1. Absolute Wahrheit.


Das menschliche Seelenleben ist nicht imstande frei zu schalten, sondern steht ständig vor Aufgaben, die sich von irgendwoher eingestellt haben. Alle diese Aufgaben sind untrennbar verbunden mit der Logik des menschlichen Zusammenlebens, eine jener Hauptbedingungen, die ununterbrochen auf das einzelne Individuum einwirken und sich seinem Einfluß nur bis zu einem gewissen Grade unterwerfen lassen. Wenn wir nun bedenken, daß nicht einmal die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens von uns endgültig erfaßt werden können, weil sie zu zahlreich sind, daß ferner diese Forderungen doch einem gewissen Wandel unterliegen, so wird uns klar, daß wir kaum recht in der Lage sind, die Dunkelheiten eines vor uns liegenden Seelenlebens völlig zu erhellen, eine Schwierigkeit, die um so größer wird, je weiter wir uns aus unseren eigenen Verhältnissen entfernen.

Es ergibt sich aber als eine der Grundtatsachen für die Förderung unserer Menschenkenntnis, daß wir mit den immanenten Spielregeln einer Gruppe, wie sie sich auf diesem Planeten bei der beschränkten Organisation des menschlichen Körpers und seiner Leistungen von selbst ergeben, als mit einer absoluten Wahrheit rechnen müssen, der wir uns nur langsam, meist nach Überwindung von Fehlern und Irrtümern nähern können.

Ein bedeutsamer Anteil dieser Grundtatsachen ist in der materialistischen Geschichtsauffassung festgehalten, die Marx und Engels geschaffen haben. Nach dieser Lehre ist es die ökonomische Grundlage, die technische Form, in der ein Volk seinen Lebensunterhalt erwirbt, die den »ideologischen Überbau«, das Denken und Verhalten der Menschen bedingt. Soweit reicht der Einklang mit unserer Auffassung von der wirkenden »Logik des menschlichen Zusammenlebens«, von der »absoluten Wahrheit«. Die Geschichte, vor allem unsere Einsicht in das Einzelleben, unsere Individual-psychologie, lehrt uns aber, daß das menschliche Seelenleben gern mit Irrtümern auf die Impulse der ökonomischen Grundlagen antwortet, denen es sich nur langsam entwindet. Unser Weg zur »absoluten Wahrheit« führt über zahlreiche Irrtümer.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 19.12.2009 
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