Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis

(1923)


Die Söhne der ›Schneider‹

 

In einem - im Verhältnis zur Patientenzahl - auffällig hohen Prozentsatz der Fälle findet man unter den männlichen Neurotikern solche, deren Väter einen in irgend welchem Sinne ›imposanten‹ Beruf hatten. Bei einer anderen Gelegenheit wies ich darauf hin, daß die Lösung des Vaterideals von der Person des Vaters - eine notwendige Forderung des Selbständigwerdens - besonders erschwert ist, wenn der Vater selber die hohe Stellung innehat, auf deren Träger man sonst seine Sohnesgefühle zu übertragen pflegt (Fürsten, Lehrer, Geistesgrößen usw.). Dies ist meiner Ansicht nach auch die Erklärung dessen, daß die unmittelbaren Nachkommen bedeutender Persönlichkeiten und Genies so leicht verkommen. Es gibt aber - wie ich nun hinzufügen muß - Berufe, die sich keiner solch besonderen Achtung erfreuen, im Seelenleben der Kinder aber mindestens so starke, oft unauslöschliche Spuren zurücklassen. Es sind dies die Berufe, deren Ausübung mit dem Handhaben scharfer, schneidender Werkzeuge verbunden ist, in erster Linie der Beruf des Schneiders, dann der des Barbiers, des Soldaten, des Metzgers, vielleicht auch des Arztes. Von den sieben Patienten, die ich zum Beispiel augenblicklich in Behandlung habe, sind zwei Schneidersöhne. Selbstverständlich handelt es sich bei beiden, wie auch bei allen ähnlichen von mir beobachteten Fällen, um eine ungeheure Verstärkung der Kastrationsangst, die dann die Lähmung der Potenz zur Folge hatte.

 

 

Die ›Materialisation‹ beim Globus hystericus

 

Als Beispiel der hysterischen ›Materialisation‹ (bei welchem Prozeß eine Idee sich im Körper plastisch verwirklicht) nenne ich in meiner diesbezüglichen Arbeit auch den Globus hystericus und vertrete die Ansicht, daß es sich hierbei nicht nur um eine Parästhesie, sondern um eine wirkliche Materialisierung handelt. Nun lese ich in Bernheims Buch Hypnotisme, Suggestion, Psychotherapie auf Seite 33 folgendes: »Quand j'étais externiste chez M. Sédillot, ce maître éminent fut appelé d'examiner un malade qui ne pouvait avaler aucun aliment solide. II sentait à la partie supérieure de l'oesophage, derrière le cortilage thyroide, un obstacle au niveau duquel le bol alimentaire était retenu, plus regurgité. En introduisant le doigt aussi profondément que possible à travers le pharinx, M. Sédillot sentit une tumeur qu'il décrivit comme un polype fibreux saillant dans le calibre de l'oesophage. Deux chirurgiens distingués pratiquèrent le toucher après lui et constatèrent sans hésitation l'existence de la tumeur, teile que le maître l'avait décrite. L'oesophagotomie fut pratiquée; aucune altération n'existait à ce niveau.«

 

 

Aufmerken bei der Traumerzählung

 

Der Psychoanalytiker soll bekanntlich nicht angestrengt zuhören, wenn der Patient vor sich hinspricht, sondern bei ›gleichschwebender Aufmerksamkeit‹ seinem eigenen Unbewußten Spielraum gewähren. Eine Ausnahme von dieser Regel möchte ich für die Traumerzählungen der Kranken statuieren, da hier jedes Detail, jede Schattierung des Ausdrucks, die Reihenfolge des Inhalts in der Deutung zur Sprache gebracht werden muß. Man soll also trachten, sich den Wortlaut der Träume genau zu merken. Kompliziertere Träume lasse ich mir oft noch einmal, nötigenfalls auch ein drittes Mal erzählen.

 

 

Das Grausen beim Kratzen an Glas usw.

 

Diese sehr verbreiteten Idiosynkrasien wurden in der Analyse von Neurotikern der Deutung zugänglich. Ein Patient, den es ›kalt überlief‹, wenn er Erdäpfel schälen sah, brachte mir den ersten Wink zur Deutung: er identifizierte unbewußt diese Erdfrüchte mit etwas Menschlichem, so daß für ihn das Abschälen der Kartoffeln ein Schinden, Hautabziehen bedeutete, und zwar sowohl aktiv (sadistisch) als auch passiv (masochistisch) im Sinne der Talionstrafe. Auf diese Erfahrung gestützt, mußte ich dann auch die oben aufgezählten Eigenschaften auf Kindheitseindrücke zurückführen, auf eine frühe Lebensperiode, in der die animistische und anthropische Auffassung des Leblosen gang und gäbe ist. Der schrille Ton beim Kratzen des Glases scheint für das Kind mit dem schmerzlichen Schrei bei Mißhandlung gleichbedeutend zu sein, und auch das Leinwandgewebe macht - seiner Ansicht nach - Schmerzensäußerungen, wenn es in Stücke gerissen wird. Die Berührung von Stoffen mit rauher Oberfläche, das Streicheln von Seide, ist vielfach auch von ›Gruseln‹ begleitet, wahrscheinlich, weil solche Stoffe beim Darüberfahren mit der Hand gleichfalls ein ›unangenehmes‹ Geräusch machen. Doch mag auch die Rauhigkeit für sich allein genügen, die Mitempfindung von etwas Rauhem oder Wundem an der eigenen Haut hervorzurufen, während das Streicheln von glatten und weichen Gegenständen auf die eigenen Hautnerven beruhigend zu wirken scheint. Die Neigung zur Bildung solcher Idiosynkrasien stammt wohl in den allermeisten Fällen von unbewußten Kastrationsphantasien ab. Es ist nicht unmöglich, daß solche und ähnliche Momente auch in der ästhetischen Wirkung verschiedener Stoffe und Materialien von Bedeutung sind.

 

 

Zur Symbolik des Medusenhauptes

 

Aus der Analyse von Träumen und Einfallen kam ich wiederholt in die Lage, das Medusenhaupt als schreckhaftes Symbol der weiblichen Genitalgegend zu deuten, dessen Einzelheiten ›von unten nach oben‹ verlegt wurden. Die vielen Schlangen, die sich ums Haupt ringeln, dürften -durch das Gegenteil dargestellt - das Vermissen des Penis andeuten und das Grauen selbst den furchtbaren Eindruck wiederholen, den das penislose (kastrierte) Genitale auf das Kind machte. Die angstvoll und ängstigend vorquellenden Augen des Medusenhauptes haben auch die Nebenbedeutung der Erektion.

 

 

Lampenfieber und narzißtische Selbstbeobachtung

 

Von Personen, die bei öffentlichen Reden, musikalischer oder schauspielerischer Produktion durch ›Lampenfieber‹ gehemmt sind, erfährt man, daß sie in solchen Momenten sehr häufig in einen Zustand der Selbstbeobachtung verfallen: sie hören ihre eigene Stimme, merken jede Bewegung ihrer Glieder etc., und diese Spaltung der Aufmerksamkeit zwischen dem objektiven Interesse am Gegenstand der Produktion und dem subjektiven am eigenen Verhalten stört die normalerweise automatisch ablaufende motorische, phonatorische oder rednerische Leistung. Es ist irrtümlich zu glauben, daß solche Leute infolge übergroßer Bescheidenheit ungeschickt werden; im Gegenteil: ihr Narzißmus stellt übergroße Anforderungen an die eigene Leistung. Nebst der negativ-kritischen (ängstlichen) Beobachtung der eigenen Leistung gibt es auch eine positiv-naive, wobei sich die Aktoren gleichsam an der eigenen Stimme oder sonstigen Leistungen berauschen und auf das Inhaltliche derselben vollkommen vergessen. Das ›dédoublement de la personalité‹ beim Sprechen ist oft auch ein Symptom des inneren Zweifels an der Aufrichtigkeit des Gesagten.

 

 

Ein ›analer Hohlpenis‹ bei der Frau

 

Ein männlicher Patient hatte als Kind die Vorstellung vom weiblichen Genitale, daß es ein hinten heraushängendes Rohr ist, das sowohl zur Dejektion als auch zur Aufnahme des Penis geeignet ist, dabei auch den Wunsch befriedigt, daß die Frauen einen Penis haben sollen.

 

 

Waschzwang und Masturbation

 

Ich habe eine sehr intelligente Patientin mit einem Gemenge von Hysterie und Zwangsneurose. Der stärkste ihrer Zwangsgedanken ist, daß sie verrückt werden muß; sie hat auch Waschzwang. Sie war lange Zeit enragierte Onanistin, auch nach der Verehelichung. Sie onanierte immer unter Gewissensskrupeln, weil ihr (als Kind) die Mutter damit drohte, sie werde noch (infolge der Masturbation) blödsinnig. Die Erkrankung an ihrer jetzigen Neurose fällt zeitlich mit dem Aufgeben der Onanie zusammen. Einige Traumanalysen überzeugten mich, daß der Zwangsgedanke des Verrücktwerdens eine Menge perverser Phantasien substituiert. Verrücktwerden = verrückte, unsinnige, unzurechnungsfähige Handlungen begehen, und zwar sexueller Natur.1) Sie produziert massenhafte Prostitutionsphantasien; die unbewußten sexuellen Phantasien beschäftigen sich mit ihren Eltern, die sie zum Teil durch ihre Kinder ersetzt. Sie liebt ihr Söhnlein und nennt es ›Väterchen‹ (im Ungarischen unauffällig), die Tochter behandelt sie streng und nennt sie (wenn sie von einer zärtlichen Reaktion befallen wird) ›Mütterchen‹. Das Merkwürdige am Fall ist aber, daß sie ihre Waschungen so lange variierte, bis sie ihr wieder genitale Befriedigung verschafften. Sie masturbierte endlich mit dem Ansatzrohr des Irrigators und reibt sich die Vulva mit einer scharfen Bürste. Dabei ist ihr Gewissen ruhig; sie wäscht sich ja nur und onaniert nicht. Professor Freuds Vermutung, daß die Zwangshandlungen, die Schutzmaßregeln gegen die Onanie sein sollten, auf Umwegen wieder zur Onanie führen, findet in diesem Fall die glänzendste Bestätigung.  

 

1) Die hypochondrische Zwangsidee des Verrücktwerdens konnte ich schon in vielen Fällen als Deckmantel ›verrückter‹ sexueller Wünsche entlarven.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 02:35:57 •
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