Beitrag zum Verständnis des Widerstands in der Behandlung


(1911)

 

Unter den Symptomen der Neurose findet sich als das Allgemein-Menschlichste, Verständlichste, aber wenig Verstandene, niemals Fehlende ein Komplex von Erscheinungen, den man als Starrsinn, als Eigensinn, als Gegensätzlichkeit, als Feindseligkeit, als kämpferische Haltung empfindet, dann wieder als Rechthaberei, als Unzugänglichkeit, als Herrschsucht. Auch die klinischen Begriffe des Negativismus, der Abschließung, des Autismus (Bleuler) gehören hierher. Versuche des Patienten, solche Standpunkte logisch zu vertreten, fehlen fast nie, auch nicht in der Psychose. Diese Erstarrung ist immer ein Zeichen eines Mangels an Kooperationsfähigkeit, dem einzigen, richtigen Maßstab im Verhältnis zur Norm.

In dieser gegensätzlichen Haltung zum Mitmenschen ist eigentlich die ganze irrtümliche Isolierungstendenz und die kraftlose, entmutigte Herrsch­sucht und Eitelkeit des Patienten zu begreifen. Indem die herabsetzende Stellungnahme des Patienten, oft in Demut, Folgsamkeit, Liebe oder Minderwertigkeitsgefühl verkleidet, aber stets unfruchtbar und die Umgebung schwächend, auch selbstverständlich dem Arzt gegenüber zum Ausdruck kommt, hat dieser die günstigste Gelegenheit, auch von diesem Symptom her die Persönlichkeit seines Patienten zu begreifen, ihm offen jeden Angriffspunkt zu entziehen und alle hierher gehörigen Äußerungen dem Verständnis des Kranken näherzubringen und seine Kooperationsfähigkeit zu trainieren.

Eine Patientin, die sich seit zwei Monaten in der individualpsychologischen Kur befand, kam eines Tages und fragte, ob sie das nächste Mal statt um 3 Uhr um 4 Uhr kommen könne. So sehr auch Patienten in solchen und ähnlichen Fällen für die Notwendigkeit ihres Ersuchens plädieren, ist doch die Vermutung gerechtfertigt, daß der verlangte Aufschub ein Zeichen der verstärkten Aggression, des Protestes gegen den Arzt sei. Man hätte unrecht und handelte gegen die Absicht der Kur, den Patienten innerlich frei zu machen, wenn man bei solchen Anlässen den Versuch unterließe, sich auf die Begründung ein wenig einzulassen.

Patientin gab also an, daß sie um 3 Uhr zur Schneiderin gehen müsse, eine etwas schwächliche Begründung, die vielleicht nur unter Berücksichti­gung der längeren Kur und der dadurch tagsüber eingeschränkten freien Stunden ein wenig stärker wurde. Da ich die verlangte Stunde nicht frei hatte, schlug ich probeweise die Zeit von 5 bis 6 Uhr vor. Aber die Patientin lehnte ab, mit der Bemerkung, ihre Mutter sei um 5 Uhr frei und erwarte sie bei einer Freundin. Also abermals eine kaum genügende Begründung, so daß der Schluß gerechtfertigt war, Patientin sei — im Widerstand gegen die Kur.

Freud hat wiederholt darauf hingewiesen, daß die Analyse vor allem an den Widerstandserscheinungen anzusetzen habe, ferner, daß letztere oft oder immer mit der Übertragung im Zusammenhang stünden. Da nach unserem Dafürhalten die psychischen Relationen für diese zwei Fragen andere sind und zuweilen mißverstanden werden, wollen wir sie an diesem Falle erörtern.

In erster Linie ist wohl ins Auge zu fassen, an welcher Stelle der Aufklärungen in der Kur der Widerstand sich geltend macht. In unserem Falle hatte die Patientin seit einigen Tagen von ihren Beziehungen zum Bruder gesprochen. Sie hatte bemerkt, daß sie zuweilen, wenn sie mit ihm allein sei, ein unerklärliches Ekelgefühl empfinde. Doch habe sie keine Aversion gegen ihn und gehe ganz gerne mit ihm in Gesellschaft oder ins Theater. Nur vermeide sie es, ihm auf der Straße den Arm zu reichen, aus Furcht, von fremden Leuten für seine Geliebte gehalten zu werden. Auch zu Hause unterhalte sie sich oft mit ihm, lasse sich auch oft von ihm, der dies häufig praktiziere, küssen. Sie selbst küsse leidenschaftlich gerne, verspüre zuweilen eine wahre Kußwut, sei aber dem Bruder gegenüber in der letzten Zeit viel zurückhaltender, da sie mit ihrer feinen Nase bei ihm einen abscheulichen Geruch aus dem Munde verspürt habe.

Die psychische Situation der Patientin im Verhältnis zu ihrem Bruder ist klar genug. Sie findet in sich Gefühlsregungen und erwägt Möglichkeiten, gegen die sie sofort zu Sicherungstendenzen schreitet. Lauten die ersteren im Sinne weiblicher Regungen (sich küssen lassen, den Arm nehmen, männliche Gesellschaft suchen), so antwortet sie darauf mit dem männlichen Protest, wenngleich sie diesem eine unauffällige logische Repräsentation verleiht.

Was tut sie also, um ihre kulturelle männliche Stellung zum Bruder aufrechtzuerhalten? Sie führt unbewußt eine Schwindelwertung ein, wird äußerst scharfsinnig und voraussehend, zuweilen so sehr, daß sie außerdem noch recht behält.1) Freilich, die Furcht, man könnte sie für die Geliebte des Bruders halten, wenn sie ihm den Arm gibt, werden nur die nachfühlen können, die eine ähnliche Einstellung zu einem ihrer Geschwister gehabt haben. Aber mit dem Geruch aus dem Munde hat sie ja recht! Und doch ist der Umstand auffällig, daß niemand sonst aus der Umgebung, die von ihm nicht weniger oft geküßt wird, diesen üblen Geruch wahrgenommen hat. Unsere Patientin hat also in ihrer Einstellung gegen den Bruder eine Umwertung vorgenommen, die deutlich zeigt, wohin sie zielt. »Der Andere hört von allem nur das Nein!«2)

Sollte jemand die Wahrscheinlichkeit bezweifeln, daß es irgendwelche Liebesregungen zwischen Bruder und Schwester gäbe, so würde ich nicht einmal auf das große Material der Geschichte, der Kriminalistik und der pädagogischen Erfahrung hinweisen, sondern hervorheben, daß ich die Tiefe solcher Empfindungen nicht hoch veranschlage. Es ist, als ob die zwei Geschwister, wie in der Kinderstube einmal, Vater und Mutter spielten, wobei sich das Mädchen kraft seiner neurotischen männlichen Einstellung jedesmal zu sichern trachtet, um nicht zu weit zu gehen. Der Bruder ist längst für sie nicht mehr der Bruder, sondern er spielt jetzt die Rolle des kommenden Bewerbers. Sie aber lebt mit ihm in einer zum voraus konstruierten Welt, in der sie zu zeigen versucht, wessen sie fähig ist, und wie sie sich davor zu sichern trachtet.3) Übrigens zeigen alle inzestuösen Regungen auf den Mangel an Kooperationsfähigkeit hin, demzufolge der Patient, oft mit verstärktem Familiensinn, an der Grenze der Familie Halt macht.

Wessen sie aber fähig ist, das sagen ihr ihre Erinnerungen und die Empfindungsspuren vergessener Geschehnisse; deren Gesamteindruck lautet für die Patientin: ich bin ein Mädchen, ich bin nicht stark genug, meinen Sexualtrieb zu beherrschen, ich hatte schon in der Kindheit wenig Energie, meine Phantasie spielte mit verbotenen Dingen, sogar dem Bruder gegenüber konnte ich mich nicht beherrschen! Man wird mich beschmutzen und mißhandeln, ich werde krank werden, unter Schmerzen Kinder gebären, unterworfen und eine Sklavin sein! Ich muß frühzeitig und allezeit bedacht sein, meinen Trieben nicht zu unterliegen, mich keinem Mann fügen, jedem Manne mißtrauen — indem ich selbst wie ein Mann auftrete! Ihr weibliches sexuelles Empfinden wird der Feind, und dieser Feind wird mit unheimlicher Stärke und allen Tücken ausgestattet. So entsteht im Gefühlsleben des Neurotikers eine Karikatur des Sexualtriebs, die es doch zu bekämpfen lohnt. Auch der männliche Neurotiker fürchtet die ihm weiblich scheinenden Regungen, Zärtlichkeit, Neigungen, sich der Frau zu unterwerfen, die in seinem Liebesleben zutage treten, und karikiert sie zwecks sicherer Bekämpfung. Aus anderen nichtsexuellen Beziehungen des Lebens werden Analogien herbeigeschafft, seelische Züge und ehemalige Schwäche, Trägheit, Energielosigkeit dienen ebenso wie körperliche Züge und ehemalige Kinderfehler 4) zum Beweise des Vorhandenseins unmännlicher, d. h. weiblicher Züge und werden mit männlichem Protest beantwortet. Daß auch wirkliche Unfälle arrangiert oder eingeleitet werden, daß die Trotzeinstellung befähigt (so bei Mädchen, die sich im Trotz gegen die Mahnungen der Mutter auflehnen), die eigene weibliche Sexualbetätigung als männlichen Protest gegen die Eltern, auch gegen die mädchenhafte Keuschheit zu verwenden oder bei männlichen Neurotikern weibliche Weichheit und Aboulie (häufig bei sog. »Neurasthenie«), Impotenz und Furcht vor der Liebe festzuhalten, habe ich an anderen Stellen auseinandergesetzt. Alle die arrangierten und oft karikierten, irrtümlichen Binnenwahrnehmungen finden in dem Weben der Psyche ihren Platz, um als Memento den männlichen Protest und die Sicherung gegen das Unterliegen mit Macht heraufzubeschwören.

Wir sind also zu dem Schlüsse gekommen, daß die Patientin heute wohl kaum Gefahr läuft, einen Inzest zu begehen, daß sie vielmehr in ihrer Sicherungstendenz weiter ausholt als unbedingt nötig wäre und daß sie damit noch einem Hauptzweck ihrer männlichen Einstellung dient: ihre Zukunft unabhängig vom Manne, nicht in der weiblichen Rolle zu gestalten.

Die Entwertung des Partners ist die regelmäßigste Erscheinung hei Nervösen. Sie kann deutlich zutage liegen wie in unserem Falle. Sie kann aber auch so tief versteckt sein, daß mancher, der diese Behauptung liest, vergeblich sein Material befragen wird, um sich über die Allgemeingültigkeit dieses Satzes zu belehren. Findet man doch so häufig bei Neurotikern masochistische und »weibliche« Züge, weitgehendste Tendenzen zur Unterwerfung und Hypnotisierbarkeit! Die hysterische Sehnsucht nach dem großen, starken Mann, vor dem man sich beugen kann, hat ja stets unsere Aufmerksamkeit gefesselt! Wie viele der neurotischen Patienten sind der Bewunderung voll für ihren Arzt und überhäufen ihn mit Lobeshymnen! Es sieht wie Verliebtheit aus. Das dickere Ende kommt aber nach.5) Keiner kann die Einfügung vertragen, und das weitere Räsonnement lautet: »Solch ein Schwächling bin ich! Solcher Unterwerfung bin ich fähig! Ich muß mich mit allen Mitteln sichern, um nicht zu fallen!« Und wie einer, der einen Hochsprung vorhat, weicht er einige Schritte zurück und duckt sich, um mit verstärkter Flugkraft über den andern hinwegzusetzen. Eine meiner Patientinnen sprach öfters davon, daß sie amoralisch sei und jederzeit bereit, ein Verhältnis einzugehen. Nur daß ihr die Männer aus ästhetischen Rücksichten zuwider seien! Ein Patient, der bei mir wegen Impotenz in Behandlung stand, war wegen seines Leidens mehrere Male von einem Kurpfuscher hypnotisiert worden. Beim Abschied erklärte der Hypnotiseur, wenn der Patient das Anhängsel seiner Uhr an die Stirne legte, so würde er einschlafen. Heilung der Impotenz kam allerdings nicht zustande, aber das Experiment mit dem Anhängsel gelang jedesmal. Patient war nämlich seither bei mehreren Ärzten in Behandlung gewesen. Sooft die angewandten mechanischen und medikamentösen Mittel versagten, äußerte er den Wunsch, hypnotisiert zu werden. Keinem der Ärzte gelang die Hypnose. Da nahm zum Schlüsse der Sitzung der Patient sein Anhängsel zu Hilfe und demonstrierte dem Arzte, wie er sich in Schlaf versenke. Der Sinn seines Benehmens lautete: Ihr könnt nicht einmal das, was ein Kurpfuscher, ja nicht einmal was mein Anhängsel vermag! — Sobald der Patient, der seit jeher mißtrauisch und auf die Entwertung von Mann und Frau bedacht war, das Geheimnis seiner Psyche erkannte, verlor das Anhängsel seine Kraft.

Die individualpsychologische Verfolgung dieser entwertenden Einstellung gegen den Mann führte mich regelmäßig in die kindliche pathogene Situation zurück, wo der Patient als Kind bereits, als Prototype, dem Vater »über« sein wollte und tatsächlich oder in seiner Phantasie alle Fechterstellungen an dem Vater, an den Brüdern und Lehrern ausprobierte. Nicht minder sicher aber scheint mir, daß der neurotische Charakter des disponierten Kindes, sein übertriebener Neid, sein Ehrgeiz und seine Herrschsucht — das Streben nach Macht ungeheuer aufpeitschen.

Von diesem Standpunkt aus ist auch die Doppelrolle des neurotisch disponierten Kindes in seiner Stellung zur Frau leichter zu fassen und an der Hand des Materials zu überprüfen. Einerseits wird die Frau — wie alles, was man nicht gleich haben kann — in der übertriebensten Weise idealisiert und mit allen Wundergaben der Kraft und Macht ausgestattet. Mythologie, Märchen und Volksgebräuche haben den Typus der Riesin, des weiblichen Dämons häufig zum Inhalt, demgegenüber — wie im Gedichte Heines »Loreley« — der Mann verschwindend klein oder rettungslos verloren ist. Der Neurotiker bewahrt recht häufig als schreckende Spuren dieser infantilen Einstellung bewußte oder unbewußte Phantasien oder Deckerinnerungen (Freud), Reminiszenzen an Frauen, die über ihm standen oder über ihn hinwegschritten (s. Ganghofers Biographie; ähnliches berichtet Stendhal), alles Szenen, die nicht als Trauma, sondern als verräterische Zeichen des Lebensstils zu verstehen sind. Später findet sich im psychischen Überbau in irgendeiner Form die Scheu vor der Frau, die Furcht hängen zu bleiben, nicht von ihr loszukommen. Gegen diese drängende psychische Relation, die mit Unterwerfung unter das Weib droht, richtet der Neurotiker seine Sicherungs­tendenz, verstärkt seinen männlichen Protest, verstärkt seine Größenideen und erniedrigt und entwertet aus seiner unbewußten Sicherungstendenz heraus die Frau. Recht häufig tauchen dann in den Phantasien und im Bewußtsein zweierlei Frauengestalten auf: Loreley und (Wiswamitras) Geliebte. — Ideal und derbsinnliche Gestalt. — Mutter-(Marien-)typus und Dirne. (Siehe O. Weininger.) — Oder es kommt eine Verschmelzung zustande: die reine Hetäre. Oder es tritt eine der beiden Typen scharf in den Vordergrund (Feministen und Antifeministen).

Schon im zweiten Halbjahr greift das Kind nach allen Gegenständen und ist nicht leicht bereit, sie abzugeben. Bald greift es unter dem Drucke des Machtstrebens und des Gemeinschaftsgefühls nach Personen, die gut mit ihm verfahren. An diese Tendenz des Besitzenwollens schließt sich Eifersucht als Sicherungstendenz.6) Wird das Kind noch weiter zum Vorbauen gedrängt (Unsicherheit der Geschlechtsrolle), so entsteht oft Frühreife und Zaghaftigkeit. Und ich bin zu dem Ergebnis gelangt, in der Beziehung zu den Eltern und Geschwistern waltet schon jener später neurotische Zug, der sich die gottähnliche Überlegenheit zum Ziel setzt und sich gleichzeitig vor Niederlagen durch die zögernde Attitüde und durch Ablehnung der Kooperation zu sichern trachtet. — Die Formen des kindlichen Erlebens haben an sich keine treibende Kraft, sind nicht Ursachen, sondern Wegspuren. Sie sind jedoch in der individuellen Machtperspektive erkannt und verwendet, erinnert oder vergessen. Sie sind selbst nur zu Grad und Ansehen gelangt, weil sie auffallende, sinnvolle Erscheinungen in der Dynamik der Neurose darstellten und weiterhin als Memento oder als Ausdrucksweise im Rahmen des männlichen Protestes in der Neurose ohne weiteres Verwendung finden können. »Ich bin ein Schwächling den Frauen gegenüber! Schon als Kind unterwarf ich mich aus Liebe zu einer Frau«, heißt, über sich hinausweisend: »Ich fürchte die Frauen«. Dieser Furcht vor dem »dämonischen« Einfluß der Frau, vor dem »Rätselhaften«, »ewig Unerklärlichen« und »Gewaltigen« folgt die Entwertung oder Flucht auf dem Fuße. Nun resultiert psychische Impotenz, Ejaculatio praecox, Syphilidophobie, Furcht vor der Liebe und Ehe mangels der Kooperationsfähigkeit. Bricht der männliche Protest in der Richtung des Sexualverkehrs durch, so findet der Neurotiker bloß die völlig entwertete Frau, die Dirne, aber auch das Kind und die Leiche 7) seiner »Liebe« wert oder die starke Frau, die er herabzusetzen trachtet. Die Analyse deckt dann als echtes Motiv auf, daß er die eine leichter beherrschen zu können glaubt oder sich sogar die Beherrschung der anderen zutraut. So drängt auch der männliche Protest den Lebensfeigen zum Don Juanismus.8)

Ich habe noch keinen männlichen Neurotiker gesehen, der nicht in irgendeiner Form die Inferiorität der Frau besonders betont und zu beweisen getrachtet hätte. Vielleicht immer auch zugleich die des Mannes. Der Kampf gegen den Rivalen in der Liebe stammt aus dieser letzteren Tendenz,9) ist in erster Linie Neid. — Der weibliche Neurotiker entwertet noch regelmäßiger Mann und Weib. — Unsere Patientin nun, da sie es mit einem männlichen Arzt zu tun hat, wird sie immer bisher die Entwertung dieses neu auftauchenden Mannes betreiben. Und dies um so mehr, wenn sie merkt, daß er ihr an Wissen »über« ist. Auch in unserem Falle setzte der »Widerstand« nach wichtigen Aufklärungen ein, die ich ihr über den Protestcharakter ihrer Neurose geben konnte. Sie antwortete mit neuem Protest, »weil Sie in so vielen Dingen recht hatten«. Recht aber wollte sie behalten! Wenn sie sich nun in Träumen oder Tagesphantasien Bilder ausmalte, in denen sie leichtsinnig und lasterhaft war, mit mir oder mit dem Bruder sexuelle Beziehungen anknüpfte, so war dies als neurotische Übertreibung zu verstehen, um sich davor zu sichern. Die »Liebesübertragung« auf den Arzt ist demnach unecht und nur als Karikatur zu verstehen, läßt demnach auch keine Einschätzung als »Libido« zu, ist aber vor allem nicht »Übertragung«, sondern allgemeine Haltung, Gewohnheit, die aus der Kindheit stammt und den Weg zur Macht darstellt.

Der weitere Verlauf war typisch. Es begann der Endkampf um die Entwertung des Arztes. Alles wollte sie besser wissen, besser können. Kaum eine Stunde verging, wo sie nicht durch Einwürfe und Vorwürfe gröbster Art das ärztliche Prestige zu erschüttern versucht hätte.

Die Mittel der Individualpsychologie sind völlig ausreichend, um das alte Mißtrauen des Patienten gegen die Menschen aufzuheben. Geduld, Voraussicht und Vorhersage sichern dem Arzt den weiteren Fortschritt, der darin besteht, jene pathogene kindliche Situation aufzudecken, in der die spezielle männliche Pratestregung wurzelt. Die kameradschaftliche Beziehung zum Arzt aber ermöglicht dem Arzt wie dem Patienten die volle Einsicht in das neurotische Getriebe, in die Unechtheit von Gefühlsregungen, in die fehlerhaften Voraussetzungen der neurotischen Disposition und in die überflüssige Kraftvergeudung des Neurotikers. Am Individualpsychologen lernt der Patient die Selbstfindung, die Kooperation und die Beherrschung seiner überspannten Triebe. Zum erstenmal in seinem Leben! Und dazu dient uns die Auflösung des Widerstandes gegen den Arzt. Ein Rest des Gemeinschaftsgefühls beim Neurotiker und psychologisch Erkrankten ermöglicht dem Arzte die Anknüpfung.

In merkwürdiger Weise deckt sich unsere Auffassung vom Widerstand mit den Äußerungen Pestalozzis in Lienhard und Gertrud über einen anderen Fehlschlag der Entwicklung: »Menschen, die so lange verwahrlost sind, finden in jeder Bahn des Rechts und der Ordnung, zu der man sie hinführen will, ein ihnen unerträgliches Joch, und du wirst, wenn du bei deinen Endzwecken tiefer als auf die Oberfläche wirken und nicht bloß Komödie mit ihnen spielen willst, sicher erfahren, daß alles wider dich sein, alles dich betrügen, alles sich vor dir zu verbergen suchen wird. Du wirst erfahren, der lang und tief verwilderte Mensch haßt in jedem Verhältnis den, der ihn aus seinem Zustand herausreißen will, und ist ihm wie seinem Feind entgegen.«

 

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1) Auch ein Toller kann recht haben. Wenn ich, was man bei Patienten mutatis mutandis oft findet, eine Aufgabe ausführen soll und dabei irgendwo einen wirklichen Druckfehler entdecke, so habe ich wohl recht, wenn ich auf denselben hinweise und immer wieder hinweise. Aber es handelt sich um meine Aufgabe, nicht um die Feststellung eines Druckfehlers. Siehe auch Adler, Fortschritte der Indiv.-Psycholog.«. In: Intern. Zeitschr. f. Indiv.-Psych., II. Jahrg., 1. Heft. Wien 1923.

2) Falsche Wertungen, seien sie Über- oder Unterwertungen, sind für die psychische Dynamik im Leben und in der Neurose von größtem Belang und beanspruchen insbesondere das eingehendste Interesse in der Individualpsychologie, die scharf zwischen privater Intelligenz und common sense unterscheidet. Der »Fuchs und die sauren Trauben« sind dafür ein lehrreiches Beispiel. Statt sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewußt zu werden, entwertet der Fuchs die Trauben — und bleibt bei guter Laune. Er ist eben auf Größenwahn eingestellt. Diese Art psychischer Vorgänge dienen vor allem dazu, die Fiktion des »freien Willens« — damit im Zusammenhange — des persönlichen Wertes festzuhalten. Dem gleichen Zweck dienen die Überwertungen eigener Leistungen und Ziele — sie sind erzwungen durch die Flucht vor dem dunklen Gefühl der eigenen Minderwertigkeit, sind arrangiert und stammen aus der übertriebenen Sicherungstendenz gegen das Gefühl des »Untenseins«. Daß die übertriebene männliche Einstellung bei weiblichen und männlichen Neurotikern von diesem Arrangement den größten Gebrauch macht, habe ich wiederholt gezeigt. Ebenso, daß die Sinne des Patienten, Gehör, Geruch, Gesicht, Haut-, Organ- und Schmerzempfindung mit Aufmerksamkeit überladen und in den Dienst dieser Tendenz gestellt werden, wobei der Patient Richter und Kläger in einer Person ist. Vergleiche Schillers Epigramm: »Recht gesagt, Schlosser, man liebt, was man hat, man begehrt, was man nicht hat! Denn nur das reiche Gemüt liebt, nur das arme begehrt!« Versteht der Patient erst seine Einstellung, so korrigiert er, indem er seine Wertungen in Einklang mit den realen Kraftverhältnissen bringt. Seine Einfügung und Kooperation beginnt mit seinem Gefühl der Gleichwertigkeit.

3) Dieses Vorausdenken, Vorempfinden mit anschließender Sicherungstendenz ist eine Hauptfunktion des Traumes und bildet unter anderem die Gundlage telepathisch und prophetisch scheinender Begebnisse, aber auch das Wesen jeder Art von Prognose. Der Dichter Simonides wurde einst von einem Toten im Traum vor einer Seereise gewarnt. Er blieb zu Hause und erfuhr später, daß das Schiff umgekommen sei. Wir dürfen wohl annehmen, daß der berühmte Dichter, der sich im Traum gegen die Reise »scharf« gemacht hat, wohl auch ohne Traum und ohne Warnung zu Hause geblieben wäre.

4) Ich hatte einige Patienten in der Kur, die sich bei ihren Anfällen gerne nach fließ auf deren periodischen Aufbau beriefen, damit auf ihre weibliche »Substanz« hinwiesen, mir aber dadurch verrieten, daß sie im Banne der übermächtigen Frage stehen geblieben waren, bin ich männlich oder weiblich? Die Theorie gibt ihnen Beruhigung: jeder ist männlich und weiblich! In der Analyse finde ich regelmäßig den Hinweis auf die Periodizität der Anfälle auch als Widerstand gegen den Arzt verwendet. Immer aber hatte der Patient bei seinen periodischen Anfällen die Hand im Spiele. Die Rezidiven aber und die Zyklothymie setzen immer an einer neuen Schwierigkeit an.

5) Siehe meine Ausführungen über den Pseudomasochismus in: ›Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie‹ in diesem Band.

6) Bei einer Hebephrenen fand ich diese Form der Sicherung außerordentlich stark. Sie zeigte eine unüberwindliche Neigung, alles, was ihr gehörte, ewig und restlos an sich zu ketten, Mann. Kind, Kleider, Hüte, ihr eigenes Kinderspielzeug, befreundete Besucher, aber auch Wohnung und Plätze, wo sie längere Zeit geweilt hatte. Das Vorbild einer herrschsüchtigen Mutter und ihre eigene Herrschsucht, die sich z. B. in ihrer Vorliebe für Friedhöfe, wo sie täglich mit Begeisterung lustwandelte, symbolisierte, gaben die Erklärung. Begreiflicherweise führte ihre Herrschsucht dem Arzt gegenüber zum Widerstand, insbesondere weil seine Aufklärungen ihre Herrschaft bedrohten.

7) Das Widerstandslose, das nicht trügen, nicht beherrschen kann.

8) Viele (zwei) Frauen auf einmal oder hintereinander, keine dauernd. Nur das Gefühl eines flüchtigen Sieges ohne Gegenleistung ist verlockend.

9) Siehe auch die entsprechende Haltung des Patienten in ›Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie‹ in diesem Band.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 08:15:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.12.2009 
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