[Kinderpsychologie und Neurosenforschung]

Zweiter Teil


Die Seelenkunde sowie die Pädagogik muß sich mehr als bisher auf die Erfahrungen des Neurologen und Psychiaters stützen. Die Psychotherapie drängt uns mit Macht zur Erschließung des kindlichen Seelenlebens. Wenn es richtig ist, wie ich immer wieder zu zeigen versuche, daß die Erfahrungen des Lebens, die Lehren der Vergangenheit, die Erwartungen der Zukunft, stets zugunsten des in der Kindheit gefaßten, fiktiven Lebensplanes gerichtet werden, daß ein bißchen falsche Buchführung und ein wenig Autismus — und dies ist ja wohl seine Bestimmung! — genügen, um die alten Linien wieder zu gewinnen und die erhöhte Aggression gegen die Forderungen der Gemeinschaft offen oder verschleiert wieder zum Ausdruck zu bringen, dann bleibt nichts übrig, wenn man die Folgen eines solchen Lebens, in der Einbildung gelebt, beseitigen will, als eine Revision dieses kindlichen Systems durchzuführen. Die dabei nötige Zusammenhangsbetrachtung glaube ich ins richtige Licht gerückt zu haben, den Symptomen, Charakterzügen, Affekten, der Einschätzung der eigenen Persönlichkeit des Kranken sowie seiner Sexualbeziehung gebührt dabei die Stelle wie der Neurose und Psychose im Ganzen: sie sind Mittel, Tricks, Zauberkunststückchen, die der Tendenz dienen, von unten nach oben zu kommen. In dem Erleben des Schicksals eines Patienten, in der Ergriffenheit des Psychotherapeuten durch das seelische Porträt bleibt ferner niemals der Eindruck der vermehrten Spannung, einer Art Gehässigkeit aus, die zwischen dem Patienten und seiner Welt besteht, und wie er zur Bewältigung derselben zu gelangen hofft. Und wir schildern eigentlich kindliche Verhältnisse und die Kinderseele, wenn wir erzählen, wie aus der Angst eine Waffe für die Eigenliebe wird, wie ein eigener Zwang gesetzt wird, um einen fremden Zwang der Gemeinschaft zu verhindern, wenn wir von der zögernden Attitüde im Falle einer Entscheidung sprechen, von der Beschränkung auf einen kleinen Kreis, vom Nichtmitspielenwollen, vom Kleinseinwollen, um sich den Forderungen des Lebens zu entziehen, und von Größenideen. Es wäre unrichtig, diese Erscheinungen als Infantilismus samt und sonders aufzufassen. Wir sehen bloß, daß, wer sich schwach fühlt, als Kind, als Wilder oder als Erwachsener, zu ähnlichen Kunstgriffen gedrängt wird. Deren Kenntnis und Übung stammt aber aus der individuellen Kindheit, wo nicht der gradlinige Angriff, die Tat, den Sieg verspricht, sondern meist der Gehorsam, die Unterwerfung oder die Formen des kindlichen Trotzes, die Schlafverweigerung, die Eßunlust, die Indolenz, die Unreinlichkeit und die mannigfaltigen Arten der deutlich demonstrierten Schwäche. In gewissem Belange ähnelt unsere Kultur auch der Kinderstube: sie gibt dem Schwachen besondere Privilegien. Ist das Leben aber der immerwährende Kampf, wie es das nervös disponierte Kind als stärkste Voraussetzung seiner Haltung erkennen läßt, dann kann es nicht ausbleiben, daß jede Niederlage und jede Furcht vor einer drohenden Entscheidung in Verbindung steht mit einem nervösen Anfall, der Waffe, der Revolte eines Menschen, der sich minderwertig fühlt. Diese Kampfposition des Nervösen, die ihm von Kindheit an die Richtung gibt, widerspiegelt sich in seiner Überempfindlichkeit, in seiner Intoleranz gegen jede, auch die kulturelle Art des Zwanges und zeigt sich in seinem steten Bestreben, sich isoliert der ganzen Welt gegenüberzustellen. Sie ist es auch, die ihn ständig aufpeitscht, die Grenzen seiner Macht zu überspannen, wie es das Kind tut, solange das Feuer nicht gebrannt, der Tisch nicht gestoßen hat. Die verstärkte Kampfposition, das verstärkte Messen und Vergleichen, das Pläneschmieden und Tagträumen, die kunstvolle Einübung technischer Kunststücke der Organe, ferner auch die ausgreifenden, trotzigen, sadistischen Bewegungen, der Zauberglaube und Gottähnlichkeitsgedanke, wie auch die kunstvollen Ausbiegungen in die Perversion infolge von Furcht vor dem Partner finden sich regelmäßig in späteren Jahren bei Kindern, die unter einem unerträglichen Gefühl des Drucks, in verzärtelnder Verweichlichung oder unter erschwerter körperlicher und geistiger Entwicklung herangewachsen sind. Ein übergroßer Sicherungskoeffizient soll den Weg zur Höhe ermöglichen und vor Niederlagen behüten — da schieben sich, wie durch ein Wunder, zwischen den Patienten und die Erfüllung seiner Aufgaben allerlei Hindernisse ein,4) unter denen der Krankheitsbeweis als Legitimation immer die abschließende Rolle spielt. Nichtigkeiten werden wie bei der Zwangsneurose überschätzt und so lange zwecklos hin- und hergetragen, bis die richtige Zeit glücklich vertrödelt ist.

Man kann nicht leugnen, daß dieses aufgepeitschte Drängen nach allzu sicherem Erfolg zuweilen große Werke schafft. Doch nur, wenn, meist unbemerkt, der Kontakt mit der Gemeinschaft stark ist. Was wir Nervenärzte davon sehen, ist zumeist ein trauriges ut aliquid fieri videatur, bei dem der natürliche Sinn der Organe verfälscht werden muß, um jede Bewegung bremsen zu können. Im Fanatismus des Schwachen kann jede Funktion pervertiert werden. Um einer Realitätsforderung zu entgehen, auch um den Schein eines ungeheuren Martyriums zu gewinnen, wird das Denken gedrosselt und macht dem Grübeln Platz. Durch ein kunstvolles System wird die Nachtruhe gestört, um die Müdigkeit des Tages und dadurch Arbeitsunfähigkeit vorzubereiten. Die Sinnesorgane, die Motilität, der vegetative Apparat werden durch tendenziöse Vorstellungen und durch tendenziöse Lenkung auf ein unverstandenes Ziel zur Dysfunktion gebracht, und die Fähigkeit der Einfühlung in schmerzhafte Situationen ruft Schmerzen, die in ekelhafte Erinnerungen Ekel und Erbrechen hervor. Durch die von langer Hand her angesponnene Tendenz, dem geschlechtlichen Partner vorsichtig auszuweichen, die immer auch durch zweckentsprechende Ideale, Argumente und ideale Forderungen protegiert wird, erscheint oft die durch die Kultur ohnehin eingeengte Liebesfähigkeit völlig aufgehoben.

In vielen Fällen erfordert die eigenartige Individualität des Patienten eine derart absonderliche oder exklusive Stellung zum Liebes- und Eheproblem, daß sich der Typus und die Zeit der Erkrankung nahezu als vorherbestimmt ergeben. Wie weit die Formung eines solchen Lebensplanes in die Kindheit zurückreicht, ist aus ähnlichen Fällen wie den folgenden zu entnehmen:

I. Eine 34jährige Dame, die vor einigen Jahren an Platzangst erkrankt war, leidet derzeit noch an Eisenbahnangst. Schon in der Nähe eines Bahnhofes überfällt sie ein heftiges Zittern, das sie zwingt, umzukehren. Bei diesen und ähnlichen Erscheinungen ergibt sich das Bild, als wäre ein Hexenkreis als Hindernis gezogen. Ihre erste Kindheitserinnerung ist eine Szene zwischen ihr und der jüngeren Schwester, in der sie der Kleineren den Platz streitig macht. An der Vieldeutigkeit dieses Vorfalls besteht wohl kein Zweifel. Ziehen wir eine Linie bis zur Eisenbahnangst, der letzten ihrer Erscheinungen, und vergleichen wir diese mit der Erinnerung, etwa als ob sie auch der Eisenbahn den Platz streitig machen wollte, so ergibt sich sofort der Eindruck, daß die Patientin ausweicht, wo ihr die Herrschsucht nichts fruchtet. Solcher Fälle entsinnt sich die Patientin insbesondere aus dem Verhalten gegen ihre älteren Brüder, die sie zum Gehorsam zwangen. Wir dürfen demnach im Leben dieser Patientin erwarten, daß sie die Frauen zu beherrschen suchen wird, sich dagegen dem Willen des Mannes, des Kutschers, des Lokomotivführers entziehen, schließlich auch die Liebe und Ehe aus ihrem Leben ausstreichen wird. Ein wichtiges Detail ergibt sich aus einer weiteren Jugenderinnerung. Lange Zeit in ihren Mädchenjahren ging sie stets mit einer Peitsche bewaffnet auf ihrem Gute umher und schlug die männliche Dienerschaft. Wir werden demnach Vorfälle erwarten dürfen, aus denen auch Versuche klar hervortreten dürften, den Mann als Untergeordneten zu behandeln. Fast in allen ihren Träumen treten die Männer in Tiergestalten auf und werden von ihr überwunden oder geflohen. Ein einziges Mal in ihrem Leben trat sie einem Manne flüchtig näher: Er erwies sich entsprechend unserer Erwartung als ein Schwächling, war homosexuell und berief sich vor der Verlobung auf eine Impotenz. Ihre Eisenbahnangst ist ihrer Ehe-und Liebesscheu adäquat: Sie kann sich keinem fremden Willen anvertrauen.

II. Natürlich kann man diesen Mechanismus des »männlichen Protestes« auch in der Kindheit selbst studieren. Insbesondere deutlich zeigt er sich bei Mädchen; man findet diese Richtung der Expansionstendenz in den verschiedensten Variationen und entdeckt bald, wie auf diesem Wege die real erwarteten Spannungen des Kindes zu seiner Umgebung oft maßlos aufgepeitscht werden. Ich habe noch in keinem Fall dieses männliche Delirium vermißt.

Und aus dem Gefühl der Verkürztheit entwickelt sich regelmäßig ein Fanatismus der Schwäche, der uns alle Formen der Übererregbarkeit, des Negativismus und der neurotischen Kunstgriffe des Kindes verstehen läßt. Ein sonst gesundes, 3jähriges Mädchen bot z. B. folgende Erscheinungen: fortwährendes Messen mit der Mutter, furchtbare Empfindlichkeit gegen jede Form von Zwang und Zurücksetzung, Eigensinn und Trotz. Nahrungs­verweigerung, Obstipation und andere Revolten gegen die Hausordnung setzten beständig ein. Der Grad ihres Negativismus wurde fast unerträglich. So führte sie eines Tages, als ihr die Mutter schüchtern eine Jause vorschlug, folgenden Monolog: »Sagt sie Milch, so trinke ich Kaffee, und sagt sie Kaffee, so trinke ich Milch!« Ihre Sehnsucht nach Manngleichheit kam häufig zum Ausdruck. Eines Tages stand sie vor dem Spiegel und fragte ihre Mutter: »Hast du auch immer ein Mann sein wollen?« — Später, als ihr die Unwandelbarkeit des Geschlechtscharakters klar geworden war, schlug sie der Mutter vor, sie wolle noch eine Schwester haben, beileibe keinen Bruder; dagegen werde sie, wenn sie groß sein werde, nur Knaben bekommen. So verriet sie später noch ihre unbedingte Höherwertung des Mannes.

III. Wegen ihrer vollendeten Deutlichkeit will ich noch aus dem Leben eines gesunden 3jährigen Mädchens folgende Details anführen: Seine liebste Beschäftigung bestand darin, die Kleider des älteren Bruders, anfangs nie der Schwester, anzuziehen. Eines Tages hielt sie bei einem Spaziergange den Vater vor einem Knabenkleidermagazin fest und wollte ihn bewegen, ihr dort Knabenkleider zu kaufen. Auf den Hinweis, daß ein Knabe auch keine Mädchenkleider bekäme, wies sie auf ein Mäntelchen, das zur Not auch für ein Mädchen geeignet sein konnte, und verlangte wenigstens dieses zu besitzen. Man kann in diesem Falle einen nicht seltenen Formenwandel der Leitlinie beobachten, der gleichwohl in Abhängigkeit vom männlichen Endziel steht: Es genügt der Schein.

In den Fällen dieser zwei kleinen Mädchen, die ich typisch nennen kann, in denen wir einen Entwicklungsmodus beobachten, wie ich ihn ganz allgemein finde, ist es nötig, die Frage aufzuwerfen: welche Mittel bietet uns bisher die Pädagogik, diese eine Hälfte der Menschheit mit einem unabänderlichen Zustand restlos auszusöhnen, der ihr mißfällt? Denn — das eine ist klar: wenn dies nicht gelingt, so haben wir dauernd jenen Zustand vor uns, von dem ich schon ausführlich gesprochen habe: Ein andauerndes Gefühl der Minderwertigkeit wird stets den Anreiz zur Unzufriedenheit und zu den mannigfachsten Versuchen und Kunstgriffen abgeben, trotz allem zum Beweis der eigenen Überlegenheit zu gelangen. So kommen dann jene Waffen zustande, teils von Wirklichkeitswert, teil imaginärer Art, die das äußere Bild der Neurose formen. Daß dieser Zustand auch Vorzüge hat, daß er eine intensivere, subtilere Art des Lebens ermöglicht, kommt in dem Momente nicht in Betracht, wo wir auf Abhilfe der viel größeren Nachteile sinnen. Diese Stimmungslage, an deren einem Pol das Gefühl der Minderwertigkeit, an deren anderem die Sehnsucht nach quasi-männlicher Geltung steht, wird noch verschärft, sobald das Mädchen den Knaben gegenüber in den Hintergrund gedrängt wird, sobald es seine Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt sieht, sobald die weiblichen Molimina, Menses, Geburt und Klimakterium mit neuen Benachteiligungen heranrücken. Es ist bekannt, daß diese Termine oft für die neurotische Revolte maßgebend, für uns demnach vorausbestimmbar sind. Haben wir so eine Wurzel des neurotischen Übels erfaßt, so ist es recht bedauerlich, daß wir wieder im pädagogischen noch im therapeutischen Inventar ein Mittel gefunden haben, die Folgen dieser natürlich und gesellschaftlich gegebenen Situation zu verhüten. Von unserem Gesichtspunkte aus ergibt sich vorläufig die Notwendigkeit, prophylaktisch und therapeutisch, die Unwandelbarkeit des organischen Geschlechts­charakters dem Kinde frühzeitig einzuprägen, alle Benachteiligungen aber als nicht unüberwindlich und als Schwierigkeiten des Lebens wie andere auch verstehen und bekämpfen zu lehren. Damit, scheint uns, wird aus der Frauenarbeit auch jene Unsicherheit und jene Resignation schwinden, gleichzeitig auch die übertriebene Geltungssucht, die sie so oft als minderwertig erscheinen läßt.5)

IV. Der Fall eines 10jährigen Knaben, der zeigen soll, wie im gesellschaftlichen Zusammenhang das irgendwo eingedrungene Gift, in unserem Falle der männliche Protest des weiblichen Geschlechts, auch auf den übrigen Teil, auf die Knaben übergreift und dort fast die gleichen Erscheinungen zeitigt. Es ist von vornherein bei der uns bekannten Natur des Menschen klar, daß sich der Knabe durch die meist offen betriebene, teils aus unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zutage tretende Höherwertung nicht bloß geschmeichelt, sondern noch mehr verpflichtet fühlt. So steigt auch bei ihm die Spannung, in der er sich zur Welt einstellt. Soweit dies mit realen Kraftleistungen einhergeht, balanciert ja unsere Kultur großenteils auf dieser Zuspitzung. Ein mäßiger Druck aber, der den Weg der kulturellen Aggression versperrt, genügt dann, um feindselige Haltungen, Gehässigkeit, Herrschgelüste und Imaginationen mächtig emporzutreiben. Der Knabe fürchtet, oft seinen Verpflichtungen nicht gerecht werden zu können, jenes Maß von Geltung nicht erreichen zu können, das ihm zur männlichen Vollkommenheit nötig erscheint. Und so sieht man schon frühzeitig, bei organischer Minderwertigkeit, bei gedrückten und verhätschelten Kindern, den Beginn des Pläneschmiedens, der Hast und der Gier, um trotz allem zur Überlegenheit zu gelangen, was für viele Fälle ein Ausnützen ihrer Schwäche, eine allgemein zögernde Attitüde, ein Sich-Festlegen auf Zweifel und Schwanken, ein immerwährendes Zurück! zur Folge hat — oder ein offenes und heimliches Revoltieren und ein deutliches Nichtmitspielenwollen. Damit ist der Boden der Neurose erreicht, und man kann nun den Schaden besehen.

Der Fall, von dem ich sprechen will, betrifft einen stark kurzsichtigen Knaben, der trotz aller Anstrengungen der zwei Jahre älteren Schwester nicht gewachsen war. Seine Aggression zeigte sich in immerwährenden Streitigkeiten. Auch die Mutter ließ sich kaum von ihm beeinflussen. Alle aber überragte an Geltung und Einfluß der Vater, der ein strenges Regiment führte und häufig auf die »Weiberwirtschaft« schimpfte. Der Knabe zeigte sich ganz nach dem Vater gerichtet, wie ich später noch nachweisen will. Nun schien ihm in seiner etwas bedrängten Situation der Beweis und die Zuversicht seiner dereinstigen Gleichwertigkeit mit dem Vater unsicher. Mit Knabenstreichen hatte er, wohl auch wegen seiner Kurzsichtigkeit, Unglück. Als er sich einmal der Schreibmaschine des Vaters bemächtigen wollte, schnitt ihm der Vater kurzerhand diese wissenschaftliche Betätigung ab.6) Der Vater war ein passionierter Jäger und nahm den Knaben zuweilen auf die Jagd mit. Dies scheint nun endlich diejenige männliche Attitüde gewesen zu sein, die dem Knaben seine Gleichheit mit dem Vater und seine Überlegenheit über das »Weibervolk« bewies. Denn sooft ihn der Vater nicht mitnahm, erkrankte der Knabe an Enuresis, worüber der Vater immer außer sich geriet. Später ereignete sich der nächtliche Unfall auch, wenn der Vater dem Knaben sonstwie seine Autorität spüren ließ. In einigen Unterredungen kam dieser Zusammenhang zutage, und ferner auch, daß er sich die Enuresis dadurch ermöglichte, indem er sich in der Halluzination des Traumes die gebräuchlichen Utensilien herbeizauberte. Es war leicht zu ersehen, daß sein Leiden aus der Sehnsucht entsprang, mit dem Vater auf die Jagd zu gehen, nicht allein gelassen zu werden, und eine heftige Revolte war, die gegen den Vater zielte: Vor oder nach dem nächtlichen Unfall träumte er zumeist, der Vater (der ihn nicht zur Jagd mitgenommen hatte) wäre gestorben. Über seine Zukunftspläne befragt, antwortete er, er wolle Ingenieur werden wie der Vater und eine Haushälterin anstellen. Ich fragte ihn, ob er nicht wie der Vater heiraten wolle? Er lehnte diese Zumutung ab mit der Bemerkung, die Frauen wären nichts wert und hätten nur für Putz Interesse. Die vorbereitende Stellungnahme des Knaben, sein Arrangement des Lebens ist hier klar zu erkennen. Bleibt er auf dieser Linie der Furcht vor der Frau und treten weitere, fördernde Umstände ein, so liegt es nahe, daß er dereinst unter Ausschaltung der Frau zur Homosexualität gelangen könnte.

V. Ähnlich und doch ganz anders zeigen sich die Erscheinungen des männlichen Protestes bei einem 8jährigen Knaben, der an Status lymphaticus litt und geistig wie körperlich etwas zurückgeblieben war. Er kam wegen Zwangsmasturbation in Behandlung. Seine Mutter widmete sich fast nur den jüngeren Geschwistern und hatte ihn der Pflege der Dienstboten überlassen. Sein Vater war ein jähzorniger Mensch, der immer Befehle erteilte. Des Knaben Minderwertigkeitsgefühl offenbarte sich in einem schüchternen, scheuen Wesen und in einer dankerfüllten Haltung gegenüber von Personen, die sich mit ihm beschäftigten. Die weitreichendste Kompensation, die er gesucht hatte, fand er in einem rastlosen Interesse für Zauberkünste, auf die er durch Märchen und Kinovorstellungen verfallen war. Weit mehr als andere Kinder stand er in deren Banne und war eigentlich immer darauf aus, einen Zauberstab zu finden und ins Schlaraffenland zu kommen. Seine leitende Idee war, allen Schwierigkeiten auszuweichen und alles geschenkt zu bekommen. Eine teilweise Realisierung dieser Idee gaukelte er sich derart vor, daß er immer andere alles für sich machen ließ, das Zerrbild dessen, was er beim Vater sah, der gleichfalls alle in seinen Dienst stellte. Er konnte diesen Weg nur gehen, wenn er selbst unfähig und ungeschickt blieb. Also blieb er es.

Die masturbatorischen Erscheinungen waren nach langer Zeit von der Mutter bemerkt worden. Nun wendete sie wieder ihr Interesse dem Knaben zu. So gewann er Einfluß auf die Mutter. Sein Kurs war erheblich gestiegen. Wollte er nicht sinken, so mußte er bei der Masturbation bleiben. Also blieb er dabei.

Sein Ziel, dem Vater gleich zu sein, verriet sich nebenbei auch in einem zwangsartigen Antrieb, steife Hüte erwachsener Personen, ähnlich dem kleinen Gernegroß, an sich zu bringen und stets Zigarrenspitzen im Munde zu halten.

 

In einer kurzen Schlußbetrachtung möchte ich mir gestatten, unsere Erkenntnis von den neurotischen, in der Kindheit angesponnenen Kunstgriffen auf die Kindheit der Menschheitsgeschichte auszudehnen. Der Glaube an eigene und fremde Zauberkräfte lag früher deutlicher zutage, ist aber auch heute fast allgemeine Voraussetzung des menschlichen Verhaltens und des mangelhaften Glaubens an sich, d. i. des Minderwertigkeitsgefühls. Die Furcht des männlichen Neurotikers vor der Frau und seine Gehässigkeit finden ihre Analogie im Hexenwahn und in der Hexenverbrennung, die Furcht des weiblichen Patienten vor dem Mann und sein männlicher Protest widerspiegeln uns die Furcht vor Teufel und Hölle und den Versuch, Hexenkünste zu betreiben. Es soll nur kurz darauf hingewiesen werden, wie durch die Erniedrigung der Frau die gegenseitige Unbefangenheit in der Liebe leidet, wie die Erziehung ganz allgemein darauf ausgeht, einen gegenseitigen Zauber anstelle von Schätzung zu postulieren, die männliche Autorität gewaltsam durchzusetzen und anderes mehr, was alles aber weniger einer seelischen Hygiene förderlich ist, als es vielmehr das wahnhafte Denken befruchtet.

 

_____________________

4) Siehe später ›Das Problem der Distanz‹.

5) Siehe Schulhof, Indiviiualpsychologie und Frauenbewegung. München 1914.

6) Was uns im Gegensatz zu anderen nicht als Erlebnis, sondern als Stellung von Vater und Sohn und deren Konsequenzen wichtig erscheint.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 06:20:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.12.2009 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright