Alkohol und Neurosen 1)

(1911)


Bei einer früheren Gelegenheit gab ich der Überzeugung Ausdruck, daß die statistische Methode in der Psychologie nur geringen Wert habe, erstens, weil hier die Höhe der Zahlen für den Mangel an Tiefe der Einzelbeobachtungen nicht entschädigen kann, zweitens aber, weil bekanntlich Zahlen sich allzu leicht den Intentionen der Autoren fügen und sich tendenziös gruppieren lassen. Es tut mir leid, daß ich in der von Herrn Professor Bleuler kritisierten Arbeit2) meinem Prinzip untreu wurde und mich zur Stütze einer Behauptung auch auf eine statistische Arbeit3) des Oberstabsarztes Dr. Drenkhahn berief. Ich hätte voraussehen sollen, daß die Schwäche jeder statistischen Argumentation von antialkoholistischer Seite als Angriffspunkt gegen die von mir vorgeschlagene Anschauungsweise der Alkoholpsychosen benutzt werden wird, was nun tatsächlich eintraf.

Ich fühle mich aber nicht berufen, auf die kritische Sichtung des von Drenkhahn bearbeiteten statistischen Materials einzugehen und zu entscheiden, ob das, was er vorbrachte, wirklich nur ein ›Bierwitz‹ und als Beweismoment wertlos ist oder nicht. Ich berief und berufe mich nur auf das Ergebnis, zu dem er gelangte und das mit meinen analytischen Erfahrungen übereinstimmt, ohne mich für die Genauigkeit seiner Angaben einzusetzen.

Wogegen ich aber mich mit derselben Energie, mit der Professor Bleuler meine Bemerkungen angreift, verwahren muß, ist die Erweckung des Anscheins, als ob meine Auffassung über die Rolle des Alkohols bei den Neurosen auf der statistischen Arbeit Drenkhahns und nicht auf eigenen individualpsychologischen Untersuchungen beruhen würde.  

Eine, vielleicht die entscheidendste dieser Beobachtungen, die Analyse eines Falles von Alkoholparanoia ist ja gerade in der kritisierten Arbeit mitgeteilt. Es wird dort gezeigt, wie der Latent-Homosexuelle nur dann zum Alkohol greift, wenn er in besonders schwierige, seiner Sexualkonstitution direkt widersprechende äußere Situationen gelangt (beide Verehelichungen), wie der Alkohol dann die Sublimierungen zerstört und die homosexuelle Erotik in der Gestalt paranoischer psychischer Gebilde (Eifersuchtswahn) zutage tritt, während in der zwischen beide Ehen eingeschobenen Junggesellenperiode sich weder die Trunksucht noch die Paranoia manifestierte.  

Statt sich auf die Ablehnung der Drenkhahnschen Publikation zu beschränken, hätte sich Herr Professor Bleuler meiner Ansicht nach auch mit diesem, viel wichtigeren Teil meiner Arbeit auseinandersetzen sollen; bei seiner großen Erfahrung wäre es ihm ein leichtes gewesen, die von mir aufgestellten Behauptungen auf Grund eigener psychoanalytischer Untersuchungen zu überprüfen, sie zu erhärten oder zu modifizieren.  

Ich muß hier übrigens hinzufügen - was ich in der kurzen Notiz der Paranoiaarbeit nicht tun konnte -, daß sich meine Ansicht über die Bedeutsamkeit psychologischer (respektive komplex-pathologischer) Motive beim Entstehen des chronischen Alkoholismus aus dem Erfahrungsmaterial vieler Jahre allmählich herauskristallisierte.

Es fiel mir auf, daß die Intoleranz gegen Alkohol, die man bisher leichtfertig mit der gesteigerten physiologischen Giftempfindlichkeit einfach identifizierte, der psychogenen Elemente nicht entbehrt, ja in gewissen Fällen hauptsächlich psychogen ist. Solange ich nur Fälle beobachtete, in denen relativ kleine Alkoholmengen unverhältnismäßig stark gewirkt haben, gab auch ich mich mit der Theorie einer ›Idiosynkrasie‹ zufrieden. Es kamen aber dann Personen unter meine Beobachtung, die nach wenigen Tropfen eines nicht einmal stark konzentrierten alkoholischen Genußmittels einen regelrechten Rausch produzierten. In zwei Fällen schließlich bedurfte es gar nicht mehr der Einverleibung des Getränks; es genügte, daß der Patient das gefüllte Glas vor sich sah, und er agierte schon den Berauschten. Die Symptomatik des ›Rausches‹ bestand in beiden Fällen darin, daß der Patient sich Phantasien bewußt machen, sich aggressive oder verpönte Reden und Handlungen gestatten konnte, die er im nüchternen Zustand tief zu verdrängen pflegte; mit diesem Lautwerden der Komplexe ging eine Erleichterung sonst bestehender psychoneurotischer Zustände Hand in Hand. Dem alkoholfreien Rausch folgt dann ein ähnlicher Katzenjammer, wie der nach wirklichem Alkoholgenuß.

Es war mir nach alledem nicht mehr zweifelhaft, daß man auch in anderen, nicht so extremen Fällen für die Symptome des Rausches nicht den Alkohol allein verantwortlich machen könne und daß dieser oft nur das auslösende Moment, der Zerstörer von Sublimierungen, der Beseitiger von Verdrängungstendenzen ist, dem der innere Drang nach Lustbefriedigung auf halbem Weg entgegenkommt.  

Ist bei einem Teil dieser ›Intoleranten‹ der Alkoholgenuß ein unbewußter Versuch der palliativen Selbstbehandlung durch Zensurvergiftung, so kannte ich andererseits auch Neurotiker, die sich bewußt und mit Erfolg dieses Mittels bedienten, nicht ohne sich dabei der Gefahr des chronischen Alkoholismus auszusetzen. Einem Agoraphoben z. B., dem kein sonstiges Narkotikum half, verhalf ein Schluck Kognak zu so viel Mut, daß er sogar die halbkilometerlange Donaubrücke zu passieren wagte. Sein Leben bestand in einem Hin- und Herschwanken zwischen Rausch und Neurose, und es ist kein allzu gewagter Schluß anzunehmen, daß, wenn ein solcher Mensch Alkoholiker wird, sein Alkoholismus eine Folge und nicht die Ursache seiner Neurose war.

Wie wir uns die auslösende Wirkung des Alkohols vorstellen müssen, darüber brachte uns die geniale Arbeit von O. Groß über den manischen Mechanismus einige Aufklärung. Wir haben von ihm gelernt, daß es Menschen gibt, die Manischen, die imstande sind, auch ohne Einführung von Luststoffen von außen, durch endogene Lustproduktion, deprimierende Gedankenkomplexe und depressive Affekte zum Schweigen zu bringen und zu überschreien.

Ich glaube nun, ›daß der Neurotiker, der zum Schnapsglas greift, eigentlich dieser ihm mangelnden Fähigkeit zur endogenen Lustproduktion durch Alkoholgenuß nachhelfen will, was eine gewisse Analogie der hypothetischen endogenen Libidostoffe mit dem Alkohol vermuten läßt, wie denn auch die Symptomatologie des Rausches mit nachfolgendem Katzenjammer große Ähnlichkeiten mit der zirkulären Psychose aufweist. Diese Überlegungen stützen aber zugleich die von mir aufgestellte Behauptung, daß der Alkohol in erster Linie für solche Persönlichkeiten gefährlich wird, die aus inneren Gründen ein gesteigertes Bedürfnis nach exogener Lustbefriedigung haben.

Einen interessanten Einblick in die Beziehung zwischen Alkohol und Neurose gewinnt man auch durch die Beobachtung und die Analyse von Antialkoholisten. In mehreren Fällen ließ sich der antialkoholistische Eifer auf sexuelle Freiheiten, die der Antialkoholiker sich unter Selbstvorwurf gestattet, für die er sich aber durch die Alkoholentziehung, also eine andere Art Askese, bestraft, zurückführen. Es stimmt dazu nicht schlecht, daß oft dieselben, die die absolute Alkoholabstinenz am lautesten fordern, mit der Gewährung von Sexualfreiheiten sehr freigebig sind. Diese Konstatierung sagt natürlich über den Wert der antialkoholistischen Bewegung nichts aus. Hat doch jeder Beruf (z. B. auch der psychoanalytische) seine disponierenden Momente in der Sexualkonstitution. Ich will auch nicht behaupten, daß der Antialkoholismus in jedem Falle auf solche Faktoren zurückzuführen ist. Ich wollte nur andeuten, daß auch die Flucht vor dem Alkohol oft eine neurotische (d. h. hauptsächlich vom Unbewußten konstellierte) Tendenz ist, eine Art Verschiebung des Widerstandes. Der Alkoholiker hat seine Libido verdrängt und kann sie nur im Rausche wieder besetzen; der neurotische Abstinenzler lebt seine Sexualität zwar aus, muß sich aber dafür einen anderen, ähnlichen Wunsch versagen. Ein solcher Antialkoholiker erinnert mich an jenen Mann, von dem mir Professor Freud einmal erzählte. Dieser machte sich als kleiner Junge schreckliche Gewissensbisse darüber, daß er, während er gerade Ribiselkipfel aß, unzüchtige Berührungen an einem kleinen Mädchen vornahm. Die nachträgliche Wirkung der Gewissensbisse war so stark, daß er seit dieser Zeit - keine Ribiselkipfel mehr ertragen konnte.4)

Herr Professor Bleuler kritisiert auch meine Behauptung, daß der Alkohol die Sublimierungen zerstöre. Dem widerspreche seiner Ansicht nach das oft zu beobachtende Lautwerden von patriotischen Sublimierungen unter Alkoholeinfluß.  

Diese Entgegnung erinnert mich daran, daß ich es in meiner Arbeit unterließ, das quantitative Moment bei der Alkoholwirkung zu berühren. Kleine Mengen Alkohol können eben sehr wohl auch Sublimierungen manifest werden lassen, die im Individuum fertiggebildet sind, sich aber infolge von Hemmungen nicht äußern können. - Wenn aber ein Betrunkener sub titulo ›Patriotismus‹ gerührt seinen Tischnachbar umarmt und küßt, so kann vielleicht von schlecht larvierter homosexueller Erotik, keinesfalls aber von Sublimierung gesprochen werden.

Auf Grund meiner Erfahrungen halte ich übrigens auch den Fall nicht für absolut ausgeschlossen, daß ein Neurotiker »infolge der Bosheit seiner Frau oder nach der plötzlichen Erkrankung seines Schweines« sich dem Trunke ergibt. Das logische Denken mag dann - wie mein Kritiker — diese Motive des Trinkens für »blödsinnig« erklären und den Trinker der »Schwäche« beschuldigen; die Psychoanalyse findet aber tiefere Erklärungen für diese Vulnerabilität5 und die ungenügende Motivierung der Handlungen. (Komplexempfindlichkeit, Verschiebung, Flucht in die Krankheit usw.)  

Ich las unlängst den Sammelbericht des Dr. H. Müller über die Arbeiten auf dem Gebiete der Alkoholpsychosen aus dem Jahre 1906 bis 1910. Ich bekam aus der Lektüre des Berichts nicht den Eindruck besonderer Kompliziertheit, verstehe also nicht, warum Herr Professor Bleuler gleichsam einen Befähigungsnachweis von jedem fordert, der sich mit Alkoholfragen beschäftigen will. Nebenbei fand ich in dem Bericht eine ganze Reihe von Ansichten wiedergegeben, die die sekundäre, gleichsam nur auslösende Bedeutung des Alkohols bei den im Wesen endogenen alkoholischen Geistesstörungen vertreten. (Bonhoeffer, Souchanow, Stöcker, Reichhardt, Mandel). Auch ich stehe auf diesem Standpunkt, gehe aber einen Schritt weiter, indem ich an Stelle des unklaren Begriffs der Endogeneität die Freudschen und Großschen Mechanismen setze.  

Die Befürchtung des Herrn Professor Bleuler, daß das urteilslose Publikum meine Ansicht über die Alkoholpsychosen ebenso mißverstehen kann wie Freuds Sexuallehre, teile ich zwar, sehe aber darin keinen Grund zur Verheimlichung meiner Anschauung. Hätte Freud auf die Urteilslosen ängstlich Rücksicht genommen, so gäbe es heute keine Psychoanalyse.  

 

1) Antwort auf eine Kritik des Herrn Professor E. Bleuler [gleichfalls unter dem Titel »Alkohol und Neurosen« veröffentlicht].  

2) ›Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia‹.

3) [›Das Verhalten der Alkoholerkrankungen zu den Geistes- und Nervenkrankheiten in der Armeen‹]

4) Der Sexualbefriedigung frönte er aber auch weiterhin.

 


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