Struktur von Verein und Familie


Die Frage, die ich jetzt aufwerfe, ist nun die: wiegen die Vorteile des Guerillakampfes seine Nachteile auf? Sind wir berechtigt, zu erwarten, daß diese Nachteile von selbst, ohne zweckmäßige Eingriffe verschwinden werden? Wenn nicht, sind wir gentig an Zahl und genügend stark, um uns organisieren zu können? Und schließlich: Welche Maßregeln wären möglich und derzeit empfehlenswert, um unseren Verein zweckmäßig, stark und dauerhaft zu fundieren?  

Auf die erste Frage kann ich ohne Zögern antworten; ich wage die Behauptung, daß unsere Arbeit durch die Organisation mehr gewinnen als verlieren würde.  

Ich kenne die Auswüchse des Vereinslebens und weiß, daß in den meisten politischen, geselligen und wissenschaftlichen Vereinen infantiler Größenwahn, Eitelkeit, Anbetung leerer Formalitäten, blinder Gehorsam oder persönlicher Egoismus herrschen, anstatt ruhiger, ehrlicher Arbeit für das Gesamtinteresse.

Die Vereine wiederholen in ihrem Wesen und ihrem Aufbau die Züge des Familienlebens. Der Präsident ist der Vater, dessen Aussprüche unwiderlegbar, dessen Autorität unverletzbar sind; die anderen Funktionäre sind die älteren Geschwister, die die jüngeren hochmütig behandeln und dem Vater zwar schmeicheln, aber ihn im ersten geeigneten Moment von seinem Thron stürzen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Die große Masse der Mitglieder, soweit sie nicht willenlos dem Führer folgt, gibt bald diesem, bald jenem Aufwiegler Gehör, verfolgt mit Haß und Neid die Erfolge der Älteren und möchte sie aus der Gnade des Vaters ausstechen. Das Vereinsleben ist das Feld, auf dem sich die sublimierte Homosexualität als Anbetung und Haß ausleben kann, Es scheint also, daß sich der Mensch seiner Familiengewohnheiten nie entledigen kann und er wirklich das Herdentier ist, das ›Zoon politikon‹, zu dem ihn der griechische Philosoph stempelte. Mag es sich zeitlich und räumlich von seiner eigentlichen Familie noch so weit entfernen, es sucht immer wieder die alte Ordnung herzustellen, in einem Vorgesetzten, dem angebeteten Helden oder Parteiführer den Vater, in den Mitarbeitern die Geschwister, in dem ihm angetrauten Weib die Mutter, in seinen Kindern sein Spielzeug wiederzufinden. Selbst bei uns noch unorganisierten Analytikern pflegt sich - wie ich es bei zahlreichen Kollegen und bei mir selbst feststellen konnte, die Gestalt des Vaters mit der unseres geistigen Führers zu einer Traumperson zu verdichten. Alle sind wir geneigt, den hochgeschätzten, aber gerade wegen seines geistigen Übergewichts innerlich schwer zu ertragenden geistigen Vater in unseren Träumen in mehr oder weniger verhüllter Form zu überflügeln, ihn zu stürzen.  

Es hieße also der menschlichen Natur Gewalt antun, wollten wir das Prinzip der Freiheit auf die Spitze treiben und die ›Familienorganisation‹ umgehen. Denn obzwar wir jetzt der Form nach unorganisiert sind, leben wir Analytiker doch schon untereinander in einer Art Familiengemeinschaft, und es ist meiner Meinung nach richtiger, dieser Tatsache auch in der äußeren Form Rechnung zu tragen.  

Das ist aber nicht nur eine Frage der Aufrichtigkeit, sondern auch eine der Zweckmäßigkeit, denn die eigensüchtigen Strebungen lassen sich durch gegenseitige Kontrolle leichter im Zaume halten. Gerade psychoanalytisch geschulte Mitglieder wären am besten dazu berufen, einen Verein zu gründen, der die größtmögliche persönliche Freiheit mit den Vorteilen der Familieaorganisation verbindet. Dieser Verband wäre eine Familie, in der dem Vater keine dogmatische Autorität zukommt, sondern gerade so viel, als er durch seine Fähigkeiten und Arbeiten wirklich verdient; seine Aussprüche würden nicht blind wie göttliche Offenbarungen befolgt, sondern wie alles andere Gegenstand einer eingehenden Kritik, und er selbst nähme diese Kritik nicht mit der lächerlichen Überhebung des Pater familias auf, sondern würdigte sie entsprechender Beachtung.  

Auch die in diesem Verband vereinigten jüngeren und älteren Geschwister würden ohne kindische Empfindlichkeit und Rachsucht ertragen, daß man ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt, so bitter und ernüchternd sie auch sei. Daß man auch bestrebt wäre, die Wahrheit zu sagen, ohne überflüssigen Schmerz zu verursachen, versteht sich bei dem heutigen Stand der Kultur und im zweiten Jahrhundert der chirurgischen Anästhesie von selbst.  

Ein solcher Verein, der selbstverständlich erst nach längerer Zeit diese ideale Höhe erreichen könnte, hat sehr viel Aussicht auf ersprießliche Arbeitsleistung. Wo man sich gegenseitig die Wahrheit sagen kann, wo bei jedem ohne Neid, richtiger: unter Bändigung des natürlichen Neides, die wirklichen Fähigkeiten anerkannt werden und auf die Empfindlichkeit der Eingebildeten keine Rücksicht genommen wird, dort wird es wohl unmöglich sein, daß einer, der zwar ein feines Gefühl für Einzelheiten hat, aber in abstrakten Dingen unbegabt ist, sich in den Kopf setzt, die Wissenschaft theoretisch zu reformieren; ein anderer wird sein Bestreben, die eigenen, vielleicht wertvollen, aber recht subjektiven Bestrebungen, alle anderen Erfahrungen außer acht lassend, zur Grundlage der ganzen Wissenschaft machen zu wollen, unterdrücken; der dritte wird zur Kenntnis nehmen, daß die überflüssige Aggressivität seiner Schriften nur den Widerstand steigert, ohne der Sache zu dienen; den vierten wird der freie Meinungsaustausch überzeugen, daß es töricht ist, auf etwas Neues sofort mit seinem Besserwissenwollen zu reagieren.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 05:47:14 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2005 
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