2. Angst.


Bei der feindseligen Haltung eines Menschen zu seiner Umwelt finden wir nicht selten Züge von Ängstlichkeit, die dem Charakter dieser Menschen eine besondere Färbung verleihen. Ängstlichkeit ist eine außerordentlich weitverbreitete Erscheinung, die den Menschen von den frühesten Kindheitstagen oft bis in sein hohes Alter begleitet und ihm in einem unerhörten Maß das Leben verbittert, ihn auch recht ungeeignet macht, sich anzuschließen und dadurch die Basis für ein friedliches Leben und für fruchtbare Leistungen zu gewinnen. Denn die Furcht kann sich auf alle Beziehungen menschlichen Lebens erstrecken. Es kann einer die Außenwelt fürchten oder vor seiner eigenen Innenwelt erschrecken. Und wie er die Gesellschaft meidet, weil er sie fürchtet, so kann er auch das Alleinsein fürchten. In den ängstlichen Menschen wird man wieder jenen bekannten Typus antreffen, der sich genötigt fühlt, mehr an sich zu denken und der infolgedessen für den Mitmenschen wenig übrig hat. Hat er einmal den Standpunkt gewonnen, vor den Schwierigkeiten des Lebens auszukneifen, dann kann dieser Standpunkt durch Hinzutreten von Angst außerordentlich vertieft und gesichert werden. In der Tat gibt es Menschen, bei denen die erste Regung immer Angst ist, wenn sie etwas unternehmen sollen, ob sie nun das Haus verlassen, sich von einem Begleiter trennen, ob sie eine Stelle bekleiden sollen oder ob ihnen die Liebe winkt. Sie hängen so wenig mit dem Leben und mit den Mitmenschen zusammen, daß ihnen jede Änderung ihrer gewohnten Situation Furcht bereitet.

Dabei bleibt jede Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Leistungsfähigkeit gehemmt. Es ist wohl nicht immer so, daß einer gleich zu zittern beginnt und davonläuft. Aber seine Schritte verlangsamen sich, und er findet allerlei Vorwände und Ausreden. Manchmal wird er gar nichts davon wissen, daß seine ängstliche Haltung unter dem Druck einer neuen Situation zustande gekommen ist.

Interessant ist es, wenn man oft, wie zur Bestätigung dieser Auffassung, findet, daß diese Menschen gern an die Vergangenheit oder an den Tod denken, was ungefähr die gleiche Wirkung hat. Das Denken an die Vergangenheit ist ein unauffälliges und daher sehr beliebtes Mittel, um sich zu »drücken«. Auch Furcht vor dem Tode oder vor Krankheiten ist nicht selten bei Menschen zu finden, die nach einer Ausrede suchen, um sich jeder Leistung zu entschlagen. Oder sie betonen, daß ja doch alles eitel sei, daß das Leben so kurz sei oder daß man nicht wissen könne, was geschehen werde. In derselben Weise kann auch die Vertröstung der Religion auf ein jenseits wirken, die den Menschen sein eigentliches Ziel erst im Jenseits sehen und das Erdendasein als ein höchst überflüssiges Bestreben, als eine wertlose Phase seiner Entwicklung betrachten läßt. Weicht der erstere Typus deshalb allen Leistungen aus, weil ihm der Ehrgeiz nicht gestattet, sich auf die Probe stellen zu lassen, so finden wir beim letzteren, wie zur Belehrung und Beleuchtung, daß es auch hier wieder derselbe Gott ist, zu dem sie hinstreben, dasselbe Ziel der Überlegenheit über die andern, derselbe Ehrgeiz, der sie lebensunfähig macht.

In ihrer ersten und primitivsten Form tritt uns die Angst bei Kindern entgegen, die jedesmal Zeichen von Angst von sich geben, wenn man sie allein läßt. Die Sehnsucht eines solchen Kindes ist aber durchaus nicht befriedigt, wenn man dann zu ihm kommt, sondern es nutzt das Zusammensein wieder zu anderen Zwecken aus. Läßt es die Mutter z. B. wieder allein, so wird es sie unter deutlichen Erscheinungen der Angst zurückrufen, was nichts anderes heißt, als daß sich nichts geändert hat, ob nun die Mutter da ist oder nicht. Daß die Sehnsucht des Kindes vielmehr darauf ausgeht, sie in seinen Dienst zu stellen, sie zu beherrschen. Solche Erscheinungen sind gewöhnlich Anzeichen dafür, daß man ein solches Kind seine Haltung nicht auf dem Weg der Verselbständigung suchen läßt, sondern ihm durch eine fehlherhafte Behandlung nahelegt, auf andere Personen zu greifen, um sie in Kontribution zu ziehen.

Die Äußerungen der kindlichen Angst sind allgemein bekannt. Besonders deutlich werden sie dann, wenn dem Kind durch Entziehung des Lichtes, z. B. bei Nacht, der Zusammenhang mit der Außenwelt oder der gewünschten Person schwierig wird. Dann stellt der Angstschrei sozusagen die Verbindung her, die durch die Nacht zerrissen wurde. Eilt nun jemand herbei, so spielt sich der Fall gewöhnlich in der oben geschilderten Art ab. Das Kind äußert noch weitergehende Wünsche, verlangt, man solle Licht machen, bei ihm bleiben, mit ihm spielen u. dgl. Solange man folgt, ist die Angst wie weggeblasen. In dem Augenblick aber, wo dieses Herrschaftsverhältnis bedroht erscheint, tritt sie wieder auf und befestigt die Herrschaft des Kindes von neuem.

Auch im Leben der Erwachsenen gibt es solche Erscheinungen. Es sind die Fälle, wo Menschen nicht allein ausgehen wollen. Sie stellen Typen dar, welche man oft auf der Straße bemerken kann, wie sie ängstlich zusammengezogen und umhersehend, sich nicht von der Stelle rühren, oder die wie auf der Flucht vor einem bösen Feind über die Straße laufen. Manchmal wird man von einer solchen Gestalt sogar darum angegangen, man möge ihr herüberhelfen. Das sind nicht etwa schwächliche, kranke Menschen, sondern solche, die sonst ganz gut gehen können, sich meist einer viel besseren Gesundheit erfreuen als so mancher andere, aber, vor eine unbedeutende Schwierigkeit gestellt, sofort einen Angstanfall erleiden. Das geht manchmal so weit, daß solche Menschen schon beim Verlassen des Hauses von Unsicherheit und Angst ergriffen werden. Die Erscheinungs­formen dieser Platzangst sind deshalb so interessant, weil wir bald entdecken, daß in der Seele solcher Menschen nie das Gefühl stumm wird, sie seien der Zielpunkt irgendwelcher feindlicher Verfolgung. Sie meinen, irgend etwas unterscheide sie ganz besonders von den anderen. Manchmal drückt sich das in phantastischen Ideen aus, wenn sie z. B. glauben, sie könnten fallen, was für uns nichts anderes heißt, als daß sie sich recht hoch oben stehend fühlen. In den Krankheitserscheinungen, in den Ausartungen der Angst schwingt also wieder dasselbe Ziel der Macht und Überlegenheit, und man sieht, wie auch hier das Leben unter Druck gerät und ein trauriges Schicksal bedrohlich in die Nähe rückt. Denn bei vielen Menschen bedeutet die Angst nichts anderes, als daß jemand da sein muß, der sich mit ihnen beschäftigt. Wenn nun gar jemand das Zimmer nicht mehr verlassen kann, muß sich alles seiner Angst unterordnen. Durch das den andern auferlegte Gesetz, daß alle andern zu ihm kommen müssen, während er zu niemand zu kommen braucht, wird er zu einem König, der die andern beherrscht.

Aufgehoben kann die Menschenangst nur durch das Band werden, welches den Einzelnen mit der Gemeinschaft verknüpft. Nur der wird ohne Angst durchs Leben gehen können, der sich seiner Zugehörigkeit zu den anderen bewußt ist.

Hierzu noch ein interessantes Beispiel aus den Tagen des Umsturzes von 1918. Eine Anzahl Patienten erklärten nämlich plötzlich, sie wären verhindert, in die Ordination zu kommen. Um die Gründe befragt, antwortete jeder mit Worten, die ungefähr folgendes besagten: Es sind jetzt so unruhige Zeiten, man kann nicht wissen, was für einem Menschen man jetzt begegnen kann; und wenn man dann noch besser gekleidet ist, kann man sich leicht Unannehmlichkeiten zuziehen.

Der Unmut von damals war natürlich groß. Es ist aber doch auffallend, warum gerade nur gewisse Menschen diese Folgerungen gezogen haben. Warum haben gerade sie daran gedacht? Das ist kein Zufall und hängt damit zusammen, daß diese Menschen nicht den Kontakt hatten, sich daher nicht so sicher fühlten, während andere, die sich mehr als zugehörig betrachteten, keine Angst empfanden und ihren Arbeiten wie gewöhnlich nachgingen.

Eine harmlosere, wenn auch nicht weniger beachtenswerte Form der Angst ist die Schüchternheit, für die dasselbe gilt, was über die Angst gesagt wurde. Mögen die Beziehungen, in die Kinder gestellt sind, noch so einfach sein, ihre Schüchternheit wird ihnen immer die Möglichkeit geben, den Kontakt mit den andern zu vermeiden oder abzubrechen, während in ihnen das Gefühl der Minderwertigkeit und Andersartigkeit lebendig ist, das ihre Anschlußfreudigkeit hemmt.


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