[Über die Homosexualität]

Erster Fall:


Ein Mann in den 30er Jahren aus den höchsten Gesellschaftsschichten. Groß gewachsen, von athletischer Muskulatur, hat aber tatsächlich keinen so ausgeprägten Bartwuchs wie irgendein anderer, den man sonst ihm gegenüberstellen könnte. Er erzählt, seine Brüder seien ebenfalls nicht gerade durch starken Bartwuchs ausgezeichnet. Bei seinem Vater wäre es anders. Aber sein Großvater, der eingewandert war, wäre aus einer Gegend gekommen, die dadurch bekannt ist, daß ihre Rasse einen dürftigen Bartwuchs besitze. Und diese Erscheinung, von der der Patient jahrelang zu sich selbst und zu jedem Arzte immer wieder als von einem Beweise seiner angeborenen Homosexualität gesprochen hatte, diese Erscheinung kann er selbst auf eine Rasseneigentümlichkeit zurückführen, ohne daß dies in seiner Haltung irgend etwas geändert hat. Wir sehen schon daraus, mit welcher tendenziösen Fertigkeit die Patienten in all ihren Beweisführungen vorgehen. Es ist nicht böse Absicht, sondern die uns bekannte, unbewußte List der Nervösen, ihre Privatintelligenz, ihr neurotisches Apperzeptionsschema, zu der sie durch ihre immer vorhandene Vorsicht im Leben von selbst gelangen, ohne es zu merken, die ihnen anhaftet wie eine Unart und nicht etwa wie eine trügerisch bewußte Absicht. — Er war der Jüngste unter fünf Brüdern. Die Kinder waren streng behütet. Bis zum zehnten Lebensjahr ist er nie mit Mädchen zusammengekommen, aus seiner Familie hat er nur mit zwei Brüdern nähere Fühlung gehabt. Dieser Umstand ist nicht ohne Bedeutung. Die Psychologie des jüngsten Kindes ist eine außerordentlich komplizierte und interessante. Insbesondere sind es zwei Züge, durch die sich die Jüngsten regelmäßig auszeichnen, die aber in so verschiedener Mischung vorhanden sein können, daß wir oft geradezu gegenteilige Charaktere finden. Der eine Typus ist durch das Gefühl seiner Kleinheit gedrückt. Er ist immer wie unter Dampf, zeichnet sich dadurch aus, daß er größer sein will, als er ist. Immer heftig berührt durch Ereignisse und Worte, die auf seine Kleinheit hinweisen, die seinen Ehrgeiz anstacheln. Auch die Märchenwelt kennt den Jüngsten, zeichnet ihn aus und schreibt ihm eine besondere Disposition zu. Immer ist er am Werk, hat die Siebenmeilenstiefel an usw. Dadurch wird auch verständlich gemacht, daß unter den weltgeschichtlich bedeutenden Personen, deren rapides Vorwärtskommen, besonders in der Kunst, auffällt, recht häufig jüngste Kinder gewesen sind. Wir dürfen hier von Positionspsychologie sprechen. Die Position stachelt den Jüngsten auf, so daß er unter dem Druck seines Ehrgeizes immer weiter zu gelangen sucht als seine Umgebung. Dies aber nur unter fördernden Bedingungen. Denn andererseits sind die Schwierigkeiten und Schranken, denen sich die jüngsten Kinder gegenüber sehen, recht häufig der Grund dafür, daß sie den Glauben an sich verlieren, daß sie besonders vorsichtig werden und resignieren. Ihre Vorsicht wird sich sogar in ihrem Gesicht ausdrük-ken. Ich habe bei Musterungen im Heer während der Kriegszeit oft die jüngsten Geschwister herausgefunden. Rastloser, aber zitternder Ehrgeiz oder Ausreißertum spiegeln sich in ihrer Haltung.

Unser Patient berichtet weiter, daß er durch seine älteren Geschwister immer zurückgesetzt wurde, aber immer im Vordergrund stehen wollte, daß er sich immer mit den anderen gemessen habe, kurz, daß er damit vertraut sei, einen über die Norm hinausgehenden Ehrgeiz zu besitzen, andererseits, daß er nichts riskieren wolle, jede Situation hundertmal überlege, und immer wieder in Zweifel und Zaudern verfalle. Die Behütung durch die Familie war eine besonders vorsichtige, so daß eine vorzeitige Kenntnis der geschlechtlichen Verhältnisse ausgeschlossen war. Mit zehn Jahren kam Patient in eine Klosterschule, wo er nur mit Knaben beisammen war. Diese Klosterschule ist mir als streng und zelotisch bekannt. Als sein Geschlechtstrieb deutliche Formen angenommen hatte, war er durchaus nicht im klaren über die Bedeutung des Sexualtriebes und seiner Sexualrolle. Die Mädchen erschienen ihm als etwas Rätselhaftes und Unverständliches. Er hatte ferner gelernt, daß jede Nachgiebigkeit im Sexuellen eine schwere Sünde sei. Als er später doch mutiger wurde und durch seine Kameraden Kenntnisse gewann, da blieb ihm eigentlich nur der Weg zur Masturbation übrig, die er wohl auch als Sünde betrachtete, aber doch als leidlicher empfand, weil er niemand anderem dadurch Schaden zufüge. Vom Standpunkt der Gemeinschaft ist diese Auffassung durchaus unrichtig. Kant hat die Frage aufgeworfen, wieso es komme, daß wir die Masturbation als etwas Sündhaftes empfinden. Es scheint mir, daß der immer erfolgende Durchschlag des allgemein menschlichen Empfindens, des differenzierten Gemeinschaftsgefühls, der Gattungsliebe, die Notwendigkeit der Kooperation in jedem einzelnen es verursache, daß wir diese Form der gemeinschaftslosen Sexualbetätigung unbedingt ablehnen, auch wenn man sich, wie in den beobachteten Fällen, scheinbar mit ihr abgefunden hat. Sexualität ist nicht Privatsache.

In unserem Falle ist besonders hervorzuheben, daß durch seine aristokratische Stellung von ganz besonderer Höhe sein Leben auch weiterhin außerordentlich isoliert verlief. Er verkehrte mit wenigen Personen und war von vornherein darauf hingeleitet, als Gutsbesitzer sein Leben zu verbringen. Wir finden aber auch in seinem ganzen Leben eigentlich nichts, was wir als aktive Handlung bezeichnen könnten. Er hat unter mildernden Bedingungen ein Gymnasium in der Klosterschule absolviert, das Gut seiner Eltern übernommen, er ist kein bösartiger Mensch, hat niemandem etwas zuleide getan. Er ist immer dort gestanden, wo man ihn hingestellt oder wohin ihn das zum voraus zu berechnende Schicksal gestellt hat. Auch in der Homosexualität sehen wir diese festgehaltene Distanz zum gesellschaftlichen Leben und seinen Forderungen, in der Frage der Sexualität dieselbe mangelhafte Aktivität und mangelhafte Evolution, die freilich in anderen Fällen stärker ausfällt.

Es kommt plötzlich ein neues Erlebnis. Patient heiratet. Es handelte sich um ein Waisenmädchen aus hochstehender Familie, der unser Patient nach kurzer Bekanntschaft seine Homosexualität eingestanden hatte. Wie so häufig bei Mädchen zu geschehen pflegt, wurde auch sie durch eine Aufgabe, die ihr zufiel, und bei der sie sich als Retterin zeigen konnte, gereizt, und so ging sie die Ehe ein unter allen Bedingungen und Vorbehalten, die ihr Mann ihr gemacht hatte.4) Die Ehe mißlang gründlich. Es ergab sich eine vollkommene psychische Impotenz. Hinter der psychischen Impotenz steckt der Mangel an Fähigkeit der Hingabe, der Kooperation. Solche Personen, einer Hingabe an irgendeine Sache oder an eine Person nicht fähig, immer nur auf ihr Prestige bedacht, stehen immer in einer Distanz zum Leben. Insbesondere die Erotik eignet sich schlecht für Spiele des Ehrgeizes. Patient befand sich in einem seelischen Entwicklungsstadium, in dem er jeder weiteren Prüfung ob seines Wertes auswich. Er hatte ein Landgut, eine Frau. Aber was das Leben sonst von ihm fordern wollte, dem versagte er die Billigung. Er hat eigentlich nur mehr die Aufgabe, durch die Krankheitslegitimation seiner Homosexualität und anderer nervöser Beschwerden jede weitere Forderung abzulehnen. Auch seiner Frau gegenüber war er vollkommen unschuldig, denn er hatte ihr ja bereits vorher alles gestanden, und sie durfte ihm keinerlei Vorwürfe machen. Ja, er hatte sie eigentlich durch die ganze Situation, in die er sie brachte, verpflichtet, als Freundin, Beraterin, Helferin zu seiner Verfügung zu stehen. Denn er hatte ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht. Es war also eine Situation eines aus der Welt Gerückten, eine Verzärtelungssehnsucht, die man schon aus seiner Kindheit hatte ableiten können. Wir müssen im Zusammenhang mit vielen anderen Erscheinungen aus seinem Leben und dem Leben anderer annehmen, daß die Absicht, nicht mitzuspielen, bei ihm derart festgefügt war, daß wir sie als seine ideale Lösung der Lebensfrage betrachten können. Gestützt auf diese ideale Lösung kommt er zum Arzte mit derselben Vorsicht und mit derselben Geheimniskrämerei, die ihm andererseits gestattet, nicht unter die Menschen zu gehen, weil sie ihn angeblich sofort als Homosexuellen erkennen könnten. Dies erschiene ihm wie ein Schandfleck.

Wichtig ist in allen diesen Fällen noch folgender Gesichtspunkt: Die Homosexuellen werden oft ihre Unart mit Stolz betonen,5) wenn sie nicht irgendwelche Umstände an der Äußerung dieses Standpunktes behindern. Aber die Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen gehen meist in einer Stimmung des Patienten vor sich, als ob der Patient sie ablehnen wollte, als ob sie ihm unverständlich wären. Vom Standpunkt eines vorgefaßten Systems allerdings sind das schwerwiegende Unterschiede. Psychologisch genommen ist der Unterschied durchaus nicht so groß. Ein sexueller Zwangsgedanke fordert unter dem Zwang des Geschlechtstriebes nach einer Erledigung, und wenn eine derartige Erledigung noch möglich ist und durch die noch vorhandene Aktivität des Patienten erleichtert wird, dann muß er ja seine Zwangsgedanken irgendwie verständlich finden, weil er sich sonst selbst vom Ziel der Befriedigung ablenkt. Nun gibt es genug Homosexuelle, die in ihren Gedanken und Phantasien etwas Unverständliches und Rätselhaftes sehen und sie ununterbrochen zu bekämpfen suchen. Die Analogie mit der Zwangsneurose ist also ziemlich gesichert.

 

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4) Gelegentlich findet man auch Mädchen, die wegen ihrer eigenen Ablehnung der Sexualität für homosexuelle Männer größere Neigung empfinden.

5) Vgl. Pindar, Fragment 123 (ed. Christ). »Wer nicht von Liebe zum Knaben Theoxenes ergriffen ist, dessen Herz ist aus Erz geschmiedet, und von Aphrodite mißachtet müht er sich ab, gewaltsam Geld zu erwerben oder er wird hineingetrieben auf den frostigen Weg als Diener der weiblichen Keckheit.«


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