4. Die Flucht vor der Frauenrolle.


Die Vordringlichkeit des Mannes hat in die seelische Entwicklung der Frau eine schwere Störung gebracht, die eine fast allgemeine Unzufriedenheit derselben mit ihrer Rolle zur Folge hat. Das Seelenleben der Frau bewegt sich in den gleichen Bahnen und unter denselben Voraussetzungen wie das aller Menschen, die aus ihrer Position heraus ein starkes Minderwertigkeitsgefühl beziehen. Bei der seelischen Entwicklung der Frau kommt nun als erschwerendes Moment das Vorurteil ihrer vermeintlichen natürlichen Minderwertigkeit hinzu. Wenn dennoch eine große Zahl von Mädchen halbwegs einen Ausgleich finden, so verdanken sie das ihrer Charakterbildung, ihrer Intelligenz und eventuell noch gewissen Privilegien, die aber bloß zeigen, wie ein Fehler sofort andere im Gefolge hat. Solche Privilegien sind Enthebungen, Luxus, Galanterien, die wenigstens den Schein einer Bevorzugung haben, indem sie eine Hochachtung der Frau vortäuschen und schließlich gewisse Idealisierungen, die letzten Endes doch wieder darauf hinauslaufen, das Ideal einer Frau zu schaffen, das eigentlich zum Vorteil des Mannes geschaffen wurde. Eine Frau bemerkte einst treffend: Die Tugend der Frau ist eine gute Erfindung des Mannes.

Im Kampf gegen die Frauenrolle lassen sich im allgemeinen zwei Typen von Frauen unterscheiden. Der eine Typus wurde bereits gestreift. Es sind jene Mädchen, die sich nach einer aktiven, »männlichen« Richtung hin entwickeln. Sie werden außerordentlich energisch, ehrgeizig und ringen nach der Palme. Sie versuchen ihre Brüder und männlichen Kameraden zu übertreffen, wenden sich mit Vorliebe Beschäftigungen zu, die dem männlichen Geschlecht vorbehalten sind, betreiben allerhand Sport u. dgl. Oft wehren sie sich auch gegen die Beziehungen der Liebe und Ehe. Treten sie in eine solche Beziehung ein, dann stören sie dieselbe durch ihr Bestreben, auch hier immer der herrschende, jener Partner zu sein, der dem andern irgendwie überlegen ist. Gegen alle Angelegenheiten der Haushaltung bekunden sie eine ungeheure Abneigung, entweder direkt, indem sie dieselbe ganz offen aussprechen, oder indirekt, indem sie sich jedes Talent dazu absprechen und zuweilen auch den Beweis zu erbringen suchen, daß sie zu Arbeiten des Haushaltes nicht die Fähigkeit hätten.

Das ist der Typus, der mit einer Art Männlichkeit das Übel gutzumachen sucht. Die Abwehrstellung gegen die Frauenrolle ist ein Grundzug ihres ganzen Wesens. Zuweilen wendet man auf sie den Ausdruck »Mannweiber« an. Demselben liegt aber eine irrige Auffassung zugrunde, derzufolge manche annehmen, daß bei solchen Mädchen ein angeborener Faktor, eine männliche Substanz vorhanden sei, die sie zu einer derartigen Einstellung zwingt. Die ganze Kulturgeschichte zeigt uns aber, daß die Bedrückung der Frau und die Einschränkungen, denen sie heute noch unterworfen ist, für einen Menschen unerträglich sind und ihn zur Revolte drängen. Wenn dieselbe eine Richtung annimmt, die man als »männliche« empfindet, so hat das darin seinen Grund, daß es eben nur zwei Möglichkeiten gibt, sich in dieser Welt zurechtzufinden, entweder nach der ideal gefaßten Art einer Frau oder der eines Mannes. Jedes Herausrücken aus der Frauenrolle muß daher als männlich erscheinen und umgekehrt. Nicht aber deshalb, weil hier geheimnisvolle Substanzen eine Rolle spielen, sondern weil das räumlich und psychisch nicht anders möglich ist. Man muß daher die Schwierigkeiten im Auge behalten, unter denen sich die seelische Entwicklung von Mädchen vollzieht, so daß wir eine vollständige Versöhnung mit dem Leben, mit den Tatsachen unserer Kultur und den Formen unseres Zusammenlebens bei der Frau so lange nicht erwarten dürfen, als ihr nicht die Gleichberechtigung mit dem Mann gewährt ist.

Zum anderen Typus von Frauen gehören jene, die mit einer Art Resignation durchs Leben gehen und einen unglaublichen Grad von Anpassung, Gehorsam und Demut an den Tag legen. Sie fügen sich scheinbar überall ein, fassen auch überall an, legen aber dabei eine derartige Ungeschicklichkeit und Borniertheit an den Tag, daß sie nichts vorwärtsbringen und man Verdacht schöpfen muß. Oder sie produzieren nervöse Symptome, präsentieren so recht ihre Schwäche und Berücksichtigungswürdigkeit, wodurch sie gleichzeitig zeigen, wie eine solche Dressur, eine derartige Vergewaltigung in der Regel durch ein nervöses Leiden bestraft wird und für ein Leben in der Gesellschaft unfähig macht. Sie sind die besten Menschen von der Welt, aber leider krank und können den an sie gestellten Anforderungen nicht genügen. Die Zufriedenheit ihrer Umgebung können sie auf die Dauer nicht gewinnen. Ihrer Unterwerfung, ihrer Demut und Selbsteinschränkung liegt dieselbe Revolte zugrunde, wie beim erstgenannten Typus, die deutlich zu sagen scheint: das ist doch kein freudvolles Leben.

Ein dritter Typus scheinen jene zu sein, die die Frauenrolle zwar nicht ablehnen, aber dennoch das quälende Bewußtsein in sich tragen, daß sie als minderwertige Wesen verurteilt seien, eine untergeordnete Rolle zu spielen. Sie sind völlig von der Minderwertigkeit der Frau überzeugt, sowie davon, daß nur der Mann allein zu tüchtigeren Leistungen berufen sei. Sie befürworten daher auch seine privilegierte Stellung. Damit verstärken sie den Chor der Stimmen, die nur dem Manne alle Leistungsfähigkeit zusprechen und eine Sonderstellung für ihn verlangen. Das Gefühl ihrer Schwäche zeigen sie so deutlich, als ob sie geradezu eine Anerkennung dafür suchen und eine Stütze verlangen wollten. Aber auch diese Haltung ist der Ausbruch der altvorbereiteten Revolte, der sich oft dadurch manifestiert, daß die Frau in der Ehe Aufgaben, die sie selbst vollführen sollte, ununterbrochen auf den Mann überwälzt mit dem freimütigen Bekenntnis, das könne nur ein Mann leisten.

Mit Rücksicht darauf, daß eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Aufgaben des Lebens, die Erziehung, trotz des vorherrschenden Vorurteils von der Minderwertigkeit der Frau, dennoch zum weitaus größten Teil der Frau überlassen ist, wollen wir uns auch ein Bild davon machen, wie diese Typen als Erzieher dastehen. Hierbei können wir die Unterschiede noch weiter ausgestalten. Der erste Typus mit seiner männlichen Einstellung zum Leben wird tyrannisch schalten und walten, mit lautem Geschrei mit ununterbrochenem Strafvollzug beschäftigt sein und auf diese Weise einen starken Druck auf die Kinder ausüben, dem sich diese natürlich zu entziehen trachten. Was dabei im besten Fall erreicht wird, ist höchstens eine Dressur, der keinerlei Wert zukommt. Der Eindruck bei den Kindern ist gewöhnlich der, daß sie solche Mütter doch eigentlich als unfähige Erzieher empfinden. Der Lärm, das große Gepolter und Getue wirkt überaus schlecht und es besteht die Gefahr, daß Mädchen zur Nachahmung angeeifert, Knaben dagegen mit dauerndem Schreck für ihr weiteres Leben erfüllt werden. Unter den Männern, die unter der Herrschaft einer solchen Mutter gestanden sind, finden sich auffällig viele, die der Frau in einem großen Bogen ausweichen, als ob sie mit Bitterkeit schon vorgeimpft wären und einem weiblichen Wesen keinerlei Vertrauen mehr entgegenbringen könnten. So kommt es zu einer dauernden Entzweiung zwischen den Geschlechtern, die wir dann schon deutlich als pathologisch empfinden, obwohl es auch dann noch welche gibt, die von einer »schlechten Verteilung männlicher und weiblicher Substanz« faseln.

Die beiden andern Typen sind als Erzieher ebenso unfruchtbar. Sie legen entweder eine so skeptische Art an den Tag, daß die Kinder dem Mangel an Selbstvertrauen bald auf die Spur kommen und der Mutter über den Kopf wachsen. Diese erneuert wohl immer wieder ihre Versuche, ermahnt fortwährend und droht zuweilen auch, sie werde es dem Vater sagen. Dadurch aber, daß sie immer nach dem männlichen Erzieher ausblickt, verrät sie wieder, daß sie an einen günstigen Erfolg ihrer erzieherischen Tätigkeit nicht glaubt. Und so hat sie auch in der Erziehung die Rückzugslinie im Auge, als ob es ihre Aufgabe wäre, ihren Standpunkt zu rechtfertigen, daß nämlich der Mann allein tüchtig und daher auch in der Erziehung unentbehrlich sei. Oder diese Frauen lehnen in dem Gefühl, nichts zu können, eine erzieherische Tätigkeit überhaupt ab und überwälzen so die Verantwortung dafür auf den Mann, auf Gouvernanten u. dgl.

Noch krasser tritt die Unzufriedenheit mit der Frauenrolle bei Mädchen hervor, die sich aus besonderen, »höheren« Gründen in der Weise vom Leben zurückziehen, daß sie z. B. in ein Kloster eintreten oder einen Beruf ergreifen, der mit dem Zölibat verbunden ist. Auch sie gehören zu jenen, die in ihrer Unversöhntheit mit der Frauenrolle eigentlich darangehen, die Vorbereitungen für ihren eigentlichen Beruf aufzugeben. Man kann auch finden, daß das Streben vieler Mädchen, recht bald in einen Beruf zu kommen, darin seine Ursache hat, daß ihnen die damit verbundene Selbständigkeit als ein Schutz dagegen erscheint, um nicht so leicht der Ehe überantwortet zu werden. Auch in dieser Stellungsnahme erweist sich wieder die Abneigung gegen die traditionelle Art der Frauenrolle als treibender Faktor.

Selbst dort, wo es zu einer Ehe kommt, wo man daher meinen sollte, daß sie diese Rolle willig aufgenommen habe, zeigt es sich oft, daß eine Eheschließung durchaus nicht immer als ein Beweis für die Ausgesöhntheit mit der Frauenrolle gelten darf. Typisch ist hier das Beispiel einer jetzt ungefähr 36jährigen Frau. Sie erscheint mit Klagen über verschiedene nervöse Beschwerden. Sie war das ältere Kind aus einer Ehe zwischen einem alternden Mann und einer sehr herrschsüchtigen Frau. Schon der Umstand, daß die Mutter, ein sehr schönes Mädchen, einen alternden Mann genommen hatte, legt die Vermutung nahe, daß schon bei dieser Ehe Bedenken gegen die Frauenrolle mitgespielt und die Gattenwahl beeinflußt haben. Die Ehe der Eltern gestaltete sich nicht gut. Die Frau führte in schreiender Weise das Wort im Hause und setzte ihren Willen rücksichtslos durch. Der alte Mann war bei jeder Gelegenheit bald in die Ecke gedrängt. Die Tochter erzählt, wie ihre Mutter oft nicht einmal duldete, daß sich der Vater zuweilen auf einer Bank ausstreckte, um auszuruhen. Die Mutter war immer bestrebt, nach einem Prinzip, das sie sich zurechtgelegt hatte und das für alle als unverletzlich gelten mußte, ihr Hauswesen zu führen.

Unsere Patientin wuchs als ein sehr fähiges Kind heran, das vom Vater sehr verzärtelt wurde. Die Mutter hingegen war mit ihr nie zufrieden und stets ihre Gegnerin. Als später noch ein Knabe hinzukam, dem die Mutter mit viel mehr Neigung gegenüberstand, wurde das Verhältnis vollends unerträglich. Das Mädchen, in dem Bewußtsein, im Vater eine Stütze zu haben, der, so lässig und nachgiebig er sonst war, recht heftigen Widerstand leisten konnte, wenn es sich um seine Tochter handelte, gelangte in dem hartnäckigen Kampfe mit der Mutter geradezu zu Haßgedanken. Ein beliebtes Angriffsobjekt für das Mädchen war hierbei die Reinlichkeit der Mutter, die ihre Pedanterie so weit auf die Spitze trieb, daß sie z. B. nicht duldete, daß die Hausgehilfin eine Türschnalle berührte, ohne sie nachher abzuwischen. Dem Mädchen machte es einen Spaß, immer recht schmierig und schlampig umherzugehen und alles zu beschmutzen. Überhaupt entfaltete sie lauter Eigenschaften, die das gerade Gegenteil von denen waren, die die Mutter erwartete. Dieser Umstand spricht sehr deutlich gegen die Annahme der angeborenen Charaktereigenschaften. Wenn das Kind nur solche Eigenschaften entwickelt, über die sich die Mutter zu Tode ärgern muß, so kann nur ein bewußter oder unbewußter Plan zugrundeliegen. Der Kampf dauert auch heute noch an und es gibt kaum eine heftigere Feindschaft als diese. Als das Mädchen 8 Jahre alt war, herrschte ungefähr folgende Situation: der Vater immer auf Seite der Tochter, die Mutter immer mit einem strengen, bösen Gesicht, spitzen Bemerkungen und Vorwürfen, das Mädchen schnippisch, schlagfertig und mit einem unerhörten Witz, womit sie alle Bemühungen der Mutter lahmlegte. Erschwerend kam hinzu, daß der jüngere Bruder, der Liebling der Mutter und ebenfalls verzärtelt, an einem Herzklappenfehler erkrankte und dadurch bewirkte, daß sich die Sorge der Mutter um ihn noch intensiver gestaltete. Man beachte das sich fortwährend kreuzende Bemühen der Eltern um ihre Kinder. Unter solchen Verhältnissen wuchs das Mädchen heran.

Da ereignete es sich, daß sie an einem nervösen Leiden, das sich niemand erklären konnte, ernstlich zu erkranken schien. Das Leiden bestand darin, daß sie immer von bösen Gedanken gequält wurde, die sich gegen die Mutter richteten, und die zur Folge hatten, daß sie sich durch dieselben an allem behindert glaubte. Zum Schluß vertiefte sie sich plötzlich — ohne Erfolg — in die Religion. Nach einiger Zeit flauten diese Gedanken ab, was man irgendeinem Medikament zuschrieb; wahrscheinlich aber war die Mutter doch ein wenig in die Defensive gedrängt worden. Es blieb nur ein Rest übrig, der in einer auffallenden Gewitterangst zutage trat. Das Mädchen bildete sich ein, das Gewitter sei nur wegen ihres bösen Gewissens gekommen und werde eines Tages zu einem Unglück für sie werden, weil sie so schlechte Gedanken hatte. Man sieht, wie sich das Kind selbst schon bemüht, sich von seinem Haß gegen die Mutter zu befreien. So ging die Entwicklung des Kindes weiter und es schien ihr schließlich doch eine schöne Zukunft zu winken. Einen besonderen Eindruck machte auf sie einmal der Ausspruch einer Lehrerin, die sagte, dieses Mädchen könne alles leisten, wenn sie nur wolle. An sich sind solche Worte unbedeutend, für dieses Mädchen aber bedeuteten sie: wenn sie etwas durchsetzen wolle, so könne sie es auch. Diese Auffassung hatte nur eine weitere Begehrlichkeit im Kampfe gegen die Mutter zur Folge.

Es kam die Zeit der Pubertät, sie wuchs zu einem schönen Mädchen heran, wurde heiratsfähig und hatte viele Bewerber. Doch durch eine besondere Schärfe ihrer Zunge unterbrach sie immer wieder alle Möglichkeiten einer Beziehung. Nur einen alternden Mann gab es in ihrer Nähe, zu dem sie sich besonders hingezogen fühlte, so daß man stets fürchtete, sie könnte ihn heiraten. Aber auch dieser Mann ging nach einiger Zeit davon und das Mädchen blieb bis zu ihrem 26. Jahr ohne Bewerber. Das war in den Kreisen, denen sie angehörte, sehr auffallend und man konnte sich das nicht erklären, weil man die Geschichte dieses Mädchens nicht kannte. In dem harten Kampf, den sie seit ihrer Kindheit gegen die Mutter geführt hatte, war sie zu einem unverträglichen, zänkischen Wesen geworden. Kampf war ihre siegreiche Position. Durch das Verhalten der Mutter war das Mädchen gereizt und dazu gebracht worden, immer nach Triumphen zu jagen. Ein spitzer Zungenstreit war ihr das Liebste. Darin zeigte sich ihre Eitelkeit. Ihre »männliche« Einstellung tat sich auch darin kund, daß sie nur solche Spiele bevorzugte, wo es galt, einen Gegner zu besiegen.

Mit 26 Jahren lernte sie nun einen sehr ehrenwerten Mann kennen, der sich durch ihr streitsüchtiges Wesen nicht abhalten ließ und sich ernstlich um sie bewarb. Er gab sich sehr demütig und untertänig. Auf das Drängen ihrer Verwandten, ihn zum Manne zu nehmen, erklärte sie wiederholt, sie empfinde große Abneigung gegen ihn und eine Verbindung mit ihm könne nicht gut ausgehen. Bei ihrem Wesen war eine solche Voraussagung allerdings nicht schwer. Nach zweijährigem Widerstand gab sie endlich ihr Jawort, in der festen Überzeugung, an diesem Manne einen Sklaven gewonnen zu haben, mit dem sie machen könne, was sie wolle. Im geheimen hatte sie gehofft, in ihm so etwas wie eine zweite Auflage ihres Vaters zu finden, der ihr in allem immer nachgegeben hatte.

Bald wurde ihr klar, daß sie sich geirrt hatte. Schon einige Tage nach der Hochzeit sah man den Mann mit seiner Pfeife im Zimmer sitzen und gemütlich die Zeitung lesen. Morgens verschwand er in seinem Bureau, kam pünktlich zum Essen, brummte, wenn es noch nicht fertig war. Er verlangte Reinlichkeit, Zärtlichkeit, Pünktlichkeit, lauter, wie sie meinte, ungerechte Dinge, auf die sie nicht gefaßt war. Das Verhältnis gestaltete sich nicht im entferntesten so, wie es zwischen ihr und ihrem Vater bestanden hatte. Sie fiel aus allen ihren Träumen. Je mehr sie forderte, desto weniger kam der Mann ihren Wünschen nach und je mehr dieser auf ihre Hausfrauenrolle hinwies, desto weniger bekam er davon zu sehen. Dabei unterließ sie es nicht, ihn fortwährend daran zu erinnern, daß er zu solchen Forderungen eigentlich kein Recht habe, denn sie habe ihm ja ausdrücklich gesagt, daß sie ihn nicht gern habe. Das machte aber auf ihn gar keinen Eindruck. Er stellte weiter seine Forderungen, mit einer Unerbittlichkeit, daß sie sich recht trübe Aussichten für die Zukunft machte. Der rechtliche, von Pflichtgefühl durchdrungene Mann, hatte in einem Rausche des Selbstvergessens um sie geworben, der bald verflogen war, als er sich in sicherem Besitz wähnte.

An der zwischen ihnen bestehenden Disharmonie änderte sich nichts, als sie Mutter wurde. Sie mußte neue Pflichten übernehmen. Dabei wurde ihr Verhältnis zur Mutter, die energisch für den Schwiegersohn Partei nahm, immer schlechter. Da der ununterbrochene Krieg im Hause mit so schwerem Kaliber geführt wurde, war es nicht zu verwundern, wenn sich der Mann zuweilen unschön und rücksichtslos benahm und die Frau dadurch gelegentlich Recht bekam. Das Benehmen des Mannes war eine Folge ihrer eigenen Unzugänglichkeit, ihrer Unausgesöhntheit mit der Frauenrolle. Sie hatte ursprünglich gedacht, sie werde dieselbe auf eine Art und Weise spielen können, daß sie immer als die Herrscherin dastand, etwa wie neben einem Sklaven durchs Leben wandeln werde, der ihr alle Wünsche zu erfüllen hätte. Dann wäre es vielleicht möglich gewesen.

Was sollte sie nun tun? Sollte sie sich scheiden lassen, zur Mutter zurückkehren und sich dort als besiegt erklären. Selbständig werden konnte sie nicht mehr, dazu war sie nicht vorbereitet. Eine Ehescheidung hätte eine Verletzung ihres Stolzes, ihrer Eitelkeit bedeutet. Das Leben war ihr eine Qual. Der Mann auf der einen Seite benörgelte alles, auf der andern Seite stand die Mutter mit ihrem schweren Geschütz und predigte immer nur Reinlichkeit und Ordnungsliebe.

Und plötzlich wurde sie reinlich und ordnungsliebend. Sie begann, den ganzen Tag über zu waschen und zu putzen. Sie schien endlich die Lehren, mit denen ihr die Mutter immer in den Ohren gelegen war, begriffen zu haben. Anfangs mag wohl die Mutter freundlich gelächelt und sich auch der Mann über die plötzlich hereingebrochene Ordnungsliebe der Frau, die ständig die Kästen ein- und ausräumte, einigermaßen gefreut haben. Man kann aber so etwas auch übertreiben; und das geschah in diesem Falle. Sie wusch und scheuerte so lange, bis im ganzen Haus kein Faden mehr hielt und legte dabei ihren Eifer in einer Weise an den Tag, daß jeder sie bei ihrem Ordnungmachen störte und ebenso sie jeden andern. Hatte sie etwas gewaschen und rührte es jemand an, dann mußte es wieder abgewischt werden und nur sie konnte das tun.

Diese sog. Waschkrankheit ist eine außerordentlich häufige Erscheinung. Alle diese Frauen sind Kämpferinnen gegen die Frauenrolle, die auf diese Weise versuchen, in einer Art Vollkommenheit auf die andern herabzusehen, die sich nicht so oft im Tage waschen. Unbewußt gehen diese Bemühungen darauf aus, das Haus in die Luft zu sprengen. Dabei war aber selten bei einem Menschen so viel Schmutz zu sehen, wie gerade bei dieser Frau. Es war ihr eben nicht um die Reinlichkeit zu tun, sondern um die Störung, die sie verursachte.

Man könnte an einer Unzahl von Fällen zeigen, wie eine wirkliche Versöhntheit mit der Frauenrolle meist nur dem Schein nach besteht. Es paßt nur zum Wesen dieser Frau, wenn man noch hört, daß sie überhaupt keine Freundin hat, mit keinem Menschen auskommt und keine Rücksichten kennt. Was uns die Kultur in der nächsten Zeit bringen muß, sind Wege der Mädchenerziehung, die eine bessere Versöhnung mit dem Leben zustandebringen. Denn wie wir heute diesen Fall besehen, ist diese Versöhnung selbst unter den günstigsten Umständen manchmal nicht zu erzielen. In unserer Kultur ist die Minderwertigkeit der Frau, obwohl real nicht bestehend und von allen einsichtigen Menschen geleugnet, noch immer gesetzlich und traditionell festgelegt. Dafür muß man stets ein offenes Auge bewahren, die ganze Technik dieses fehlerhaften Verhaltens unserer Gesellschaftsordnung erkennen und dagegen ankämpfen. Das alles aber nicht etwa aus einer krankhaft übertriebenen Verehrung der Frau, sondern weil solche Zustände unser gesellschaftliches Leben vernichten.

Noch eine Erscheinung soll in diesem Zusammenhang erwähnt werden, weil auch sie vielfach zum Anlaß einer herabsetzenden Kritik der Frau genommen wird, das gefährliche Alter, dasselbe äußert sich um das 50. Lebensjahr herum in Erscheinungen und Veränderungen der Psyche im Sinne einer Verschärfung gewisser Charakterzüge. Physische Veränderungen bewirken, daß sich der Frau der Gedanke aufzudrängen beginnt, jetzt sei die Zeit gekommen, wo sie den letzten Rest ihrer mühsam behaupteten, ohnehin geringen Geltung nunmehr völlig verlieren werde. Mit erhöhtem Kraftaufwand sucht sie alles, was ihr zur Erringung und Behauptung ihrer Stellung behilflich war, festzuhalten unter Bedingungen, die in dieser Zeit eine Verschärfung erfahren. Ist es in unserer heutigen Kultur dem herrschenden Leistungsprinzip zufolge für alternde Menschen überhaupt schlecht bestellt, so trifft dies für alternde Frauen in noch höherem Grade zu. Die Schädigung, die bei alternden Frauen darin besteht, daß man ihren Wert völlig untergräbt, trifft in einer anderen Form auch die Allgemeinheit insofern, als ja unser Leben doch nicht von einem Tag auf den andern zu berechnen und zu werten ist. Was einer in der Vollkraft seiner Jahre geleistet hat, müßte ihm für die Zeit, wo er an Kraft und Wirkung eingebüßt hat, gutgeschrieben werden. Es geht nicht an, einen Menschen, weil er alt ist, nunmehr von seinen seelischen und materiellen Bezügen einfach auszuschließen in einer Weise, die bei alten Frauen geradezu zu einer Beschimpfung ausartet. Man möge sich vorstellen, mit welcher Beängstigung ein heranwachsendes Mädchen an diese Zeit denkt, die auch ihr einmal bevorsteht. Auch das Weib-Sein ist mit dem 50. Jahr noch nicht erloschen, auch nach diesem Zeitpunkt besteht die Menschenwürde unvermindert weiter und muß gewahrt werden.


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