2. Eifersucht.


Ein Charakterzug, der unser Augenmerk durch seine außerordentliche Häufigkeit fesselt, ist die Eifersucht. Gemeint ist nicht nur Eifersucht in Liebesbeziehungen, sondern jene, die auch in allen anderen menschlichen Beziehungen anzutreffen ist, besonders in der Kinderzeit, wo ein Geschwister, um dem andern überlegen zu sein, mit seinen Regungen des Ehrgeizes zugleich auch solche der Eifersucht in sich entwickelt und damit seine gegnerische, kämpferische Stellungsnahme bekundet. Aus einem Gefühl der Zurückgesetztheit hat sich eine andere Form des Ehrgeizes entwickelt, die Eifersucht, ein Zug, der dem Menschen oft sein Leben lang anhaftet.

Bei Kindern findet sich Eifersucht fast regelmäßig, besonders wenn ein jüngeres Geschwister ankommt, das nun die Aufmerksamkeit der Eltern mehr auf sich zieht, so daß sich das ältere Kind wie ein entthronter König vorkommt. Besonders solche Kinder werden leicht eifersüchtig, die früher in behaglicher Wärme gesessen sind. Wie weit ein Kind darin gehen kann, soll der Fall eines Mädchens zeigen, das in seinem achten Jahre schon drei Morde begangen hatte.

Sie war ein etwas zurückgebliebenes Kind, dem man infolge seiner Zartheit jede Arbeit abnahm, so daß es sich in einer verhältnismäßig günstigen Situation befand. Das änderte sich plötzlich, als sie in ihrem sechsten Lebensjahr eine Schwester bekam. In ihr ging eine völlige Wandlung vor sich, sie verfolgte die Schwester mit einem wütenden Haß. Die Eltern, die sich keinen Rat wußten, griffen strenge ein und versuchten, dem Kind seine Haftbarkeit für jede Untat klarzumachen. Da ereignete es sich eines Tages, daß in dem Bach, der am Dorf vorbeifloß, ein kleines Mädchen tot aufgefunden wurde. Nach kurzer Zeit wiederholte sich dieser Fall, und endlich ertappte man dieses Mädchen in dem Augenblick, da es wieder ein kleines Mädchen ins Wasser gestoßen hatte. Sie gestand auch ihre Mordtaten ein, kam zur Beobachtung in eine Irrenanstalt und wurde schließlich einem Erziehungsheim übergeben.

In diesem Fall war die Eifersucht des Mädchens von der eigenen Schwester auf andere, jüngere Mädchen abgelenkt worden. Es war aufgefallen, daß sie gegen Knaben keinerlei feindselige Gefühle empfand. Es war so, als ob sie in den getöteten Mädchen das Bild ihrer Schwester erblickt hätte und durch deren Tötung ihr Rachegefühl für die ihr zuteil gewordene Zurücksetzung hatte befriedigen wollen.

Noch leichter können Regungen der Eifersucht wach werden, wenn Geschwister verschiedenen Geschlechtes vorhanden sind. Bekanntlich ist es in unserer Kultur nicht sehr verlockend für ein Mädchen, das leicht in Unmut gerät, wenn, wie es heute vielfach üblich ist, ein Knabe mit besonderer Freude begrüßt, mit mehr Sorgfalt und Liebe behandelt wird und noch allerhand andere Vorzüge gegenüber dem Mädchen genießt, von denen sich dieses ausgeschlossen sieht.

Aus einem solchen Verhältnis muß natürlich nicht immer eine heftige Feindseligkeit entstehen. Es kann auch sein, daß das ältere Geschwister starke Gefühle der Hinneigung für das jüngere empfindet und für dasselbe wie eine Mutter sorgt, was aber psychologisch vom ersten Fall nicht immer verschieden zu sein braucht. Wenn ein älteres Mädchen Mutterstelle am jüngeren Geschwister einnimmt, dann ist ja das wieder eine Position, wo sie die Überlegene ist, sie kann frei schalten und walten. Es ist ihr gelungen, aus einer gefährlichen Situation etwas Wertvolles zu schaffen.

Eine andere häufige Form dieses Verhältnisses, bei der sich ebenfalls leicht eifersüchtige Regungen einstellen können, ist eine Art gesteigertes Wettrennen zwischen Geschwistern. Das Mädchen empfindet im Gefühl seiner Zurücksetzung einen Stachel, der es unaufhörlich vorwärts treibt, so daß es ihr nicht selten gelingt, durch Fleiß und Energie den Bruder weit zu überflügeln, wobei ihr oft die eigentümliche Begünstigung der Natur zu Hilfe kommt, die darin liegt, daß sich Mädchen in der Pubertätszeit körperlich wie geistig um vieles rascher entwickeln als Knaben, ein Unterschied, der dann langsam wieder eingeholt wird.

Die Eifersucht tritt nun unter den verschiedensten Formen in Erscheinung. Man erkennt sie an Zügen des Mißtrauens; des Lauerns, des Messens und an der steten Furcht, daß man nicht verkürzt werde. Welche Form mehr hervortritt, ist Sache der bis dahin gediehenen Vorbereitung für das gesellschaftliche Leben. Es kann eine Eifersucht sein, die sich selbst verzehrt, oder eine, die in ein waghalsiges, energisches Verhalten ausmündet. Sie kann erscheinen in der Spielverderberin, die versucht, den Rivalen herabzusetzen, oder im Bestreben, jemanden zu fesseln, seine Freiheit einzuschränken, um sich zum Herrn über ihn zu machen. Es ist eine überaus beliebte Methode, die Eifersucht in den Beziehungen der Menschen so zu plazieren, daß der andere dadurch gewisse Gesetze bekommt. Es ist eine eigne seelische Linie, auf der sich ein Mensch bewegt, wenn er einem.andern z.B. ein Gesetz der Liebe aufzwingen will, wenn er den andern abschließen will, wenn er ihm vorschreibt, wie er seine Blicke zu lenken, seine Handlungen, ja sein ganzes Denken einzurichten habe. Die Eifersucht kann auch dem Zweck dienstbar gemacht werden, den anderen herabzusetzen, ihm Vorwürfe zu machen u. dgl. Alles aber sind Mittel, um dem anderen seine Willensfreiheit zu nehmen, um ihn zu bannen und zu fesseln. Eine wundervolle Schilderung dieses Verhaltens findet sich in dem Roman Netotschka Njeswanowa von Dostojewski, wo es ein Mann auf diese Weise zustandebringt, seine Frau durch ein ganzes Leben hindurch zu drücken und seine Herrschaft über sie festzuhalten.

Somit ist Eifersucht eine besondere Form des Strebens nach Macht.


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