Plädoyer für die ›Internationale psychoanalytische Vereinigung‹


Das sind ungefähr die Typen, die heutzutage in Vereinen überhaupt, aber auch unter uns auftauchen, die aber in einer psychoanalytischen Organisation, wenn auch nicht ganz auszurotten, so doch besser zu kontrollieren wären. Die autoerotische Periode des Vereinslebens würde allmählich durch die fortgeschrittene der Objektliebe abgelöst, die nicht mehr im Kitzel der geistigen erogenen Zonen (Eitelkeit, Ehrgeiz), sondern in den Objekten der Beobachtung selbst Befriedigung sucht und findet.  

Ich bin überzeugt, daß eine auf Grund dieser Prinzipien arbeitende psychoanalytische Vereinigung günstige innere Bedingungen zur Arbeit schüfe, aber auch imstande wäre, sich nach außen Achtung zu verschaffen. Den Lehren Freuds wird immer noch großer Widerstand entgegengesetzt, aber seit der zweiten, der ›Guerilla‹-Periode, ist eine gewisse Abschwächung des starren Negativismus unverkennbar. Wenn wir uns mit saurer Miene an die unfruchtbare und unangenehme Arbeit machen, die gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Argumente einzeln anzuhören, kommen wir darauf, daß dieselben Autoren, die noch vor einigen Jahren das Ganze totschwiegen oder exkommunizierten, heute von der Breuer-Freudschen ›Katharsis‹ als von einer beachtenswerten, sogar geistreichen Lehre sprechen; natürlich verwerfen sie dafür alles, was nach dem Zeitalter des ›Abreagierens‹ entdeckt und beschrieben wurde. Mancher geht in seiner Kühnheit so weit, das Unbewußte und die Methoden seiner analytischen Erkenntnis anzuerkennen, schrickt aber vor den Problemen der Sexualität zurück. Anständigkeit wie auch weise Vorsicht halten ihn von solchen gefährlichen Dingen ab. Manche erklären die Folgerungen der Jünger für richtig, aber vor dem Namen Freud haben sie eine Angst wie vor dem leibhaftigen Teufel. Daß sie sich dabei der logischen Absurdität des ›filius ante patrem‹ schuldig machen, vergessen sie vollständig. Die gewöhnlichste und verwerflichste Art der Akzeptierung von Freuds Theorien ist wohl die, daß man sie neu entdeckt und unter neuem Namen in Verkehr bringt. Denn was ist die ›Erwartungsneurose‹ anderes, als die unter falscher Flagge segelnde ›Angstneurose‹ von Freud? Wer von uns weiß es nicht, daß ein geschickter Kollege unter dem Namen ›Phrenokardie‹ nur einige Symptome der Freudschen Angsthysterie als eigene Entdeckung auf den wissenschaftlichen Markt gebracht hat? Und war es nicht selbstverständlich, daß, so wie das Wort ›Analyse‹ auftauchte, jemand einfach contrario den Begriff der ›Psychosynthese‹ prägen mußte. Daß eine Synthese ohne vorhergehende Analyse unmöglich ist, das vergaß natürlich der Betreffende gebührend hervorzuheben. So droht denn der Psychoanalyse von solchen Freunden noch mehr Gefahr, als von feindlicher Seite. Uns droht sozusagen die Gefahr, in Mode zu kommen, womit die Zahl derjenigen, die sich Analytiker nennen, ohne es zu sein, gar bald ansehnlich wachsen dürfte.

Wir können aber die Verantwortung für all die Unvernunft nicht tragen, die man unter dem Namen Psychoanalyse auftischt, wir haben also außer unseren Publikationsorganen einen Verein nötig, deren Mitgliedschaft einige Garantie dafür bietet, daß wirklich Freuds psychoanalytisches Verfahren und nicht eine zum eigenen Gebrauch zurechtgebraute Methode angewendet wird. Eine spezielle Aufgabe des Vereins wäre es, die wissenschaftliche Freibeuterei, deren Opfer die Psychoanalyse heute ist, zu entlarven. Genügende Sorgfalt und Vorsicht bei der Aufnahme neuer Mitglieder würde es ermöglichen, den Weizen von der Spreu zu sondern. Der Verein sollte sich eher mit einer kleinen Mitgliederzahl begnügen, als Leute aufnehmen oder beibehalten, die in prinzipiellen Fragen noch keine feste Überzeugung gewonnen haben. Ersprießliche Arbeit ist ja nur dort denkbar, wo bezüglich der Grundfragen Übereinstimmung herrscht. Daß die Stellungnahme für diesen Verein heutzutage einen persönlichen Mut und den Verzicht auf akademischen Ehrgeiz voraussetzt, ist nicht zu leugnen. Es soll aber den zukünftigen Mitgliedern zum Trost gereichen, daß wir nicht so sehr auf materielle und andersartige fremde Hilfe angewiesen sind, wie die medizinischen Kliniken. Wir brauchen keine Krankenhäuser, Laboratorien und kein liegendes Krankenmaterial<; unser Material ist die große Masse der Neurotiker, die in allen ihren Hoffnungen, im Glauben an die ärztliche Wissenschaft getäuscht, sich an uns wendet. Und daß wir selbst diesen, ja, gerade diesen Unglücklichen so oft helfen können, kann uns zu größerer Befriedigung gereichen, als die in den prunkvollen Kliniken geübte nichtanalytische Danaidenarbeit.  

Wenn wir die seit Jahrzehnten dauernde Stockung in der Psychologie, Neurologie, Psychiatrie und Gehirnanatomie mit unserer lebensvollen, fast überquellenden, kaum zu bewältigenden Arbeit vergleichen, so sind wir für den Entgang an äußerer Anerkennung vollauf entschädigt.  

Ich habe vorhin erwähnt, wie zweckmäßig es war, daß Freud seinerzeit die vielen sinnlosen Angriffe außer acht ließ. Aber es wäre unrichtig, dies als Losungswort des zu gründenden Vereins anzunehmen. Es ist nötig, von Zeit zu Zeit auf die Armseligkeit der Gegenargumente hinzuweisen, was bei der schwachen Begründung und der Gleichförmigkeit der Angriffe keine allzu schwierige Aufgabe sein dürfte.  

Mit ermüdender Eintönigkeit kehren immer wieder dieselben logischen, moralischen und medizinischen Gegenargumente wieder, so daß man sie förmlich registrieren kann. Die Logiker erklären unsere Behauptungen für Einbildung und Unsinn. All die Unlogik und alles Unverständliche, das der Neurotiker in seinem Unbewußten produziert und das die Assoziationen an die Oberfläche bringen, wird uns in die Schuhe geschoben.  

Die Sittenrichter schrecken vor dem sexuellen Material unserer Forschungen zurück und führen einen Kreuzzug gegen uns. Sie unterschlagen dabei gewöhnlich, alles, was daran erinnern könnte, was Freud über die Bändigung, die Sublimierung der analytisch aufgedeckten Triebe geschrieben hat. Wer weiß, eine wie große Rolle die unbewußte Sexualität in der nicht analytischen Psychotherapie spielt, könnte diese Beschuldigungen hypokritisch nennen; und doch sind sie nur Affektwirkungen, die die Unwissenheit entschuldigt.  

Auch das ist interessant, daß, obzwar man sonst gewöhnlich von der ›Verlogenheit‹ und ›Unzurechnungsfähigkeit‹ der Hysterischen faselt, man doch gerne alles glaubt, was etwa ungeheilte Kranke mit noch nicht vollem Verständnis über die Analyse klatschen.  

Manche behaupten, die Analyse als therapeutische Methode helfe nur suggestiv. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß dem so ist, ist es wohl richtig, eine wirksame Methode der suggestiven Therapie a limine zurückzuweisen? Das zweite Gegenargument ist, daß sie ›nichts nützt‹. Davon ist nur soviel wahr, daß die Analyse nicht alle Arten von Neurosen beheben kann und meist nicht schnell hilft, und daß die seit der Kindheit ›schief gewickelte‹ Persönlichkeit eines Menschen herzurichten, oft mehr Zeit kosten würde, als die Geduld des Patienten und besonders seiner Angehörigen reicht. Der dritte Kritiker sagt, daß die Analyse schädlich ist; er meint damit offenbar die manchmal heftigen, aber zum Wesen der Kur gehörigen Reaktionen, nach denen gewöhnlich Perioden der Erleichterung folgen.  

Das letzte Gegenargument ist das, daß der Analytiker nur Geld verdienen will; es entspringt augenscheinlich nur der Verleumdungsneigung von Menschen, deren Vorrat an objektiven Argumenten erschöpft ist. Solche Beschuldigungen bringt auch mancher Patient; sehr oft gerade dann, wenn er - im Begriff, unter der Last der neuen Erkenntnisse einzulenken - noch einen letzten verzweifelten Versuch macht, krank zu bleiben.  

Die logischen, ethischen und therapeutischen Ausflüchte der ärztlichen Kreise sind überhaupt auffallend ähnlich den dialektischen Reaktionen, die der Widerstand gegen die Kur bei unseren Kranken auszulösen pflegt. Aber gleichwie die Bekämpfung der Widerstände des einzelnen Neurotikers psychotechnisches Wissen und zielbewußte Arbeit erfordert, so verdient auch der Massenwiderstand (z. B. das Benehmen der Ärzte den Lehren der Analyse gegenüber), daß wir uns mit ihm planmäßig und fachgemäß beschäftigen, und ihn nicht wie bis jetzt dem Zufall überlassen. Nebst der Förderung unserer Wissenschaft, wäre eine Hauptaufgabe der psychoanalytischen Vereinigung, diesen Widerstand der wissenschaftlichen Kreise zu behandeln. Diese Aufgabe allein könnte ihre Gründung rechtfertigen.  

Meine Herren! Wenn Sie prinzipiell meinen Vorschlag, zur zweckmäßigeren Geltendmachung unserer wissenschaftlichen Bestrebungen eine ›Internationale psychoanalytische Vereinigung‹ zu gründen, annehmen, so habe ich nichts weiter zu tun, als Konkrete Vorschläge zur Verwirklichung des Programms zu unterbreiten.  

Ich schlage vor, eine Zentralleitung zu wählen, die Bildung von Orts- gruppen in den Kulturzentren zu unterstützen, den jährlich zusammenzutretenden internationalen Kongreß zu systematisieren und nebst dem ›Jahrbuch‹ baldmöglichst ein öfter erscheinendes offizielles wissenschaftliches Vereinsorgan zu gründen.  

Ich beehre mich, einen Entwurf der Statuten der ›Vereinigung‹ zu unterbreiten.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 01:47:23 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2005 
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