Die Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie

(1919)

 

Die Technik der Psychoanalyse bringt es mit sich, daß sich infolge der langwierigen, auf lange Zeiträume verteilten Entwicklung des Heilungsrespektive Lösungsvorgangs der allgemeine Eindruck des Falles verwischt und die einzelnen Momente des komplizierten Zusammenhangs nur abwechselnd die Aufmerksamkeit auf sich lenken.  

Im Folgenden kann ich aber einen Fall mitteilen, dessen Heilung sich sehr rasch vollzog und bei dem sich das formal wie inhaltlich sehr abwechslungsreiche und interessante Krankheitsbild gleich einer kinematographischen Bilderserie, eigentlich ohne Pausen, stürmisch entfaltete.  

Die Patientin, eine hübsche junge Ausländerin, wurde von ihren Angehörigen meiner Behandlung zugeführt, nachdem vorher verschiedene andere Heilmethoden versucht wurden. Sie machte einen sehr ungünstigen Eindruck. Als hervorstechendstes Symptom war an ihr sehr starke Angst zu konstatieren. Ohne eigentlich agoraphobisch zu sein, konnte sie seit Monaten keinen Moment ohne Begleitung existieren; ließ man sie allein, so traten heftigste Angstanfälle ein, und zwar auch bei Nacht, wo sie ihren Mann oder die jeweilig neben ihr schlafende Person wecken und ihr von ihren ängstlichen Vorstellungen und Gefühlen stundenlang erzählen mußte. Ihre Klagen setzen sich aus hypochondrischen Körpersensationen und der damit assoziierten Todesangst zusammen. Sie fühlt etwas in der Kehle, »Punkte« kommen ihr aus der Kopfhaut heraus; (diese Empfindungen zwingen sie, sich fortwährend die Kehle und die Gesichtshaut zu betasten); die Ohren wachsen ihr in die Länge, der Kopf geht ihr vorne auseinander, ihr Herz klopft usw. In jeder solchen Empfindung - deretwegen sie sich fortwährend beobachtet - sieht sie ein Anzeichen ihres nahenden Todes; sie denkt auch an Selbstmord. Ihr Vater sei an Arteriosklerose gestorben, das stehe nun auch ihr bevor. Auch sie wird (wie der Vater) verrückt: werden und im Sanatorium für Geisteskranke sterben müssen. - Daraus, daß ich bei der ersten Untersuchung ihren Rachen auf eventuelle An- oder Hyperästhesie explorierte, machte sie gleich ein neues Symptom: sie mußte immer vor dem Spiegel stehen und suchte Veränderungen an ihrer Zunge. - Die ersten Stunden verliefen mit fortwährendem, monotonem Jammern über diese Sensationen und ließen mir die Symptome des Falles als unbeeinflußbare hypochondrische Wahngebilde erscheinen, besonders da mir einige solche Fälle noch frisch in Erinnerung standen.  

Nach einiger Zeit scheint sie sich aber darin etwas erschöpft zu haben, wohl auch darum, weil ich sie weder zu beruhigen noch auch sonst zu beeinflussen suchte, sondern ungestört ihre Klagen hersagen ließ. Es zeigten sich auch leise Anzeichen der Übertragung: sie fühlte sich nach der Stunde ruhiger, erwartete unruhig den Beginn der nächsten Stunde usw. Sie begriff dann sehr rasch, wie sie ›frei assoziieren‹ sollte, diese Assoziation schlug aber schon beim ersten Versuch in ein dementes, sehr leidenschaftliches und theatralisches Sichgebärden um. »Ich bin N. N. Großfabrikant« (und nannte dabei den Namen ihres Vaters mit sichtlich gesteigertem Selbstbewußtsein). Sie gebärdete sich dann tatsächlich, als wäre sie der Vater, der in Hof und Geschäft Befehle erteilt, flucht (und zwar ziemlich derb und ohne Scham, wie das in jener Provinz schon üblich ist); dann wiederholte sie Szenen, die der Vater als Irrsinniger vor seiner Internierung aufführte usw. - Am Ende der Stunde orientierte sie sich aber ganz gut, nahm artig Abschied und ließ sich schön nach Hause begleiten.  

Die folgende Stunde begann sie mit der Fortsetzung der obigen Szene, wobei sie besonders oft wiederholte: »Ich bin N. N. (der Vater). Ich habe einen Penis.« Zwischendurch erzählte sie eine Infantilszene, bei der sie eine häßliche Amme mit dem Irrigator bedrohte, weil sie nicht spontan Stuhl absetzen wollte. Die nun folgenden Stunden waren abwechselnd von den hypochondrischen Klagen, den Irrsinnszenen des Vaters und bald auch von leidenschaftlichen Übertragungsphantasien erfüllt. Sie verlangte - in derb bäurischen Ausdrücken - sexuell befriedigt zu werden und schimpfte auf ihren Mann, der das nicht recht kann (was aber den Tatsachen nicht entsprach). Ihr Mann erzählte mir dann, daß die Patientin von dieser Zeit an auch de facto nach Befriedigung verlangte, während sie sich seit längerer Zeit ablehnend verhielt.  

Nach diesen Entladungen beruhigte sich einigermaßen ihre manische Exaltation, und wir kamen in die Lage, die Vorgeschichte des Falle's zu studieren. Sie erzählte vom Erkrankungsanlaß. Der Krieg brach aus, ihr Mann wurde einberufen, sie mußte ihn im Geschäft vertreten; das konnte sie aber nicht ordentlich, da sie fortwährend an ihre ältere Tochter (die etwa 6 Jahre alt war) denken mußte und die Idee hatte: es könnte ihr zu Hause etwas geschehen. Sie mußte also fortwährend nach Hause laufen, um nachzusehen. Diese ältere Tochter kam nämlich mit Rachischisis1) und sakraler Meningokele2) zur Welt, die operiert wurde, so daß die Kleine am Leben blieb, ihre Unterextremitäten und ihre Blase aber unheilbar gelähmt waren. Sie kann nur auf allen Vieren am Boden herumrutschen und muß wegen der Inkontinenz »wohl hundertmal täglich« ins Reine gebracht werden. »Das macht aber nichts, ich liebe sie tausendmal mehr als die zweitgeborene (die gesunde!) Tochter.« Es wurde auch von der ganzen Umgebung bestätigt, daß die Patientin dieses kranke Kind auch auf Kosten des zweiten, gesunden verzärtelt; sie will auch nicht zugeben, daß man wegen der Kranken unglücklich sein darf; sie ist ja so gut, so klug, so schön im Gesicht.

Es war mir recht bald offenbar, daß dies eine ungeheure Verdrängungsleistung seitens der Patientin war; daß sie in Wirklichkeit den Tod dieses ihres Unglückskindes unbewußt herbeisehnte und wegen dieser Vorbelastung den vom Krieg erforderten neuen Anstrengungen nicht gewachsen war. Sie flüchtete also in die Krankheit.  

Nach schonender Vorbereitung teilte ich ihr diese Auffassung über ihre Erkrankung mit, worauf es ihr - nach vergeblichen Versuchen, sich nochmals in die Verrücktheit oder in die Übertragungsleidenschaft zu stürzen - allmählich gelang, sich den großen Schmerz und die Beschämung, die ihr die Krüppelhaftigkeit ihres Kindes verursachten, einigermaßen bewußt zu machen.

 

1) [Angeborene Spaltbildung der Wirbelsäule (Mißbildung).]  

2) [Vorfall von Rückenmarkshäuten und Rückenmark.]  

 


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