Anhang:
Allgemeine Bemerkungen zur Erziehung


Wir möchten an dieser Stelle noch einiges zu einem Thema nachtragen, das bisher nur gelegentlich gestreift werden konnte. Es betrifft die Wirkung der Erziehung im Hause, in der Schule und im Leben auf die Entwicklung des seelischen Organs.

Es ist kein Zweifel, daß die gegenwärtige Erziehung in der Familie dem Streben nach Macht, der Entwicklung zur Eitelkeit außerordentlich Vorschub leistet. Jeder wird sich darüber an seinen eigenen Erfahrungen Rat holen können. Die Familie hat allerdings unleugbare Vorzüge, und man kann sich kaum eine Einrichtung vorstellen, bei der Kinder unter richtiger Führung besser aufgehoben wären als die Familie. Gerade bei Erkrankungen erweist sich die Familie als die geeignetste Schöpfung zur Erhaltung des Menschen­geschlechtes. Und könnte man sich vorstellen, daß die Eltern jedesmal auch gute Erzieher sind, welche über den nötigen Scharfblick verfügen, um bei ihren Kindern seelische Fehlschläge schon im Keim zu erkennen und durch eine geeignete Behandlung zu bekämpfen, dann würden wir gern bekennen, daß für die Aufzucht einer tauglichen Menschenrasse keine Institution so geeignet wäre wie die Familie.

Leider können wir aber nicht leugnen, daß die Eltern weder gute Psychologen, noch auch gute Pädagogen sind. Was heute in der Familienerziehung die Hauptrolle spielt, ist ein in verschiedene Grade ausartender Familienegoismus. Dieser verlangt scheinbar mit Recht, daß die eigenen Kinder besonders gehegt, als etwas Besonderes angesehen werden, wenn auch auf Kosten anderer. So kommt es, daß gerade die Familienerziehung dadurch die schwersten Fehler begeht, daß sie den Kindern die Meinung sozusagen einimpft, als müßten sie sich den andern gegenüber immer überheben und sich als etwas Besseres betrachten. Dazu kommt noch die Organisation der Familie selbst, welche sich von den Gedanken eines Führertums des Vaters, einer väterlichen Autorität, nicht trennen will. Damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Diese nur zum geringsten Grad auf dem Gefühl der Gemeinschaft beruhende Autorität verführt nur allzubald zu einem offenen oder geheimen Widerstand. Glatte Anerkennung findet sie wohl nie. Ihr schwerster Nachteil liegt darin, daß sie dem Machtstreben des Kindes ein Vorbild abgibt, indem sie ihm den Genuß zeigt, der mit dem Besitz der Macht verbunden ist, sie machtlüstern, ehrgeizig und eitel macht. Jetzt wollen sie alle so weit kommen, wollen sie alle angesehen sein und verlangen bei andern dieselbe Folgsamkeit und Unterwerfung, wie sie sie bei der stärksten Person ihrer Umgebung zu sehen gewohnt waren und kommen so in eine gegnerische Stellungsnahme zu den Eltern und zur übrigen Umgebung.

Auf diese Weise ist es in unserer Familienerziehung fast unvermeidlich, daß dem Kind immer ein Ziel der Überlegenheit vorschwebt. Man sieht schon bei den ganz Kleinen, wie sie den Gernegroß spielen, und wir finden es bis in die späteste Zeit der Erwachsenen hinein wieder, daß sie in Gedanken, manchmal in der unbewußten Erinnerung an ihre Familiensituation, die ganze Menschheit so behandeln, als ob sie noch immer ihre Familie wäre, oder, wenn sie mit ihrer Haltung Schiffbruch gelitten haben, die Neigung zeigen, sich aus dieser ihnen nun mißliebig gewordenen Welt zurückzuziehen und ein isoliertes Dasein zu führen.

Die Familie ist allerdings auch geeignet, Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, aber, wenn wir uns auf das über das Machtstreben und über die Autorität Gesagte erinnern, doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Die ersten Zärtlichkeitsregungen erfolgen im Verhältnis zur Mutter. Diese ist für das Kind das wichtigste Erlebnis des Mitmenschen, an ihr lernt es den verläßlichen Mitmenschen, das »Du« erkennen und empfinden. Nietzsche sagt, daß sich jeder das Idealbild seiner Geliebten aus seinen Beziehungen zur Mutter schafft. Schon Pestalozzi hat gezeigt, wie die Mutter dem Kind für seine Beziehungen zu den anderen Menschen den Leitstern abgibt, daß überhaupt die Beziehungen zur Mutter den Rahmen für alle seine Äußerungen bilden. In der Funktion der Mutter ist die Möglichkeit gegeben, im Kinde Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Aus diesem Verhältnis zur Mutter gehen die merkwürdigen Persönlichkeiten schon unter den Kindern hervor, die uns nach der Richtung hin auffallen, daß wir an ihnen gewisse soziale Mängel finden. Da sind es besonders zwei Fehler, die Platz greifen können: Der eine ist der, daß die Mutter dem Kinde gegenüber diese Funktionsaufgabe nicht erfüllt und dadurch sein Gemeinschaftsgefühl nicht entwickelt. Dieser Mangel ist sehr bedeutsam und hat eine Unzahl Unannehmlichkeiten zur Folge. Das Kind wächst auf, als wenn es sich in Feindesland befände. Will einer ein solches Kind bessern, dann geht es nicht anders, als daß er die Funktion übernimmt, die einst an ihm versäumt wurde. Das ist sozusagen der Weg, um einen Mitmenschen aus ihm zu machen. — Der andere Hauptfehler, der meist gemacht wird, besteht darin, daß die Mutter wohl ihre Funktion übernimmt, aber so stark, in so übertriebener Weise, daß eine Weiterleitung des Gemeinschaftsgefühls nicht möglich ist. Die Mutter läßt das Gemeinschaftsgefühl, das sich im Kind entwickelt hat, bei sich münden. Das heißt, das Kind hat nur für die Mutter Interesse und die übrige Welt ist ausgeschaltet. Auch diesen Kindern fehlt daher die Grundlage zum sozialen Menschen.

Außer dem Verhältnis zur Mutter gibt es noch viele andere wichtige Momente in der Erziehung, welche zu beachten sind. So ermöglicht insbesondere eine behagliche Kinderstube dem Kind, sich in diese Welt gern und mit Leichtigkeit hineinzufinden. Bedenkt man, mit welchen Schwierigkeiten die meisten Kinder zu kämpfen haben, wie wenig leicht es ihnen meist wird, sich in ihren ersten Lebensjahren die Welt als einen angenehmen Aufenthaltsort zu Gemüte zu führen, dann begreift man, daß die ersten Kindheitseindrücke außerordentlich bedeutsam sind, weil sie dem Kinde eine Richtung geben, in der es weiterforscht und weitergeht. Wenn man zudem hinzu nimmt, wie viele Kinder kränklich zur Welt kommen und hier nur Jammer und Leid erfahren, daß eine Kinderstube für die meisten Kinder gar nicht vorhanden ist, oder in einer Gestalt, die Lebensfreude nicht gerade wecken kann, so wird es klar, daß die meisten Kinder nicht als Freunde des Lebens und der Gesellschaft aufwachsen, nicht erfüllt sind von jenem Gemeinschaftsgefühl, das in einer richtigen Menschengemeinschaft heranblühen und sich entfalten könnte. Ferner muß man in Betracht ziehen, daß Erziehungsfehler überaus schwer ins Gewicht fallen können. Daß sowohl eine strenge, harte Erziehung imstande ist, die Lebensfreude und das Mitspielen der Kinder zu unterbinden, wie auch eine Erziehung, die dem Kind jede Kleinigkeit aus dem Weg räumt und es mit einer tropischen Wärme umgibt, die bewirken kann, daß es sich später dem rauhen Klima des Lebens, das außerhalb der Familie herrscht, nicht gewachsen zeigt.

Die Familienerziehung ist somit heutzutage in unserer Gesellschaft ungeeignet, das zu leisten, was wir von einem vollwertigen, kameradschaftlichen Mitspieler der menschlichen Gesellschaft erwarten. Sie erfüllt ihn zu sehr mit Eitelkeitsbestrebungen.

Fragen wir uns nun, welche Instanz noch in Betracht käme, welche die Fehlschläge in der Entwicklung der Kinder ausgleichen und eine Besserung herbeiführen könnte, dann wird unsere Aufmerksamkeit zunächst auf die Schule gelenkt. Bei einer genauen Prüfung zeigt sich nun aber, daß auch die Schule in ihrer heutigen Form zu dieser Aufgabe nicht geeignet ist. Es gibt wohl kaum einen Lehrer, der sich bei der heutigen Situation der Schule rühmen könnte, die Fehler eines Kindes in ihrem Wesen zu erkennen und auszumerzen. Er ist dafür in keiner Weise vorbereitet, auch nicht in der Lage dazu, weil er einen Lehrplan in der Hand hat, den er den Kindern vermitteln muß, ohne sich darum kümmern zu dürfen, mit welchem Material von Menschen er zu arbeiten hat. Auch die viel zu große Anzahl von Kindern in einer Schulklasse macht es ihm unmöglich, diese Aufgabe zu erfüllen.

Wir müssen uns daher noch weiter umsehen, ob es nicht dennoch eine Instanz gibt, die imstande wäre, diesen Mangel der Familienerziehung, der verhindert, daß wir zu einem einigen Volk zusammengeschweißt werden, zu beheben. Manche werden vielleicht meinen, das Leben. Damit hat es aber seine eigene Bewandtnis. Schon aus dem bisher Gesagten allein geht zur Genüge hervor, daß das Leben nicht geeignet ist, einen Menschen zu ändern, wenn es auch zuweilen den Anschein hat. Schon die Eitelkeit des Menschen, sein Ehrgeiz läßt das nicht zu. Denn auch wenn er noch so sehr in die Irre gegangen ist, wird er immer das Gefühl haben, daß entweder die anderen die Schuld daran tragen, oder daß es gar nicht anders sein kann. Daß jemand, der sich angeschlagen hat, über die Fehler, die er begangen hat, nachdenkt, findet man sehr selten. (Wir erinnern auch an unsere Ausführungen über die Verwertung von Erlebnissen.)

Auch das Leben kann somit keine wesentliche Änderung herbeiführen, und psychologisch ist das begreiflich, weil das Leben schon fertige Menschen übernimmt. Menschen, die alle schon ihren festgerichteten Blick haben und nach einem Ziel der Überlegenheit streben. Das Leben ist im Gegenteil sogar ein schlechter Lehrer, denn es hat keine Nachsicht, es ermahnt uns nicht, belehrt uns nicht einmal, sondern weist uns kalt ab und läßt uns durchfallen.

Soweit wir nun diese Frage überblicken, bleibt uns nichts anderes übrig als festzustellen: Eine einzige Instanz wäre imstande, abzuhelfen: die Schule. Sie wäre dazu imstande, wenn sie nicht immer mißbraucht würde. Denn bisher war es immer so, daß der, der die Schule in die Hände bekam, aus ihr ein Werkzeug für seine eigenen, meist eitlen, ehrgeizigen Pläne gemacht hat. Auf die Dauer kann das zu keinem ersprießlichen Ende führen. Und wenn man in neuester Zeit wieder Rufe hört, daß die alte Autorität in der Schule wieder aufgerichtet werden soll, so muß man sich nur fragen, was denn diese Autorität früher eigentlich so Gutes geleistet hat. Wie soll eine Autorität von Nutzen sein, von der wir erkannt haben, wie schädlich sie immer gewesen ist, von der wir gesehen haben, wie sie schon in der Familie, wo die Situation günstiger ist, nur das eine zuwegebringt, daß sich alle dagegen empören. Und außerdem: eine Autorität, deren Anerkennung sich nicht einmal von selbst einstellen will, die daher aufgezwungen werden muß. Schon in der Schule ist es selten, daß eine Autorität, wenn sie überhaupt vorhanden ist, restlos anerkannt wird. Und in die Schule kommt das Kind ohnehin mit dem deutlichen Bewußtsein, daß der Lehrer ein Beamter des Staates ist. Es ist unmöglich, dem Kind ohne nachteilige Folgen für seine seelische Entwicklung eine Autorität aufzuzwingen. Das Autoritätsgefühl darf sich nicht auf eine gewaltsame Einflußnahme gründen, sondern muß auf dem Gemeinschaftsgefühl beruhen.

Die Schule ist eine Situation, in die jedes Kind auf seinem Weg, den seine seelische Entwicklung nimmt, eintritt. Sie muß daher den Forderungen einer günstigen seelischen Entwicklung genügen. Von einer guten Schule wird es daher nur dann möglich sein zu sprechen, wenn sie mit den Entwicklungsbedingungen des seelischen Organs im Einklang steht. Erst eine solche Schule können wir eine soziale Schule nennen.


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