II. Fall. — Erziehung durch eine neurotische Mutter. Furcht vor dem Gebären als Ursache von Erziehungsfehlern


Eine 38jährige Frau, die wegen häufiger Angstanfälle, anfallsweise auftretenden Herzklopfens, schmerzhaften Drucks auf der Brust und »Blinddarmschmerzen« in Behandlung stand, zeigte eine sonderbare Beziehung zu ihrem einzigen Kinde, einem Mädchen von 10 Jahren. Sie überwachte sie auf Schritt und Tritt, war stets unzufrieden mit ihren Fortschritten und nörgelte unaufhörlich an dem etwas zurückgebliebenen, sonst aber gutwilligen Kind. Kein Tag verging ohne Aufregung, oft bildeten Schläge den Abschluß einer belanglosen Kontroverse zwischen Mutter und Kind, oder es wurde der Vater zum Richteramt berufen. Das Kind war allmählich in die unbewußte Trotzeinstellung geraten und obstruierte, wie dies dann immer geschieht, beim Essen, Anziehen, Schlafengehen, Waschen und Lernen.1)

Die ersten Anfälle waren im 19. Lebensjahre autgetreten, kurz nachdem sich die Patientin mit ihrem gegenwärtigen Gatten heimlich verlobt hatte. Die Verlobung währte 8 Jahre, erfuhr viele Anfechtungen von seifen der Familie und brachte eine Unzahl frustraner Erregungen mit sich. Bald nach der Heirat verschwanden die Anfälle, um bald nach der Geburt des Kindes wieder aufzutauchen. In dieser Zeit war der Gatte zu Coitus interruptus übergegangen. Als ihn ein Arzt auf die angebliche Schädlichkeit desselben aufmerksam machte und die Anfälle der Frau darauf zurückführte, nahm er zu anderen Vorbeugungsmitteln seine Zuflucht. Der Erfolg war verblüffend, die Anfälle blieben eine Zeitlang aus. Plötzlich traten sie wieder ein, ohne daß das Sexualregime geändert worden wäre, und trotzten seit 3 Jahren jeder Therapie. Sexualbefriedigung kam regelmäßig zustande.

Wenn es eine reine Aktualneurose in Form einer Angstneurose gäbe, dies wäre — bis vor 3 Jahren — ihr Bild gewesen. In der Analyse aber ergab sich ihr psychischer Gehalt und ihre hysterische Struktur. Die männlichen Protest­charaktere traten deutlich hervor: Trotz, Überempfindlichkeit, Herrschsucht, Ehrgeiz — während das Gefühl der Minderwertigkeit durch die Fiktion überaus starker libidinöser Strebungen rezent erhalten wurde. Diese »libidinösen« Strebungen bestanden seit dem 8. Lebensjahr, hielten stets die Furcht zu fallen und ein Kind zu bekommen wach und erfüllten die Patientin mit der Angst vor der weiblichen Rolle. Als sie ihren Mann kennenlernte und während ihres langen Brautstandes schuf sie sich aus dieser Angst, indem sie sie unbewußt (halluzinatorisch) arrangierte, eine verläßliche Sicherung, zu der noch Brust- und Bauchschmerzen hinzukamen, um einen illegalen Verkehr unmöglich zu machen. Ihre unbewußte Phantasie spiegelte ihr das eigene Bild als das eines leidenschaftlichen und gleichzeitig willensschwachen Mädchens vor, eines verworfenen, seinem Sexualtrieb blind folgenden Geschöpfes, und gegen diese Fiktion einer lüsternen Weiblichkeit hatte sie sich stets mit Angst und mit der Neurose gewehrt. Wo andere Mädchen ihre Moral haben, hatte sie ihre Angst und ihre hysterischen Schmerzen. Dieser Kampf gegen die weiblichen Linien spielte sich im Unbewußten ab, gab aber seit früher Kindheit im Bewußtsein einen Niederschlag: in dem bewußten Wunsch, ein Mann zu sein. — Sooft die Situation nun gespannter wurde — sei es, daß der ihr bedenklich scheinende Coitus interruptus die Gefahr einer Gravidität heraufbeschwor, sei es, daß ungünstige pekuniäre Verhältnisse, wie in den letzten 3 Jahren, sie diese Gefahr höher werten ließen — reagierte sie mit ihren Anfällen gegen ihre weibliche Rolle und damit gegen ihren Mann. Nachts kamen Anfälle, die ihn im wohlverdienten Schlummer störten: Sie sollten ihm vor Augen führen, wie unangenehm es wäre, in der Nacht durch Kindergeschrei geweckt zu werden. Auch konnte sie sich dem Mann jederzeit entziehen oder durch einen Anfall von Atemnot an die drohende Perspektive einer Tuberkulose nach einer Schwangerschaft gemahnen. Sie konnte Gesellschaften meiden und ihren Mann ans Haus fesseln, soweit es ihr genehm war, und sie zwang den etwas schroffen Mann, sich ihr in vieler Beziehung unterzuordnen. Bewußt stützte sich ihre Ablehnung gegen ein zweites Kind auf die Furcht, abermals ein imbezilles Kind zu bekommen.

Als das bedeutungsvollste Ergebnis dieser Analyse aber will ich hervorheben, wie ihr nörgelndes, quälendes Erziehungsverfahren ihrer unbewußten Tendenz diente. Sie bewies durch ihre Hast, durch ihre fortwährende Unruhe und Vielgeschäftigkeit, daß ihr das eine Kind schon zuviel Mühe mache. Und ihre Umgebung hatte wohl den richtigen Eindruck, wenn es regelmäßig hieß: »Gott sei Dank, daß du nur eines hast.« Sie verfolgte das Kind auf Schritt und Tritt, besserte ununterbrochen aus, fiel aus einer Heftigkeit in die andere, verhütete sorgfältig, daß das Mädchen mit anderen Kindern zusammenkam, und verhalf diesem aus der unbewußten Einstellung stammenden Gebaren zu einer logischen Repräsentation: Das Mädchen soll nicht wie seine Mutter werden, soll nicht wie sie sexuell frühreif werden!

Andere Mütter handeln oft in der gleichen Einstellung anders, doch mit der gleichen Tendenz: Sie kommen Tag und Nacht von dem Kinde nicht los. Sie hätscheln es ununterbrochen, sind immer mit ihm beschäftigt und stören seine Nachtruhe nicht selten durch überflüssige Maßnahmen. Unausgesetzt beobachten sie seine Nahrungsaufnahme, seine Exkrementalfunktion, wägen, messen und nehmen Temperaturen ab. Wird das Kind krank, so beginnt erst recht das Schädigungswerk der Mutter. »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.« Bis das Kind sachte seine Kraft zu spüren beginnt und der Mutter die Zügel anlegt, bis es aus allen kleinen Beziehungen in der Kinderstube einer Unterwerfungsabsicht herausfühlt, gegen die es sich in dauerndem Trotz aufbäumt. Die Träume dieser Patientin ergaben regelmäßig einen Ausschnitt aus diesem Ensemble von psychischen Regungen und ließen die neurotische Dynamik, den psychischen Hermaphroditismus mit folgendem männlichen Protest klar hervortreten. Die Symbolik von »Unten und Oben« kehrte recht häufig wieder. Einer dieser Träume lautete:

»Ich flüchte vor zwei Leoparden und klettere auf einen Kasten. Ich erwache mit Angst.«

Die Deutung ergab Gedankengänge bezüglich eines zweiten Kindes, vor denen sie nach oben, in die männliche Rolle flüchtet. Identisch damit ist ihr neurotisches Hauptsymptom, die Angst, die ihr als wichtigste Sicherung gegen die weibliche Aufgabe des Gebärens dient. — Gleichzeitig liegt in der nach aufwärts gerichteten Bewegung im Traum der probeweise Versuch zutage, sich über ihre beiden Familienmitglieder zu erheben, die sie als gefahrdrohend hinstellt.

 

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1) Friedjung hat in einer interessanten Statistik die Schicksale des »einzigen Kindes« dargelegt und klagt dort in erster Linie psychische Gründe an: Verzärtelung, Ängstlichkeit usw. Unser Fall sowie ähnliche andere kann diese Aufstellung sowohl unterstützen als erweitern. Er deckt die vielleicht bedeutsamste Ursache einer ruhelosen, ewig nörgelnden Erziehung auf, die Furcht der Mutter vor einer nochmaligen Geburt. Die übertriebene Sorgfalt bei Tag und Nacht soll dem Beweise dienen, »daß es schon mit einem Kinde nicht auszuhalten ist«. Dazu kam, daß der Boden für die neurotische Entwicklung bei Mutter und Tochter durch mehrfache Organminderwertigkeit vorbereitet war. Beide waren im frühen Kindesalter recht schwächlich gewesen. Die Menses waren bei der Mutter erst im 18. Jahre eingetreten, die Geburt des Kindes war auffallend schwer durch Wehenschwäche und folgende Atonie (Genitalminderwertigkeit), und kurz nach der Entbindung trat ein langwieriger Spitzenkatarrh in Erscheinung (Respirationsminderwertigkeit). Ein Bruder litt an einem Kehlkopfpolypen, der Vater starb an Lungenentzündung. Die Tochter war an Scharlachnephritis mit Urämie (Nierenminderwertigkeit), später an Chorea (Gehirnminderwertigkeit) erkrankt und zeigte sich geistig zurückgeblieben. — Auch der Hausarzt riet von nochmaliger Schwangerschaft ab.

So spiegeln uns die Neurosen weiblicher Patienten in jedem Falle den Krampf wider, der unsere Kultur erschüttert: den Horror der Frau vor dem Weiblichen, ihre Kindheitsangst vor dem ihr bevorstehenden Geburtsakt. Moll hat vor kurzem die obigen Tatsachen bestätigt.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 07:26:14 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.12.2009 
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