Empfindung - Herbart, Helmholtz


Nach HERBART enthält jede Empfindung eine »absolute Position« (s. d.), einen Hinweis auf das Seiende (Met. II, S. 90). Die Empfindung ist eine einfache Vorstellung (s. d.). Sie ist eine »Selbsterhaltung der Seele, die sich selbst nicht sieht und nichts davon weiß, daß sie in allen ihren Empfindungen sich selbst gleich ist, und vollends nichts davon, daß diese ihre Zustände abhängen vom Geschehen in zusammentreffenden Wesen außer ihr, deren eigene Selbsterhaltungen ihr in keiner Weise bekannt werden können« (Met. II, S. 340). Zwar ist die Empfindung nur Ausdruck der inneren Qualitäten der Seele, aber »die Ordnung und Folge der Empfindungen verrät das Zusammen und Nichtzusammen der Dinge« (l.c. S. 341). NAHLOWSKY unterscheidet scharf zwischen Empfindung und Gefühl. Empfindungen sind »alle jene Zustände, die auf der bloßen Perzeption organischer Reize beruhen« (Das Gefühlsleb. S. 27). Sie sind »ursprüngliche« Zustände »primitiver« Art (l.c. S. 28). Die Empfindung ist als solche subjektiver Natur, ist sie ja doch »eine Innen-Findung, ein Aufgestörtwerden, ein Eben-nur-sich- (und-nicht-anderes-) finden; - ein Selbsterhaltungs-Akt, und zwar der einfachste und ursprünglichste«. »Das subjektive der Empfindung wird erst abgestreift durch Beihülfe der Assoziation und Reproduktion, durch ihre Ausgestaltung zu Bild und Begriff« (l.c. S. 20 f.). Die Empfindung, diese »Antwort der Seele auf die ihr zugeleiteten organischen Reize«, ist »der erste Ansatz zu einen Bewußtsein«, sie »repräsentiert ein psychisches Element« (l.c. S. 28). Es gibt: Innen- oder Körperempfindung und Außen- oder Sinnesempfindung (l.c. S. 35). »Empfindungsinhalt« ist »das spezifisch Eigentümliche des isoliert fortgeleiteten Reizes«, »Ton der Empfindung« ist »der Störungswert dieser bestimmten Reizung..., d.h. das besondere Verhältnis, in welches sich dieser Reiz, teils zu der im Moment vorhandenen Stimmung des Nerven und der Zentralorgane, teils mitunter selbst zu den Prozessen des vegetativen Lebens setzt« (l.c. S. 13). Nach VOLKMANN ist die Empfindung der »Zustand, welcher von der Seele bei Veranlassung des ihr entgegengebrachten Nervenreizes entwickelt ist« (Lehrb. d. Psychol. I4, 212), ein »In-sich-finden der Seele«, ein »Zustand, den die Seele, von außen dazu veranlaßt, aus sich selbst entwickelt« (l.c. S. 214). Nach STEINTHAL bedeutet Empfinden »vermittelst der Sinne Erregungen seitens der Elemente empfangen und bewußt werden lassen« (Einl. in d. Psychol. S. 318). LIPPS unterscheidet objektive und subjektive Empfindungen (Gefühle) (Gr. d. Seelenleb. S. 298). Nach MAINE DE BIRAN enthält die Empfindung zwei Faktoren: »affection simple« und »élément personnel« (einfaches Ichbewußtsein, Oeuvr. II, 115). Nach W. HAMILTON ist die Empfindung von der Wahrnehmung zu unterscheiden: je lebhafter jene, desto schwächer diese. H. SPENCER sieht auch in den Empfindungen (Subjektive) Wahrnehmungen (Psychol. II § 353). Die Empfindungen sind die geistigen Atome (l.c. I, C. 2), die »subjektiven Seiten solcher Nervenveränderungen..., welche nach dem allgemeinen Zentrum der Nervenverbindungen übertragen worden sind« (l.c. § 43). Jede Empfindung ist schon eine Widerstandsempfindung. So auch HÖFFDING (Psychol. S. 283), nach dem, durch das »Beziehungsgesetz«, die Empfindungen zur Einheit des Bewußtseins verbunden sind (l.c. S. 149 ff.; ähnlich LADD, Psychol. p. 659 ff.; JAMES, Princ. of Psychol. I, 224 ff., 449 ff., 483 ff.). Nach A. BAIN ist die Empfindung (»mental impression«) ein »state of consciousness«, der durch »external causes« veranlaßt wird (Sens. and Int.3, C. 2). Nach SULLY ist die Empfindung ein »einfacher geistiger Zustand, der sich aus der Reizung des äußeren Endes eines ›zuführenden‹ Nerven ergipt, wenn diese Reizung auf die höheren Gehirnzentren oder ›psychischen Zentren‹ übertragen wird« (Handb. d. Psychol. S. 82). Vollkommen einfache Empfindungen erleben wir niemals (ib.). Die Empfindungen haben eine intellektuelle und emotionelle Seite (l.c. S. 82; vgl. Hum. Mind I, 94: zu den Eigenschaften der Empfindung gehören Qualität, Intensität, »massiveness or extensity«). Ähnlich JAMES (»element of voluminousness«, Princ. of Psychol. II, 134 f.), WARD (Encycl. Britann.9, Art. »Psychology«, p 46, 53), TITCHENER (Outl. of Psychol. p. 76 ff.), STUMPF (Tonpsychol. I, 207 ff.), JODL (Lehrb. d. Psychol. S. 203). BALDWIN bestimmt als Eigenschaften der Empfindung »quantity« (Qualität und Intensität), »duration«, »tone« ( Gefühlston) (Handb. of Psychol. I, 85). - SERGI erklärt: »La sensation, est... un phénomène qui se produit alors que la force psychique est provoquée à agir par la force extérieure de la nature, d'une façon qui lui est propre, par une manifestation, qui est commune et constante« (Psychol. p. 17).

HELMHOLTZ unterscheidet »Modalität« und »Qualität« (s. d.) der Empfindung, die ihm als Perzeption eines Nervenzustandes gilt. Die Empfindungen sind subjektive Symbole für objektive Vorgänge, »nur Zeichen für die äußeren Objekte«, nicht Abbilder (Vortr. u. Red. I4, 393), »eine durch unsere Organisation uns mitgegebene Sprache, in der die Außendinge zu uns reden« (ib.). So auch A. LANGE (Gesch. d. Mat.), ÜBERWEG (Logik), A. FICK (Vers. üb. Urs. u. Wirk.2), B. ERDMANN (Ax. d. Geom. S. 83 f.). Nach E. DÜHRING hat jede Empfindung eine objektive Bedeutung (Wirklichkeitsph. S. 276 f.). - CZOLBE führt die Empfindung auf Projection der von den Dingen sich ablösenden Qualitäten, die zur Seele gelangen, durch diese in den Raum, also auf eine Kreisbewegung zurück (N. Darstell. d. Sensual. S. 27 ff.). Später betont er die Ursprünglichkeit der Empfindungen; diese sind nebst den Gefühlen die Elemente alles Seelischen (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 198). Empfindungen und Gefühle sind latent immer vorhanden, sie werden »aus dem die Körperwelt, mithin auch das Gehirn der Menschen und Tiere durchdringenden unbegrenzten Raume, in welchem sie als sein ruhender Inhalt, als tote, unsichtbare Spannkraft überall verborgen sind, durch ganz bestimmte Gehirnbewegungen als lebendige, zum Bewußtsein kommende Kräfte frei gemacht oder ausgelöst« (l.c. S. 200; s. Weltseele). Nach E. HAECKEL, L. NOIRÉ, HERING, B. WILLE u. a. ist die Empfindung eine Ureigenschaft aller Körperelemente. Vgl. PREYER, Elemente d. reinen Empfindungslehre.

HORWICZ betrachtet die Empfindung als Entwicklungsprodukt des Gefühles. Jede Empfindung enthält eine Bewegung, einen Trieb der Annäherung oder Abwehr (Psychol. Anal. I, 306, 308, III, 46, 48). Als das Primäre der Empfindung betrachtet das Gefühl (s. d.) auch TH. ZIEGLER. SO auch E. V. HARTMANN, nach welchem die Empfindung ein »Produkt aktiver synthetischer Intellektualfunktionen« ist (Kategor. S. 55). Die Empfindung ist »eine für das Bewußtsein des zusammengesetzten Individuums überschwellige Synthese aus unterschwelligen Empfindungen und Gefühlen der umspannten Individuen nächsttieferer Stufe, letzten Endes aber eine indirekte Synthese aus qualitätslosen Lust- und Unlust-Gefühlen der Uratome« (Mod. Psychol. S. 195 f.).


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