Empfindung - Husserl, Fechner


Nach O. SCHNEIDER ist Empfindung der rein subjektive »Zustand des durch Sinnesreize erregten Innewerdens« (Transzendentalpsychol. S. 39). BERGMANN sieht in der Empfindung das »letzte Element, welches die Analyse im wahrnehmenden Bewußtsein findet, insofern dasselbe auf die Außenwelt bezogen ist« (Grundlin. e. Theor. d. Bewußts. S. 38). »Während die Empfindung an sich ein subjektiver Zustand, eine Daseinsweise des empfindenden Subjekts ist, findet durch das Bewußtsein gleichsam eine Zersetzung dieses Zustandes statt; der Inhalt der Empfindung oder das Empfundene wird aus dem Zustande als solchem ausgeschieden und als ein selbständiges Wesen dem empfindenden Subjekt gegenübergestellt« (l.c. S. 34). Nach UPHUES ist die Empfindung »die Auffassung der Sinneseindrücke... als Bewußtseinsinhalte« (Wahrn. u. Empfd. S. 3, 9, 14). Empfindungen sind »die einfachen Bewußtseinsvorgänge, die als erste Begleiterscheinungen der Einwirkungen auf unsern Körper... auftreten« (Psychol. d. Erk. I, 158). Zu unterscheiden sind »ursprüngliche« und » wiederauflebende« Empfindungen (ib.). Empfinden ist nach HUSSERL »die bloße Tatsache, daß ein Sinnesinhalt... in der Erlebniskomplexion präsent ist« (Log. Unt. II, 714). Die Empfindungen sind Komponenten des Vorstellungserlebnisses, nicht dessen Gegenstände (l.c. S. 75). Nach RIEHL ist Empfindung »das Bewußtwerden des Unterschiedes zweier Erregungen« (Phil. Krit. II 1, 47). Der Empfindungsvorgang enthält außer der »Rezeption des Bewußtseins« eine psychische Tätigkeit, einen »Act des Urteilens« (l.c. S. 34). Jede Empfindung hat eine Gefühlsseite (l.c. S. 36); ihr Inhalt selbst ist objektiv (l.c. S 38) Die Empfindung ist »etwas, das nicht wir sind« (l.c. S. 42). »Durch das Gefühl, womit sie das Bewußtsein erregt, gibt sich die Empfindung als etwas kund, das nicht ausschließlich aus uns stammt« (l.c. II 2, 40). Sie »enthält das ganze Bewußtsein im Keime«. »Sie ist das Gefühl, durch einen Reiz affiziert zu sein, Reaktion gegen einen Reiz und Vorstellung der Beschaffenheit desselben« (l.c. II 2, 197). Sie ist das bewußte Korrelat des Stoffwechsels im Nervensysteme (l.c. S. 207). Nach HODGSON gibt es keine reinen Empfindungen, da alle Bewußtseinsinhalte in den Formen von Raum oder Zeit gegeben sind (Phil. of Reflect. I, 260 f.). - Nach WITTE sind die Empfindungen nichts Ursprüngliches, sondern Schöpfungen des vorempirischen Bewußtseins (Wes. d. Seele S. 127, 141). Nach REHMKE ist die Empfindung nichts »Konkretes« (s. d.), sondern ein »Abstraktes« (s. d.), eine Bestimmtheit des Bewußtseins (Allg. Psychol. S. 192 ff., 166 f.). WUNDT bestimmt die Empfindungen als »diejenigen Zustände unseres Bewußtseins, welche sich nicht in einfachere Bestandteile zerlegen lassen« (Grdz. d. phys. Psychol. I4, 2S1). Sie sind Produkte der psychologischen Analyse. »Die Elemente des objektiven Erfahrungsinhaltes bezeichnen wir als Empfindungselemente oder schlechthin als Empfindungen« (Gr. d. Psychol.5, S. 36). Diese sind Teile von Vorstellungen, »reine« Empfindungen sind Abstraktionsprodukte; sie bilden eine Reihe disparater Qualitätensysteme (l.c. S. 16). Die speziellen Empfindungssysteme dürften aus den Empfindungssystemen des »allgemeinen Sinnes« (s. d.) durch allmähliche Differenzierung entstanden sein (l.c. S. 47 f.). Jede Empfindung wird durch einen (äußeren oder inneren) Reiz ausgelöst. Die Empfindung selbst kann nur »als ein intensives Quale betrachtet werden, dessen Verbindung mit anderen ähnlichen Empfindungen zwar durch gewisse regelmäßig coexistierende oder einander folgende Reizeinwirkungen äußerlich veranlaßt, nicht aber im eigentlichen Sinne verursacht werden kann« (Phil. Stud. X, S1). Gemäß dem Prinzip des psychophysischen Parallelismus (s. d.) muß angenommen werden, daß »nicht der physische Sinnesreiz die Empfindung erzeugt, sondern daß diese aus irgend welchen psychischen Elementarvorgängen entspringt, die unter der Schwelle unsres Bewußtseins liegen, und in denen unser Seelenleben mit einem allgemeinen Zusammenhang psychischer Elementarvorgänge in Verbindung steht« (Vorl. üb. d. Mensch.2, S. 490, ähnlich FECHNER und PAULSEN). Qualität und Intensität sind die Bestimmungsstücke jeder Empfindung (Gr. d. Psychol.5, S. 37; Grdz. d. phys. Psychol. I4, 282). An Wundt schließt sich an G. VILLA (Einl. in d. Psychol. S. 295 u. a.). KÜLPE erklärt: Die erste Klasse der psychischen Elemente »ist dadurch ausgezeichnet, daß das Auftreten der in sie hineinzurechnenden Qualitäten von der Erregung ganz bestimmter peripherischer und wahrscheinlich auch zentraler nervöser Organe abhängig ist. Wir nennen die hierher gehörigen elementaren Inhalte des Bewußtseins Empfindungen. Dieser Name bezeichnet also nicht eine allgemeine Fähigkeit der Seele, auf äußere Eindrücke zu reagieren... sondern ist Repräsentant eines Gattungsbegriffs, unter den als reale Vorgänge einzig die besonderen durch das hervorgehobene Merkmal specificierten Elemente fallen« (Gr. d. Psychol. S. 21). »Die Empfindung ist also nichts außer ihren Eigenschaften« (l.c. S. 30); diese sind: Qualität, Intensität, Dauer, Ausdehnung (l.c. S. 30 f.), aber nicht jede Empfindung hat alle diese Eigenschaften (l.c. S. 31). Es gibt »peripherisch erregte« und »zentral erregte« Empfindungen (l.c. S. 37). ZIEHEN versteht unter Empfindung das »erste psychische Element«, welches einem durch einen Reiz veranlaßten Nervenprocesse entspricht (Leitfad. d. phys. Psychol.2, S. 15). Aus Empfindungen baut sich nach ihm wie nach anderen Assoziationspsychologen (s. d.) das Seelenleben auf. BRENTANO rechnet die Empfindungen zu den physischen Erscheinungen (Psychol. I, S. 103 ff.). JODL bestimmt die Empfindung als einen »im Zentralorgan auf Veranlassung eines ihm von den peripherischen Organen zugeführten Nervenreizes entwickelten Bewußtseinszustand, in welchem ein qualitativ und quantitativ bestimmtes Etwas (Inhalt, aliquid) zur innerlichen Erscheinung kommt« (Lehrb. d. Psychol. S. 169). Die Eigenschaften der Empfindung sind Modalität, Qualität, Intensität, Extensität (bezw. Protensität) (l.c. S. 194). EBBINGHAUS betont, nirgends gebe es isolierte Empfindungen, stets nur Empfindungsverbände (Gr. d. Psychol. I, 10; so auch H. CORNELIUS, Lehrb. d. Psychol. S. 182). Die Empfindung ist »das psychische Äquivalent der Einwirkung eines und desselben real ungeteilt ablaufenden Vorgangs« (Gr. d. Psychol. I, 421). Zu den Eigenschaften der Empfindung gehört räumliche oder (und) zeitliche Ausdehnung (ib.). Jede Empfindung ist ursprünglich von bestimmten Bewegungen gefolgt, entladet sich gleichsam in ihnen (l.c. S. 688). Vgl. A. MEINONG, Üb. Begr. u. Eigensch. der Empfind., Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. XII; WITASEK, Zeitschr. i. Psychol. XIV.

MÜNSTERBERG führt in der Psychologie das ganze geistige Leben auf Empfindungen zurück. Diese sind jedoch Abstraktionsprodukte. bei denen vom Subjekt (s. d.) abgesehen wird (Psychol. and Life p. 44 ff.; ähnlich H. RICKERT, Grenz. d. naturwiss. Begriffsbild. I, S. 147 ff.), Die Empfindung ist »derjenige einfachste Bestandteil der Wahrnehmung, der noch in noetischem Verhältnis zu Bestandteilen des Wahrnehmungsobjektes besteht« (Grundz. d. Psychol. I, 310). Nach der »Aktionstheorie« (s. d.) ist jede Empfindung an einen motorischen Prozess gebunden, »dem Übergang von Erregung zur Entladung im Rindengebiet zugeordnet«, und zwar derart, »daß die Qualität der Empfindung von der räumlichen Lage der Erregungsbahn, die Intensität der Empfindung von der Stärke der Erregung, die Wertnuance der Empfindung von der räumlichen Lage der Entladungsbahn und die Lebhaftigkeit der Empfindung von der Stärke der Entladung abhängt« (l.c. S. 549, 531).

Als Bestandteile der Wirklichkeit selbst, als Realitäten betrachtet die Empfindungen J. ST. MILL ( Examin. p. 225 f.). So auch die Immanenzphilosophie (s. d.). SCHUPPE z.B. bemerkt: »Sind die Empfindungen nicht als subjektiver Zustand oder Tätigkeit, sondern als der Empfindungsinhalt, selbstverständlich mit aller räumlichen und zeitlichen Bestimmtheit, ohne welche er keine konkrete Existenz sein könnte, zum Bewußtseinsinhalt gemacht, so ist es diese ganze räumlich-zeitliche Welt, welche ja aus solchen Empfindungsinhalten oder Wahrnehmungen sich aufbaut, nicht also etwa. als innerseelisches Gebilde, sondern ganz so und ganz dieselbe, wie wir sie aus der unmittelbaren Anschauung kennen« (Log. S. 24). Empfindung ist »Bewußtsein mit den und dem Inhalt oder Objekt«. »Was außerdem eine von dem Empfindungsinhalt wohl zu unterscheidende subjektive Tätigkeit des Empfindens sein mag, ist absolut unerfindlich« (1. G. S. 22). Empfinden heißt »einen Bewußtseinsinhalt haben« (l.c. S. 23). CLIFFORD betont: »Die Schlüsse der Physik sind sämtlich Schlüsse, die sich auf meine wirklichen oder möglichen Empfindungen beziehen« (Von d. Nat. d. Dinge an sich S. 27). Die Empfindungen (feelings) bedürfen keines »Trägers«, sie haben selbständige Existenz, sind »Dinge an sich«, bilden den »Seelenstoff« (»mind-stuff«), aus dem das An-sich der Dinge besteht erst bestimmte Komplexe von Empfindungen bringen ein Bewußtsein mit sich (l.c. S. 33, 42 ff., 44, 46 ff.). E. MACH erblickt in den Empfindungen (»Elementen«) die Bestandteile der Dinge selbst. Alle Elemente, sofern wir sie als »abhängig« von unserem Organismus bezeichnen, sind insofern »Empfindungen« (Populärwiss. Vorles. S. 226; Analys. d. Empfd.4, S. V, S. 14, 17). Nicht die Körper (s. d.) erzeugen Empfindungen, sondern Elementenkomplexe bilden die Körper (l.c. S. 23). Nach R AVENARIUS sind die Empfindungen »Setzungscharaktere« der »Sachen«, d.h. die Elemente der Wirklichkeit, insofern sie »abhängig« sind vom »System C« (s. d.), vom Organismus (Kr. d. rein. Erf. II, S. 78 f.; vgl. KODIS, Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 21, S. 428). Nach OSTWALD empfinden wir nur Unterschiede der Energiezustände gegen unsere Sinnesapparate (vgl. Energie). Vgl. Qualität, Intensität, Wahrnehmung, Sinn, Sensualismus, Impression.


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