Funktionen der Zensur


Aus der Tatsache nun, daß in allen hier erwähnten Fällen von ›Konzentration die Verdrängungszensur in einem der anderweitigen Inanspruchnahme entsprechenden Maße an Intensität abnimmt, muß man darauf schließen, daß bei der Konzentration eine sonst als Verdrängungszensur fungierende Energiemenge zur Verwendung gelangt. (Ob es sich dabei um libidinöse Energie, Interesse oder beides handelt, müssen wir beim heutigen Stande unseres psychoanalytischen Wissens dahingestellt sein lassen.) Dieses Vikariieren der beiden Funktionen wird uns verständlicher, wenn wir bedenken, daß alle Arten von Konzentration eigentlich eine Art Zensurarbeit bedeuten: die Abhaltung aller (innerer oder äußerer) Eindrücke vom Bewußtsein mit Ausnahme jener, die von dem Gegenstand der Aufmerksamkeit herstammen oder die mit der psychischen Einstellung, auf die man sich konzentriert, übereinstimmen. Alles, was den Schlaf stört, wird von der Zensur des Schlafenden ebenso ›verdrängt‹ wie im Wachzustand die ob ihrer Unmoralität bewußtseinsunfähigen Gedanken. Der auf seinen Gegenstand konzentrierte Gelehrte wird taub und blind für alles andere, d. h. seine Zensur verdrängt die Eindrücke, die auf sein Objekt keinen Bezug haben. Einen ähnlichen — wenn auch nur passagèren — Verdrängungs-prozeß müssen wir auch bei allen übrigen Fällen der Konzentration, so auch beim Gleichnissuchen vermuten. Nach alledem wird es uns verständlicher, daß die Energie zu solcher passagèrer Verdrängungs-(Zensur-)Arbeit von der zwischen dem Unbewußten und dem Bewußtsein ständig eingerichteten Instanz und auf deren Kosten beigestellt wird.  

Allenfalls haben wir es in der Zensur mit einem System von begrenzter Leistungsfähigkeit zu tun. Steigert man die Ansprüche an eine ihrer Leistungen, so kann dies nur auf Kosten der anderen geschehen.6) Dies entspricht also vollkommen der von Freud vorgeschlagenen Anschauungsweise, nach der im psychischen System verschiebbare Quantitäten von an sich qualitätsloser Besetzungsenergie am Werke sind.  

 

6) Dies scheint auch für die Zensurbehörden der Großindividuen (der Staaten) zu gelten. Ich finde, daß, seitdem die Zensur infolge des Krieges in politicis so ungemein streng geworden, ihre Strenge gegen die erotische Literatur nachgelassen hat.  



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 03.01.2005 
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