[Hereditätslehre.]


Wir sehen, wie durch die Position des Kindes alles, was es ins Leben mitbekommt, geformt und gefärbt wird. Durch diese Feststellung erscheint insbesondere auch die für die erzieherische Tätigkeit so außerordentlich schädliche Hereditätslehre depossediert. Es gibt allerdings Zusammenhänge, Fälle, in denen die Einwirkung erblicher Einflüsse unzweifelhaft festzustehen scheint, so z. B. wenn ein Kind, das ganz außerhalb der Beziehungen zu seinen Eltern aufwächst, dennoch ähnliche oder gleichartige Züge aufweist. Das Befremden darüber weicht aber sofort einem besseren Verständnis, wenn wir uns erinnern, wie naheliegend gewisse Irrtümer in der Entwicklung eines Kindes sind, das z.B. körperlich schwach zur Welt kommt, bei dem durch die Schwäche seiner Organe im Verhältnis zu den Anforderungen der Umgebung eine Spannung hervorgerufen wird, genau wie beim Vater, der vielleicht ebenfalls mit schwachen Organen zur Welt gekommen ist. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint die Lehre von der Erblichkeit der Charakterzüge als überaus schwach fundiert.

Auch aus der obigen Darstellung geht wieder hervor, wie unter den Irrtümern, denen das Kind in seiner Entwicklung ausgesetzt ist, der folgenschwerste der ist, sich über die andern erheben zu wollen und eine Machtstellung anzustreben, die ihm den andern gegenüber Vorteile einbringt. Hat dieser in unserer Kultur naheliegende Gedanke von der Seele des Menschen Besitz ergriffen, dann ist seine Entwicklung nahezu zwangsläufig gegeben. Will man hier vorbeugen, dann müssen die Schwierigkeiten erkannt und verstanden werden. Und wenn es einen einheitlichen Gesichtspunkt gibt, der uns über alle Schwierigkeiten hinweghilft, so ist es der der Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls. Gelingt dies, dann sind alle Schwierigkeiten belanglos. Nachdem aber in unserer Zeit hierzu verhältnismäßig wenig Gelegenheit ist, fallen diese Schwierigkeiten schwer ins Gewicht. Haben wir das erkannt, dann wird es uns nicht mehr wundern, wenn wir so viele Menschen finden, die ihr Leben lang um ihren Bestand ringen und denen das Leben so schwer fällt. Wir wissen dann, daß sie die Opfer einer fehlerhaften Entwicklung sind, denen zufolge auch ihre Stellungsnahme zum Leben fehlerhaft ist. Wir müssen daher mit unserem Urteil sehr zurückhaltend sein und vor allem keine moralischen Urteile, Urteile über den (moralischen) Wert des Menschen fällen. Wir müssen vielmehr unsere Erkenntnis dieser Dinge dadurch zu verwerten suchen, daß wir diesem Menschen nunmehr anders entgegentreten, weil wir nun imstande sind, uns ein viel besseres Bild von seinem Innern zu machen. Auch für die Erziehung ergeben sich wichtige Gesichtspunkte, denn die Erkenntnis von Fehlerquellen verleiht uns eine Fülle von Einwirkungsmöglichkeiten. Indem wir den Menschen in seiner seelischen Entwicklung betrachten, sind wir imstande, in dem Bild, das wir vor uns haben, nicht nur seine Vergangenheit, sondern zum Teil auch seine Zukunft mitzusehen. Dadurch wird der Mensch für uns erst richtig lebendig. Er wird für uns mehr als eine bloße Silhouette und wir erhalten über seinen Wert ein anderes Urteil, als es in unserer Kultur vielfach der Fall ist.


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