c) Kreis der Prostitution


Diese drei Kategorien von Personen, die wir nun betrachten wollen, sind:

1. Prostitutionsbedürftige. Hierher gehört die ungeheure Masse eines bestimmten nervösen Typus der Menschheit, deren genaue Schilderung in des Autors Über den nervösen Charakter, l. c. und vor allem auch in The Homosexual Problem1) zu finden ist. Eine schematische Schilderung mag an dieser Stelle erfolgen.

Die äußere Haltung dieser Personen erscheint oft ganz unähnlich. Man findet unter ihnen Männer, die zu Jähzornsausbrüchen und tyrannischer Herrschsucht geneigt sind und sich mit großer Unduldsamkeit und Überempfindlichkeit gegen den Anschluß an die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade gewaffnet haben. Dabei eignet ihnen eine auffallende Vorsicht, sie wählen in der Regel gesicherte Berufe, fallen durch ihr grenzenloses Mißtrauen auf und sind nie wirkliche Freunde gewesen. Hervorragend sind ihr krankhafter Ehrgeiz und Neid, zuweilen fühlen sie sich zur Übernahme von öffentlichen Ämtern gedrängt, erfüllen aber ihre Aufgaben meist mit einem großen Aufwand von Hinterlist, Prestigepolitik und Intrigen. Manchmal gelangen sie — wie durch einen Irrtum — zur Gründung einer Ehe; dann behandeln sie Frau und Kinder mit rücksichtsloser Strenge, nörgeln ewig, sind immer unzufrieden und finden oft wieder den Weg zur Dirne zurück. Oder sie behandeln ihre Frauen wie Dirnen. Jeder Schwierigkeit gehen sie ängstlich aus dem Weg oder trachten sie auf listige Weise zu umgehen. Sie fürchten die Bindung an eine Person und fühlen in ihr eine Unterwerfung. Polygame Tendenzen wiegen vor. Sie haben ihr ganzes Leben und Streben auf billige Triumphe gesetzt und lassen sich durch eine Unzahl von Prinzipien leiten, die immer den anderen ins Unrecht setzen. Immer anklagend, immer richtend grenzen sie bereits an jenen erstgeschilderten Typus, der aber konsequenter mit der menschlichen Gesellschaft auch die Prostitution verwirft. Auch ihre Unzufriedenheit erstreckt sich auf die Frau, die sie durchaus für eine niedrige Art von Menschen halten. Und so wird auch ihnen das Weib zum Mittel wie den strengen Antifeministen, und sie bedienen sich desselben dort, wo seine Widerstandslosigkeit den Aberglauben von der männlichen Überlegenheit restlos zu erweisen scheint. Dieser Typus von Menschen ist es, der das Bedürfnis nach der Prostitution schafft und unterhält. Man wird bei ihm auch die seiner Linie entsprechende Überzeugung von der Alleinherrschaft des Sexualtriebes im menschlichen Seelenleben finden, oft höchst bizarr und wissenschaftlich verkleidet, während die wahre, ihm unbekannte Triebfeder seiner Weltanschauung, die Voraussetzung seines Denkens und Handelns, sein männlicher Paroxysmus, nur die großen Schwierigkeiten des Lebens umschleicht, um billige Triumphe über Willenlose oder willenlos gemachte Objekte zu ernten. Als Grenznachbarn dieses Typus erkennen wir ferner gewisse Keuschheitsfanatiker, die aus Furcht vor der Frau schwere, oft unerfüllbare Bedingungen des Geschlechtsverkehrs stellen, dadurch aber gleichfalls allen wirklichen Schwierigkeiten aus dem Wege gehen. Als einen scharf umrissenen Typus der Bekenner zur Prostitution kann ich noch nennen: Söhne aus guten Familien, die man in oberflächlicher Weise oft als zur »moral insanity« gehörig bezeichnet und als unheilbar nimmt, die nach unserer Erfahrung aber, ähnlich wie oben geschildert, den Anforderungen des Lebens infolge ihrer Selbstunsicherheit aus dem Wege gehen und lieber eine moralische Verurteilung auf sich nehmen, als daß sie sich — bei ihrem latenten empfindlichen Ehrgeiz — einer vermutlichen Niederlage im Verlaufe ehrlichen Strebens aussetzen. Wie wesensverwandt diese Personen den öffentlichen Dirnen sind, zu denen sie sich getrieben fühlen, wird später noch weiter ersichtlich werden. Desgleichen wird man den starken Zug zur Dirne beobachten können bei Personen, die leicht dem Alkohol verfallen, weil auch sie, wie die ganze hier abgehandelte Gruppe, dem billigen Kompromiß im Leben geneigt sind, gerne nach Vorwänden für ihre Verhinderungen suchen und Meister sind in der Kunst, ernste Verantwortungen von sich abzuweisen. Auch Männer mit Verbrechensneigung weisen oft den gleichen Hang zur Prostitution auf; wir finden auch ihre Verbrechensneigung begründet in ihrer Vorliebe, schwierigeren Lösungsversuchen bei entsprechender individueller Eigenart durch Bruch eines gesellschaftlichen Übereinkommens aus dem Wege zu gehen. Besonders innig ist auch der Zusammenhang gewisser Formen von Neurose und Psychose mit der Prostitution; dazu ist gleichfalls zu bemerken, daß auch diesen Personen, wie aus ihrem Leiden ersichtlich, Minderwertigkeitsgefühl, mangelndes Selbstbewußtsein, krankhafter Geltungstrieb, Neigung zur Unverantwortlichkeit und die Vorliebe für seelische Kunstgriffe und Praktiken anhaften, die wie die bezahlte Eroberung einer Frau ihrem Selbstgefühl schmeicheln. Seelisch verwandt sind ihnen auch jene Gestalten, die Ehegefährtinnen niedriger Kultur oder selbst Dirnen suchen, um so zugleich ihre Furcht vor der Frau zum Schweigen zu bringen und ein zaghaftes Herrschergelüst dauernd zu befriedigen.

Gewiß greift der Strom der Besucher der Prostitution über die Grenzen dieses scharf umrissenen Typus hinaus. Man möge aber bedenken, daß gelegentliche oder vorübergehende Positionen auch Menschen anderer Art in ähnliche Beziehungen zu bringen vermögen, wo dann ein gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl nach rascher müheloser Befriedigung hascht. Ebenso kann auch ein ungeeignetes Mädchen gelegentlich dem Stande der Prostitution anheimfallen. Das Bestreben, andere gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, wird sich in diesen Fällen deutlich genug offenbaren. Nicht aber diese, sondern die große unerschöpfliche Zahl der »Prostitutionsbedürftigen« sind die Grundpfeiler des Dirnentums als einer Institution.

2. Zuhälter. Man dürfte mit uns übereinstimmen, wenn wir die seelische Grundstimmung des Zuhältertums dahin verstehen, daß auch bei diesen Personen ein mangelhaftes Gemeinschaftsgefühl, eine Neigung zu billigen Erfolgen, die Erfassung der Frau als Mittel zum Zweck und der Hang zu mühelosen Befriedigungen von Herrschaftsgelüsten den Zusammenhang mit der Prostitution als Massenerscheinung immer wieder herstellen. Die mächtige Förderung des Dirnentums, die von dieser Schichte ausgeht, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Der Zuhälter hat die Funktion eines Schrittmachers, und er oder der Mädchenhändler lenken die angehende Dirne in die Bahn der öffentlichen Prostitution, helfen geheimen Neigungen nach, nehmen den letzten Rest von Verantwortlichkeitsgefühl von solchen Mädchen, die auf sich selbst gestellt noch schwanken und zaudern könnten. Die seelische Verwandtschaft mit den »Prostitutionsbedürftigen« ist unverkennbar. Die Linie ihrer Persönlichkeit ist auf mühelosen Erwerb gerichtet, die Distanz zum Verbrechertypus ist meist verschwindend klein, der Hang zum Alkoholismus und zur Brutalität sind Paroxysmen eines empfindlichen Schwächegefühls, kompensierende Akte eines ungestillten Geltungstriebes. Die Stellung des Zuhälters zur menschlichen Gesellschaft enthält sichtbar eine kritische, kämpferische, revoltierende Note, und seine aufdringlich hervortretende Stellung als Retter und Beschützer der Dirne geben einen beredten Hinweis auf seine Großmannssucht. Strafen der Gerichte trägt er wie ein Duellant die Wunden, auch findet er Belohnung und tröstliche Genugtuung dafür in der gesteigerten Achtung und Bewunderung seiner gleichgestimmten Kreise. So hat auch er sich eine subjektive Welt errichtet oder gefunden, die seinem krankhaften Geltungstrieb fern von der rauhen Wirklichkeit in fiktiver Weise Rechnung trägt. Man wird uns nicht mißverstehen, wenn wir auch hier die Verwandtschaft mit dem »nervösen Charakter« hervorheben. Schließlich wirft diese Untersuchung auch ein helles Licht auf die seelische Verfassung jener Personen, die, vor Schwierigkeiten ihres Lebens gestellt, einen Notausgang suchen, indem sie die Hingabe ihrer Gattin an andere als Preis für die eigene Förderung bezahlen.

3. Die Prostituierte. Die gebräuchlichen Anschauungen über die Triebfedern zur Prostituierung haben wenig psychologisch brauchbares Material zutage gefördert. Es ist eine unhaltbare Anschauung, daß Not und Elend als ausschlaggebend anzusehen sind. Denn vor allem gibt uns diese Annahme keinerlei Rechenschaft bezüglich der Auswahl jener armen Mädchen, die der Prostitution anheimfallen können. Oder will man behaupten, daß dies nur von einem Mehr oder Weniger von Entbehrungen abhängig sei? Dann unter­schätzt man — ich will nicht gerade von Moral und Charakter sprechen — aber doch wohl die Abneigung gegen jene soziale Erniedrigung, die gemeiniglich mit dem Begriff der Dirne verbunden wird. Was bei solchem Fehlurteil vorschweben mag, sind ganz andere betrübende Erscheinungen sozialer Art, die häufige Tatsache etwa, daß Mädchen unter dem Drucke großer Sorgen oder Elends das »Gut« ihrer Weiblichkeit dauernd oder vorübergehend an den erstbesten verkaufen, ohne nach ihrer Neigung zu fragen oder gegen alle Neigung auch. Das unterscheidende Merkmal liegt in der kontinuierlichen »Erwerbsbeflissenheit«, die so weit geht, daß selbst reich gewordene Prostituierte ihrem Beruf mit der Emsigkeit des Gewerbetreibenden immer weiter nachgehen. Was hält diese Personen mit so eiserner Gewalt bei ihrem Berufe? Ist es nicht die gleiche Befriedigung, mit der auch der Geschäftsmann seinen Aufgaben obliegt? Ist es nicht das gleiche Geltungsbedürfnis, die gleiche »Expansionstendenz«, die wir bei allen Menschen, besonders stark aber bei allen jenen wiederfinden, die wir als »nervöse Charaktere« zu bezeichnen pflegen? Im vorhergehenden Teil dieser Arbeit haben wir jene krampfhaften Versuche geschildert, durch gewisse Personen zu Prostitutionsbedürftigen oder zu Zuhältern werden — und haben diese trügerischen Exaltationen als Auswege, als erborgten Schein von Kraft erkannt. In diesen unsozialen Erscheinungen spiegeln sich Furcht gegenüber den normalen Forderungen der Gesellschaft, die folgerichtig abgewiesen werden, mangelhaftes Selbstvertrauen zugleich in die eigene Leistungsfähigkeit gegenüber den Erwartungen des gesellschaftlichen Lebens und ein Kunstgriff: aus der Sexualbeziehung auf leichte, widerstandslose Weise die Empfindung, den subjektiven Eindruck einer Erhöhung der eigenen Persönlichkeit zu gewinnen. Daß letztere Selbstbereicherung auf dem erhöhten Schein einer vollendeten Männlichkeit beruht, wurde bereits angedeutet. Wie, wenn die gleichen seelischen Triebfedern in der psychischen Struktur der Prostituierten sich fänden? Wenn sie es wären, die erst ein Mädchen zur Prostitution tauglich machten und ihr den Weg wiesen?

Bevor wir an die Untersuchung dieser Fragen und anderer Beantwortun­gen gehen, wollen wir noch eine andere, weit verbreitete Anschauung über die seelische Konstitution der Prostituierten erwähnen und ihre Unnahbarkeit aufdecken. Es ist gewiß verzeihlich, wenn kenntnislose Laien die Prostituierte, deren Gewerbe sie verurteilen müssen, sofern sie ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung treu bleiben wollen, als einen Abgrund von Sinnlichkeit, als ein stets entflammtes Wesen ansehen. Gelehrte Untersucher können nur im Leichtsinn oder von Blindheit geschlagen zu einer derartigen Anschauung gelangen. Da sich diese Ansicht aber recht häufig in wissenschaftlichen Abhandlungen findet, zuweilen mit Lombrosos unrettbarer Behauptung vom angeborenen Dirnencharakter verbrämt, so müssen wir hervorheben, daß der Dirne bei der Ausübung ihres Berufes jede sinnliche Regung fehlt. Anders freilich, wenn sie ein Liebesverhältnis eingeht oder ihrem Zuhälter gegenüber oder im homosexuellen Verkehr, dem sie auffallend häufig huldigt. Man kann sagen, daß nur in letzteren Beziehungen ihre Sexualität zur Geltung kommt, oft ge-nung in Form einer Perversion, die uns schon auf die Abneigung der Prostituierten gegen die weibliche Rolle hinweist. In ihrem Berufe spielt sie nur für den gerngläubigen Partner ein weibliches Wesen, für ihre eigene Empfindung aber steht sie fern der weiblichen Rolle, ist bloß Verkäufer und bleibt frigid. Und während der Prostitutionsbedürftige seine männliche Überlegenheit über ein Weib zu fühlen glaubt, wird sie sich nur ihrer Werbekraft und ihrer Forderung, demnach ihres Wertbesitzes inne und degradiert den Mann zum abhängigen Mittel ihres Unterhaltes. So gelangen beide auf dem Wege einer Fiktion zum täuschenden Empfinden ihres persönlichen Vorranges.

Mit dieser Feststellung sind wir dem Kernpunkt der oben aufgeworfenen Fragen näher gerückt. Der verwegene Kunstgriff, den Sexualverkehr in ein Geldäquivalent umzuwerten, charakterisiert das Wesen der Prostitution ebenso wie das der beiden anderen geschilderten Gruppen. Und wie bei den der Prostitution zugehörigen Männern bewirkt die Fiktion eines befriedigenden Triumphes, einer immer neu gewonnenen Geltung das Verbleiben und die Standhaftigkeit dieser Einrichtung, sowie sie die hauptsächlichste Verlockung aller Beteiligten zur Prostitution bildet.

Die Fähigkeit aber, eine unveräußerliche Funktion der Frau, ihres Körpers und ihrer Seele, in Geld umzurechnen, kann nur der erringen, in dessen Seelenleben die Voraussetzung von der Minderwertigkeit der Frau fest verankert ist. Dies zeigt sich auch in den dazugehörigen Umgangsformen und es zeigt sich in dem Werdegang jeder Prostituierten. In meist frühzeitiger Verderbnis empfinden sich diese Mädchen als Opfer des »überlegenen« Mannes, der geachteter Angreifer bleibt, während das Mädchen verurteilt wird. Was Wunder, daß da das weibliche Harren auf den Mann als Schwäche, als der Feind, als fatale Dupierung veranschlagt wird, und im gleichen Sinne der Versuch, es dem Manne gleich zu tun, werbend wie er aufzutreten, sich weiblicher Haltung und Sittsamkeit zu entschlagen, um so mehr dem ungeübten Verstände einleuchtet, je mehr die weitere Vertiefung der Frauenrolle, Heirat und Mutterschaft, die Erwartungen der Gesellschaft, ungangbar werden, durch die Vorgeschichte sowohl als durch das Gefühl der Nichtigkeit gegenüber dem Manne. Sich in der Prostitution einen Ausweg und jene Geltung zu verschaffen, die ihr anderswo verwehrt ist, kennzeichnet regelmäßig die Laufbahn der Prostituierten, den sie meist nach fruchtlosen oder fruchtlos scheinenden Versuchen — aus ihrer Stellung als Dienstmädchen, Gouvernante oder Arbeiterin geworfen — einschlägt. Immer aber schwebt ihr dabei die Schablone des »aktiven« Mannes, nicht die der »passiven« Frau vor.

Einschneidende Bedeutung gewinnt bei diesem Entwicklungsprozeß das allgemein verbreitete Giff einer übermännlichen Weltanschauung. Es durchdringt schon das Familienheim der späteren Dirne, gewährt dem Vater die tyrannische Alleinherrschaft und macht die Frau und Mutter zum schreckenden Vorbild einer künftigen Frauenrolle. Es erhebt die Brüder zu einem beneideten Rang, macht dem Mädchen seine Weiblichkeit zum Makel und Vorwurf. Der Glaube an die eigene Kraft versinkt, und der oft noch unreife Verführer findet ein widerstandsloses, feiges Geschöpf, das in der Furcht des Mannes herangewachsen ist, oder das voll verhaltener Wut über sein weibliches Schicksal, gar oft auch aus den gleichen Gründen in einer Revolte gegen Verhaltungsmaßregeln der Eltern seine normale Entwicklung nicht finden kann, von der es die gelungene Verführung noch weiter abdrängt. Auch die weiteren Folgen der Verführung sind beachtenswert: Die Schlußfolgerungen werden nicht im Sinne einer Korrektur gezogen, sondern es vertiefen sich Minderwertigkeitsgefühl, Unglaube an die eigene Kraft und der Abscheu vor der weiblichen Rolle. Nun ergibt sich der breite Pfad des Dirnentums in einem Rausch der Aktivität, als Revolte gegen die Forderungen der Gesellschaft, als Ausweg gegenüber schwerer erreichbaren Zielen, der der werbenden und erwerbenden Männlichkeit näher zu liegen scheint, der Geltung verspricht und von dem Gefühle völliger Nichtigkeit erlöst. Uns anderen scheint die Rechnung nicht zu stimmen. Man frage aber die Dirnen und ihre Zuhälter!

 

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1) In: The Urologie and Cutaneous Review, Technical Supplement, Saint Louis, Miss. Oktober 1914. Deutsch: Das Problem der Homosexualität. München 1918.


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