4. Geiz.


Mit Neid eng verwandt, meist damit verbunden, ist der Geiz. Damit ist nicht nur jene Art des Geizes gemeint, die sich darauf beschränkt, Geldstücke zu sammeln, sondern jene allgemeine Form, die sich im wesentlichen darin ausdrückt, daß es jemand nicht über sich bringt, dem andern eine Freude zu machen, der also mit seiner Hingebung an die Gesamtheit oder an Einzelne geizt, eine Mauer um sich auftürmt, um nur selber seiner armseligen Schätze sicher zu sein. Man erkennt hier leicht den Zusammenhang mit dem Ehrgeiz und der Eitelkeit einerseits, sowie mit dem Neid anderseits. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß alle diese Charakterzüge bei einem Menschen gleichzeitig vorhanden sind, so daß jemand durchaus noch nicht als Gedankenleser erscheint, wenn er einmal eine dieser Eigenschaften festgestellt hat, um zu behaupten, daß auch die anderen vorhanden seien.

Züge des Geizes wird auch der heutige Kulturmensch wenigstens spurenweise aufweisen. Er kann sie höchstens überbauen oder verschleiern durch eine auf die Spitze getriebene Freigebigkeit, die vielleicht auch nichts anderes als ein Gnadenspenden, ein Versuch, durch freigebige Gesten das eigene Persönlichkeitsgefühl auf Kosten des andern zu heben. Unter Umständen kann es scheinen, wie wenn der Geiz, auf gewisse Formen des Lebens angewendet, sogar eine wertvolle Eigenschaft wäre. So, wenn z. B. ein Mensch mit seiner Zeit oder mit seiner Arbeitskraft geizt und dabei vielleicht ein großes Werk zustandebringt. Es gibt eine wissenschaftliche und moralische Richtung der Gegenwart, die gerade das Geizen mit der Zeit so sehr in den Vordergrund schiebt, daß sie verlangt, daß jeder Mensch mit Zeit und Arbeitskraft (auch mit »Arbeitskräften«) »ökonomisch« vorgehe. Das hört sich in der Theorie sehr schön an. Sobald man aber diesen Grundsatz irgendwo praktisch angewendet findet, kann man sehen, wie darin nur das Ziel der Macht und Überlegenheit schaltet und waltet. Mit diesem theoretisch gewonnenen Grundsatz wird meist nur Mißbrauch getrieben und derjenige, der mit Zeit und Arbeitskraft geizt, wird versuchen, die Lasten, die damit verbunden sind, von sich ab auf andere zu überwälzen. Wir können aber einen derartigen Standpunkt nur daran messen und bewerten, inwiefern er der Allgemeinheit nützt. Es gehört die ganze Entwicklung unseres technischen Zeitalters dazu, um den Menschen wie eine Maschine zu behandeln und ihm Grundsätze für sein Leben aufzuwingen, wie sie in der Technik vielleicht bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind, die aber in bezug auf das menschliche Zusammenleben zu einer Verödung, Vereinsamung, und zu einer Verkürzung des Nächsten führen müssen. Es wird daher besser sein, es so einzurichten, daß wir lieber geben als sparen, ein Grundsatz, den man durchaus nicht verzerren muß, mit dem man nicht Mißbrauch treiben darf und auch nicht kann, wenn man den Nutzen des Mitmenschen im Auge behält.


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