kranke in der Behandlung mehr als einem Arzt untersteht. Deshalb empfehlen sich kleine Einheiten von Neurosenanstalten, deren schriftliche Ausweise über ihren Erfolg belehren könnten und die Behandlungsart nach ihrem Werte abzuschätzen erlaubten. Nur solche Erkundigungen über genesene Patienten können der Kritik standhalten, die von deren zugeteiltem Arzt abgegeben werden.

Unter Psychotherapie im engeren Sinne können nur Methoden verstanden werden, die vor jedem Eingriff erst die Psyche des Patienten erschlossen haben. Infolgedessen scheiden fast alle »psychotherapeutischen« Maßnahmen der derzeitigen Neurosenbehandlungen aus diesem Kreis aus und sind nur als Behandlungsmaxime zu bewerten. Sie stützen sich in der Kriegszeit fast ausschließlich auf Ausnutzung der Autorität und auf die volksfreundliche Darreichung eines »Minimums von Annehmlichkeiten«. Zur ersteren Behandlungsart wäre auch die Hypnose, die Wachsuggestion, die Scheinnarkose und Scheinoperation sowie die »psychotherapeutische Vorbereitung« vor der eigentlichen Kur zu rechnen. Die »heroische« Maxime kommt in schmerzhaften Prozeduren, Wasserbett, Schreckauflösung, im entziehenden Regime und als bewußte Situationsverschlechterung zur Geltung. Im besten Fall ein Mittelding stellt die von Sauer befürwortete Franksche Methode vor, da sie zu wenig Aufschluß über das Seelenleben des Patienten gibt, ihn der Autorität des Arztes anheimgibt und mit einer Art von »Gegenschock« operiert. Der nachweisbare Erfolg dieser Methoden im Kriegsverhältnisse beruht wie zuweilen auch im Frieden auf der neurotischen Flucht vor der Behandlung, die einem neurotischen Symptom gleichzustellen ist. Ein Anhänger Freuds wendet dessen Methode bei Offizieren, bei der Mannschaft die Kaufmannsdie an, beide ungefähr mit dem gleichen Erfolg.

Unter allen Umständen und bei allen Autoren fällt das aktivere Vorgehen auf. Abwartende, beruhigende Methoden oder Einbringung des Patienten in günstigere Verhältnisse kommen kaum in Vorschlag. Der Kern der derzeitigen Kriegsneurologie liegt in ihrer Tendenz, den neurotischen Eigenwillen durch entgegengesetzte Kräfte zu brechen. Nicht anders liegt das Verhältnis bei äußerlich milderer, innerlich einschneidender individueller Therapie, die besonders bei kriegsbrauchbaren Neurotikern raschen und dauernden Erfolg zu versprechen scheint: Eruierung und Aufdeckung dieses neurotischen Eigenwillens. Auch diese Methode kann auf die Verschlechterung der seelischen Position des Patienten nicht verzichten, arbeitet aber leider fast immer mit dem Vorwurf der Simulation.

Die Frage der Heredität oder der Erwerbbarkeit der Neurosen ist durch das bisherige Material nicht ganz ungelöst geblieben, insbesondere, da der Erziehungsfaktor, der Einfluß des Milieus und die Nachahmung im Falle nervöser Eltern besser als vorher berücksichtigt wird. Die Häufigkeit oder Regelmäßigkeit einer neurotischen Vorgeschichte wird fast allgemein hervorgehoben. Die Stellung des Patienten im Leben und in der Gesellschaft ist, individualpsychologisch aufgefaßt, prognostisch ausschlaggebend. Dieses individualpsychologische Eindringen in das seelische Bild des Patienten, die richtig gestellte Anamnese und das Verständnis für den gewonnenen Standpunkt des Patienten im Leben dürften auch den sichersten Leitfaden abgeben für den Grad der Aggravation, die bei keiner Neurose fehlt, und für die Aufdeckung einer etwaigen Simulation.

Ziemlich allgemein ist die Ansicht herrschend geworden, daß das Symptom mit Vorliebe die ungefähre Art und den Ort eines früheren organischen Leidens zu seiner Darstellung in Anspruch nimmt. Schüchtern ist damit gesagt, daß es sich am minderwertigen Organ ausbildet. Oder daß es in der Form annähernd normaler Erscheinungen eines Affekts als Dauerzustand auftritt, als Zittern, Erbrechen, Starre, Sprachlosigkeit usw., demnach als Phänomen der Einfühlung. Über den Grund der Fixierung finden sich wenig Erklärungsversuche. Beliebt ist die Annahme, daß die Tendenz zur Fixierung ein neurotischer Charakter sei, ebenso wie die Labilität des Symptoms. Aus der »Position« des Neurotikers wäre als wirkliche Erklärung hinzuzunehmen, daß er durch Einfühlung ein Symptom fixiert, wenn es sich als seinen neurotischen Zwecken geeignet erweist, und daß er es aus den gleichen Gründen aufgibt. Ähnliches findet man bei normalen Menschen im Bereiche des Normalen auch.

Aus den eingelaufenen Arbeiten der letzten zwei Jahre sind eine Reihe von Einzelbemerkungen, Beobachtungen und Ratschläge anzumerken. Schanz (1) sucht den Ausgangspunkt des Schütteltremors in einer segmental entsprechenden Insufficientia vertebrae, die, wie auch Blencke (2) hervorhebt, tatsächlich besteht, aber höchstens ganz indirekt beim Schüt-teltremor mitwirkt. Häufiger dürften »neurasthenische« Schmerzen aus dieser Insuffizienz zu erklären sein. Man kann sich häufig von dem Vorkommen eines Naevus an der Schmerzstelle oder segmental zu ihr gestellt überzeugen. Dieser Befund und eine meist gleichzeitig vorhandene geringgradige Skoliose oder Kyphoskoliose sichern die Diagnose gegen den Verdacht der Simulation. Andernach sah regelmäßigen Erfolg durch Verbalsuggestion, gefolgt von der faradischen Bürste. Doch wird von ihm außerdem die suggestive Atmosphäre gefordert. In ähnlicher Weise strebt Rottmann, dem Josef und Mann beipflichten, die seelische Überwältigung des Patienten durch Scheinoperation in der Narkose und pompösen Verband an. Kalmus und E. Meyer treten für die Kaufmannsche Methode ein, die neuerdings wesentlich gemildert wurde: Vorbereitung in der Form der Verbalsuggestion, einige Tage später Faradisation nur mit mittelstarken Strömen, unterbrochen durch militärische Turnübungen. E. Meyer versucht von dieser Behandlung auszuschließen: Psychopathen von neurasthe-nischem Typus und solche Hysteriker, bei denen Anfälle und psychische Erscheinungen im Vordergrunde stehen. Also schwerere Fälle. Übrigens käme es weniger auf die Art der Behandlung an als auf den Arzt. Simulation sei nicht voreilig anzunehmen. Immer handle es sich um Exazerbationen psychopathischer Konstitution. Daher sei die Ablehnung der Faradisation zu empfehlen.

Wichtige Gesichtspunkte scheint Liebermeisters (3) Arbeit zu enthalten. Da sie aus Deutschland nicht ausgeführt werden darf, weisen wir auf Anmerkungen aus Referaten hin, aus denen hervorgeht, daß sich der Autor für die Verpflichtung zur Heilung und für das Versagen einer Entschädigung einzusetzen scheint, soweit dieser Grundsatz nur durchzuführen ist. Zu dem gleichen Schluß ist Adler (4) gelangt. Er betont außerdem die Bedeutung der individualpsychologischen Methode, einer erzieherischen Psychotherapie, bei der die seit Kindheit bestehenden neurotischen Grundlinien des Charakters als fehlerhaft und irrtümlich aufgedeckt werden. Bei Vermeidung jeder Schablone findet man zuletzt als wesentlich, wie der Neurotiker instinktiv gegenüber den allgemeinen Forderungen des Lebens in einem subjektiven Gefühl der Schwäche zurückweicht, und wie er durch Einfühlung in eine Gefahr sich vor der wirklichen Gefahr zu sichern sucht. Die Neurose ergibt sich demnach als ein Mittel des Ausweichens. Die Prognose ist um so günstiger, je mehr Anzeichen eines aktiven »Mitspielens« im Vorleben des Patienten zu verzeichnen sind als Fortschritte in der Schule, Freundschaften, Liebesleben, rechtzeitige Ehe, Kinder, Berufstätigkeit usw. Der Neurotiker wird sich immer durch die Tendenz verraten, am »sichernden« kleinen Kreis seiner Familie zu kleben. Das Symptom und die Fixierung des Symptoms stehen unter der Herrschaft eines sichernden Zieles der Zukunft. Irgendwelche Schwierigkeiten, Simulation und Neurose auseinanderzuhalten, bestehen demnach nicht. Der Vortrag, der sich gegen die Starkstrombehandlung richtete, schloß mit der Mahnung, »alle Behandlungsmethoden zu vermeiden, die die menschliche Würde verletzen«. — Lewandowsky (5) schreibt auffallend ähnlich: »Die Erkrankten bekommen eine Neurose, um sich in Sicherheit zu bringen. Bei manchen spielt eine angeborene Unbotmäßigkeit — ein Sichnichtfügenwollen — bei der Entstehung des Heimatwunsches eine große Rolle. ... Die eigentliche Ursache der Krankheit liegt nicht in der Vergangenheit, nicht in dem Trauma irgendwelcher Art, sondern in der Zukunft, in dem, was der Kranke nicht mehr erdulden will. ... Die Krankheit sichert die Erfüllung des Wunsches ... einer Gefahr zu entrinnen.« Lewandowsky betont auch die Gefahr der Ansammlung von Neurotikern wegen der Infektion und hält die Behandlung in der Heimat für schwieriger wegen des Wunsches zu bleiben, sagt aber nicht, was man andernfalls gegen den Wunsch, in die Heimat zu kommen, vorkehren könnte. Mit Recht hebt dieser Autor hervor, wie ein geheilter Fall andere Heilungen nach sich zieht. Auch ich entsinne mich einiger glatter Heilungen, die eine Pflegeschwester zustande brachte, indem sie von anderen geheilten Patienten sprach. Vielleicht veranschlagt er die Bedeutung des höheren militärischen Ranges für die Heilung etwas zu hoch. Seine Kur besteht in Situationsverschlechterung nach allen Richtungen, ergänzt durch Suggestion, durch Faradisation in einer von Kaufmann abweichenden Art, durch Hypnose. Scheinoperation und Scheinnarkose verwirft er. — Meyer (6) hält jede Methode für gut, sofern der Arzt nur an sie glaubt und sie unerschrocken fortsetzt. Man müsse dem Neurotiker die Überzeugung beibringen, daß er in seinem früheren Berufe wieder verwendungsfähig sei. — Raether (7) schildert seine Anwendung der Kaufmann-Methode, bestehend aus einer Art von psychotherapeutischer Vorbehandlung mir darauffolgender Anwendung des faradischen Stroms in einer Sitzung und aus Nachbehandlung. Effekt: 97% Heilungen, bürgerlich erwerbsfähig. L. Mann (8) weist darauf hin, daß er schon im Jahre 1911 mit Verbalsuggestion und folgenden faradischen Strömen behandelt habe.

Aus Naegelis (9) »Unfalls- und Begehungsneurosen« wollen wir hier hervorheben, daß er bei einmaliger Kapitalsabfindung volle Arbeitsfähigkeit und Heilung eintreten sah. Er nimmt scharf Stellung gegen Oppenheim und leugnet, wie derzeit die meisten Autoren, den Bestand der »Unfallneurose«.

Trömner (10) demonstriert eine pseudosklerodermatische Form der traumatischen Neurose (Oppenheim), die er als hysterische Parese mit Trophoneurosen infolge von Verletzung des Handrückens und durch einen zwei Monate lang getragenen Verband verschuldet auffaßt. Derselbe hebt eine Erscheinung der »bilateralen Monästhesie« hervor, bei der zwei weit entfernte, gleichzeitig aufgesetzte Zirkelspitzen als eine Berührung empfunden werden. Er sieht darin einen brauchbaren Beweis für den Bestand einer hysterischen Aufmerksamkeitsbeschränkung. — Leußer (11) bespricht einen Fall von tachykardischen Paroxysmen, die in vier Generationen bestanden. — Heinze (12) schildert den Erfolg der hypnotischen Behandlung hysterischer Kriegserscheinungen. Er hatte 86 °/o Heilungen, auch bei simulierter Hypnose stellten sich Erfolge ein. Volle Dienstfähigkeit hatte keiner erlangt, militärische Verwendbarkeit trotz Heilung des Symptoms nur ein kleiner Bruchteil. Er hält die neurotischen Kriegserkrankungen für vorübergehende Reaktionen auf dem Boden psychopathischer Minderwertigkeit. Minkowski (13) erinnert an einen von Israel vor 30 Jahren einer Scheinoperation unterworfenen Fall. Der Erfolg dauerte so lange, bis die Kranke die Wahrheit erfuhr. — Bumke erinnert an die große Komplikation psychischer Zustandsbilder. Bezüglich der Hypnose gilt das gleiche. Ein Teil ist refraktär, ein anderer benutzt die Hypnose als Rückzugslinie, ein weiterer Teil ist von der Heilung so erfreut, daß eine »Begehrungsvorstellung« nicht angenommen werden kann. Seine Erfahrungen leiten ihn zu dem Schlüsse, man möge keine Rente zuerkennen und die Diensttauglichkeit verneinen. Gegen Scheinoperationen und manche andere Behandlungsmethoden müsse sich der Kliniker wehren, weil das Personal dazu erzogen werden muß, keinen Zwang, keine Strafe und keinen Betrug anzuwenden. — Kraus (14) scheint am Wesen der Neurose, in der das Symptom zum Mittel wird, vorbeigegangen zu sein, wenn er behauptet, die Neurasthenie ist nicht das Monopol der Neurologie. Seine Begründung geht ungefähr dahin, daß er die konstitutionelle Bedingung, die Organminderwertigkeit als Verpflichtung zur Neurose, nicht als Verlockung versteht.

Mohr (15) sieht das Wesen der Depressionszustände in einem Konflikt des Pflichtgefühls mit der Unlustabwehr, wie er sich bei gewissenhaften, skrupulösen Menschen entwickelt. (Dabei wäre freilich noch von der »unsozialen Gewissenhaftigkeit« ein Wort zu sagen.) — Die Heilung kann nur durch psychische Beeinflussung zustande kommen. Für die Behandlung erweisen sich als notwendig: Kleine Erholungsheime mit 20 bis 30 Patienten auf einen Arzt in der Etappe, fern von der Heimat, Ausschaltung von allen anderen Kuren und Einleitung einer Psychotherapie, die den Patienten zum Herrscher über seine Symptome macht. — Weichbrodt (16) hebt wieder hervor, daß die Erkrankung oft erst längere Zeit nach dem Trauma ausbreche. Zuweilen entstehe sie erst durch ein Wiedererleben eines Traumas oder durch die Aussicht auf ein solches bei Soldaten, die noch nicht im Felde waren. Bezüglich der Frage: hinter der Front oder in der Heimat? lehnt er eine einheitliche Entscheidung ab. Die Rothmannsche Methode scheint ihm den Krankheitsgedanken zu festigen. Auch kann die Narkose abgelehnt werden. Die Kaw/mannmethode läßt er gelten. Betreffs der Hypnose hebt er die Persönlichkeit Nonnes als ausschlaggebend hervor. Seine Methode besteht in einem einfachen Dauerbad von 24 Stunden, das zuweilen auf 40 Stunden ausgedehnt wurde. Eine Steigerung der Wirksamkeit ergibt sich bei Verabreichung des Dauerbades in einer geschlossenen, unruhigen Station. Der Erfolg betrifft nur die Störung, nicht die Hysterie. Ausgang oder Urlaub werden untersagt. Wenige werden felddienstfähig, alle berufsfähig. Tritt für Entziehung der Renten ein. — Für Offiziere dürfte sich diese Methode nicht eignen. — Alt (17) glaubt nur an die »Hinterlandsneurose«. Nach einer Schätzung werden 75% garnisondienstfähig. — Quensel (18) sieht in der Kriegsneurose eine Kombination einer wirklichen Krankheit und einer Reaktion auf äußere Umstände. — Jolly (19) findet im Kriegsneurosenmaterial 1-3% felddiensttauglich und hebt besonders den Wert der Arbeitstherapie hervor. Hypnose zeigte sich wenig wertvoll, die elektropsychische Behandlung wirkte gut. — Er empfiehlt schwache Ströme verbunden mit Übungen. »Maßgebend ist nicht, wie die Leute entlassen werden, sondern was später aus ihnen wird.« Seine Nachforschungen ergaben: Von 41 Hysterikern blieben 30 d. u., drei kamen ins Feld, fünf wurden g. h. und drei a. v. — Von 23 Neurasthenikern kam einer ins Feld, 15 wurden g. d. f., drei a. v. und vier d. u. Von 14 Fällen mit leichten Störungen kamen fünf ins Feld, neun wurden g. d. f. Bei einem Drittel dieser Hysteriefälle schwankte die Intelligenz zwischen leichter Debilität und Imbezillität. Eine ungemein wichtige Bemerkung macht dieser Autor, ohne ihr weiter nachzugehen. Er findet nämlich in seinem Material auffallend viele ungelernte Arbeiter. Auch das riesige Material der Krakauer Nervenzentrale zeigt das gleiche Verhältnis. Es drückt sich darin, wie in seinem Gegenstück, in der relativen Seltenheit der grob sinnfälligen Kriegsneurosen bei Offizieren, die für das Verständnis der Neurose grundlegende Tatsache aus, daß ausschließlich zögernde, den gesellschaftlichen Aufgaben gegenüber zaghafte Naturen befallen werden. — Kehrer (20) gibt endgültig die Hoffnung auf, auch nur bei einem nennenswerten Prozentsatze der Kriegsneurotiker Felddienstfähigkeit zu erreichen, mahnt aber zur größten Kraftanstrengung, um brauchbare Arbeiter hinter der Front zu erzielen. Seine Methode setzt sich aus allen Situationsverschlechterungen zusammen, darunter auch Einschränkung der Nahrungszufuhr und Milchdiät und aus »Gewalt- oder Zwangsexerzieren«. Er tadelt den Mißbrauch des faradischen Stroms in der Hand von Nichtfachärzten und ist von der aufklärenden Psychotherapie enttäuscht, ohne auf die Art der versuchten Aufklärung weiter einzugehen. Er legt ebenfalls viel Gewicht auf die Atmosphäre, in der sich jeder sagen müßte, daß er ungeheilt nicht vorkommt, und setzt die militärische Autorität in der Behandlung obenan.

Sauer (21) knüpft mit Frank an den anfänglichen Anschauungen Breuer-Freuds an, nach welchen die Neurose einem eingeklemmten Affekt entstammt, und lehnt den späteren Standpunkt Freuds von der sexuellen Ätiologie bezüglich der Kriegsneurose ab. Er versucht also, die »Affektspannung« durch Wiederauflebenlassen des Affekts in der Hypnose zu verringern, und berichtet über Heilungen, die durch Briefe aus dem Felde ihre nachträgliche Bestätigung gefunden haben. Mit Recht hat Wexberg dieser und ähnlichen Theorien vor Jahren entgegengehalten, wer bei einem Erlebnis, sexuellen Trauma usw., derart verändert wird, wird nicht erst daran krank, sondern ist schon krank. Femer wäre der Einwand zu erwägen, wie wenig Verständnis für das Wesen des Patienten bei dieser Kur erwächst, so daß die Behandlung nicht als ätiologische, sondern viel eher als eine durch unwissentliche Situationsverschlechterung bewirkte angesehen werden müßte. Außerordentlich naheliegend ist es auch, anzunehmen, daß der Patient bei diesen therapeutischen Vorgängen mehr aus seinem Seelenleben und über sein Ziel errät, als der Arzt merkt, und daß ersterer in dieser neuen Position die Schwenkung zur Abtragung des Symptoms macht. Damit ist die praktische Eignung der Methode nicht bestritten. Hervorzuheben ist noch, daß der Autor Heimatlazarette bevorzugt. — Jalowicz (22) betont die Seltenheit der Entstehung von Neurosen im Felde. Unter 25 Fällen fand er nur zwei, die nicht vorher schon anderer Leiden wegen in Behandlung gestanden hatten. Er weist auf den neurosenfeindlichen »Gefechtstonus« in den vorderen Reihen hin, hebt den Mißbrauch mit dem Trauma der »Verschüttung« hervor und stellt fest, daß er niemals eine Neurose im Anschluß an eine wirkliche Verschüttung gesehen habe. Er hebt gegen Oppenheim nochmals die Möglichkeit eines Übergangs von Simulation in Neurose hervor und warnt vor allzu raschem Abtransport in die Heimat. — Der Gegensatz zu Oppenheim ist nur ein scheinbarer, da auch Jalowicz nicht die Entstehung der Neurose, sondern neurotischer Symptome bei ursprünglich Simulierenden im Auge haben dürfte. Die »Symptombereitschaft« benötigt in der Tat zu ihrer Vollendung einer Anzahl von Vorbereitungen, Trainings, Arrangements, von denen, wie auch die Friedenspraxis zeigt, einige in den Bereich der Simulation und Aggravation fallen. Dieser Vorgang geschieht in der »Latenzperiode« und läßt sich am übersichtlichsten aus den Träumen verfolgen und vorhersagen.

Sommer (23) beseitigt funktionelle Taubheit bei Soldaten mittels einer experimentell-psychologischen Methode. Während der Patient am Apparat zur Analyse der Fingerbewegungen sitzt, wird plötzlich hinter ihm eine Glocke angeschlagen. Es erfolgt eine Zuckung des Vorderarms als Beweis, daß der Ton vernommen wurde. — Fast alle seine Fälle hatten auch eine objektive Schädigung, z. B. Trommelfellruptur. Sommer sieht das Wesen der Neurose in einem »krankhaften Zwange zur Reflexunterdrückung«. Dies soll wohl kaum mehr als eine Umschreibung des Tatbestandes sein. Nißl. v. Meyendorf macht in der Diskussion darauf aufmerksam, daß es sich bei diesen tauben Soldaten um hörende gehandelt haben muß. — Man darf sich die therapeutische Wirkung wohl ähnlich vorstellen wie bei dem Kunstgriff, der bei frischen Fällen oft gelingt, den Kranken nach gründlicher Untersuchung mit den Worten zu verlassen: »Eine solche Krankheit gibt es nicht.« — Imhofer (24) betont die Schwierigkeit der Entlarvung von Simulanten der Taubheit, zu der viel Zeit, viel Beobachtung und ein mit Einfällen gesegneter Arzt gehöre. Wichtig sei die organische Beschaffenheit und die Vorgeschichte des ganzen Menschen. Die Anästhesie des Trommelfells sei bedeutungslos. Das Ergebnis der Prüfung des statischen Organs sei bedeutsam. Ferner sei die Psychologie des wirklich Tauben heranzuziehen. Die Idiotie darf nicht vergessen werden.

Erich Stern (25) will die Pathogenese der Psychoneurosen »in einer Labilität der psychoneurotischen Einzelfaktoren« gefunden haben, »aus denen sich dann ein labiles Gleichgewicht der Gesamtpsyche herleitet«.

Strümpell (26) unterscheidet zwei Gruppen von funktionellen Nervenerkrankungen: 1. solche Erkrankungen, die mit dem Bewußtsein direkt nichts zu tun haben, 2. solche, die mit einem veränderten Zustand des Bewußtseins zusammenhängen. Zu ersteren zählt er Epilepsie, Chorea, Eklampsie, Myasthenie, Tetanie, echte Neuralgie und Migräne und benennt sie somatische funktionelle Neurosen. Schwierig scheint ihm die Einreihung von Tik, Tremor, Myoklonie, vasomotorischer, sekretorischer und traumatischer Neurose. Für organische Erkrankung sprechen dauernde Ausfallerscheinungen, Ea.-R., reflektorische Pupillenstarre, Fehlen von Reflexen und pathologische Steigerung der Reflexe mit Ausdehnung der reflexogenen Zonen. Für psychogene Erkrankung sprechen Reizsymptome, charakteristische An- und Hemianästhesien und die Möglichkeit der suggestiven Provokation von Anfällen. Manches an dieser Einteilung dürfte zu exakt ausgefallen sein, z. B. die Bedeutung der Reflexsteigerung mit Ausdehnung der reflexogenen Zone, die man gerade bei psychogenen Kriegsneurosen häufig sieht, insbesondere wenn sich der wohl jedem Untersucher aufgefallen, unbewußt eingelernte Spasmus vorfindet.

Rothe (27) empfiehlt die stoische Philosophie als Mittel der Beeinflussung von Stotterern. Es ist dies bei dem häufigen Fehlschlagen aller Kuren gewiß ein bemerkenswerter Standpunkt. Rothe sucht mit Recht eine seelische Umwandlung des ganzen Menschen zu erzielen, in der Überzeugung, daß »dem Stoiker das Stottern eine Prüfung des Schicksals ist, der er sich durch Beruhigung würdig erweisen muß«. Die Schwäche dieser Anschauung liegt offensichtlich im Begriffe der »Prüfung«, da so die Wurzel des Übels unerkannt bleibt und bestenfalls zufällig, sicher ohne begleitendes Verständnis des Arztes wegfallen könnte.

Sterts (28) betont die Analogie der normalen Affektausstrahlungen und der hysterischen Symptome. Erstere wären als physisch, nicht als psychisch anzusehen. Die hysterische Reaktionsweise sei unabhängig von gleich­zeitigen organischen Veränderungen und entstehe auf dem Boden einer bestimmten Veranlagung. Eine weitere Bedingung zum Ausbruch der Krankheit sieht er wie Charcot und Breuer im »hypnoiden Zustande«. Die Neigung zur »Fixierung« könnte ein allgemeines Prinzip der psycho­pathologischen Anlage sein. Hysterische Komplexe könnten ohne Wünsche, Begehrungsvorstellungen, Erwartungen, Befürchtungen bestehen. Ist das letztere aber der Fall, wie bei der Renten- und Kriegshysterie, so ergibt sich daraus eine Quelle stets sich erneuernder Energie, die die Krankheit unterhält. — Der naheliegende Einwand, ob die »Labilität« der Symptome ebenso wie die »Fixierung« ein allgemeines Prinzip der Anlage darstellt, und wann das eine, wann das andere in Kraft tritt, ein Gesichtspunkt, der tiefer führen könnte, wird von Stertz nicht berücksichtigt. Auch die Mittel nennt der Autor nicht, mit denen es ihm gelungen ist, richtunggebende Ziele des Hysterikers auszuschließen. Dagegen nähert sich seine Auffassung von der Renten- und Kriegshysterie der Erfassung des Begriffs der »aktuellen Position«, einer erschwerenden Form der »individuellen Position« des Neurotikers. — Zangger (29) steht auf dem Boden der Anschauung, die eine Heilung der Neurosen durch eine Korrektur des Charakters und durch Verschärfung des Verständnisses zu erzielen sucht. — Dubois (30) bekämpft mit Recht, aber ohne schlagende Gründe den Begriff der »Konversion«, der von Freud herrühren dürfte. Er meint, daß »alle beobachteten nervösen Störungen gewöhnliche physiologische Erscheinungen des emotionellen Zustandes« seien. »Sie weichen vom normalen Zustande nur durch ihre Intensität und durch ihre Fixierung ab.« Dies ist so weit richtig, als wir in der Tat niemals überphysiologische Erscheinungen wahrnehmen. Der Konversionsbegriff setzt aber etwas anderes, die Erhaltung der seelischen Energie in der dürrsten Weise voraus und verdankt sein Dasein nur dem Umstände, daß der Arzt jede von der seinen abweichende Reaktion als Konversion verzeichnet. — Mit Übersehung der Tatsache einer individuell-zweckmäßigen Reaktion kommt Schuster (31) zu dem Schlüsse, daß sich in Fällen, in denen die Funktion dauernd oder vorübergehend krankhaft verändert ist, das anatomische Substrat irgendwie gegen die Norm verändert hat.

Nonne (32) zielt nur auf den Effekt der Symptomfreiheit mit seiner Suggestionsbehandlung. Die Methode eigne sich auch für Offiziere. Die Fähigkeit zu Rezidiven sei groß. Felddienstfähigkeit käme selten zustande. Der Hauptwert dieser Behandlung bestünde in Erreichung des a. v., die Rente falle weg. Von 42 neuerlichen Fällen leisteten 26 volle Arbeit, 16 waren noch leidend, verrichteten aber leichte Arbeit, zwei wurden rückfällig. Die ursprüngliche Kaufmann-Methode habe sich ganz in Persuasions-Methode verwandelt, bei der mit faradischen Reizen nachgeholfen werde.

Straßer (33): »Alles, was aus der Imaginationstätigkeit eines Menschen sich schöpferisch zu entwickeln vermag, kann zum Symptomenkomplex einer funktionellen Gemüts- oder nervösen Erkrankung verwendet werden. Jede seelische Tätigkeit muß vor allem als vorbereitende Aktion in die Zukunft verstanden sein. Die finale Orientierung des seelischen Geschehens, die man nur der »Rentenhysterie« zubilligen wollte, läßt sich bei jeder Neurose nachweisen. Die Imagination einer Erschöpfung kann sich funktionell genau wie diese selbst äußern. Das »Trauma« hat die Eignung, die persönliche Verantwortlichkeit beiseite zu schieben. Von der Gesundheit führen zahlreiche Spuren zur nervösen Erkrankung und fast jeder wird aus einer Katastrophe in irgendeiner Form ein Memento und eine Sicherung nach Hause nehmen. Individualpsychologisch läßt sich hinter der Neurose immer der Schwächling erkennen. Seine Unfähigkeit, sich in den Allgemeinheits­gedanken einzufügen, erweckt gegen denselben Aggression, die sich neurotisch gestaltet. Eine Therapie muß den grundlegenden Konflikt zwischen Staatspflicht und Individualität lösen können.«

Die Kriegsneurose hat die wichtigsten Fragen der Neurosenpsychologie in beschleunigten Fluß gebracht. Die weitere Verfolgung des Materials und der einschlägigen Arbeiten dürfte zu einheitlicheren Anschauungen führen, die sich den unseren nähern werden.

 

• Literaturverzeichnis.  

 

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1) Adler, Die andere Seite, Massenpsychologische Untersuchung über die Schuld des Volkes. Wien 1918.

2) Der Gang zum Arzt bedeutet für die Hälfte etwa der »Nervösen« den Entschluß zur Besserung, zur Aufgabe eines überflüssig oder störend gewordenen Symptoms. Von diesen 50% »Heilungen« leben alle neurologischen Richtungen weiter.


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