Erkenntnis - Kant, Fries, Jacobi


KANT findet in aller Erkenntnis zwei Faktoren: Form (s. d.) und Stoff des Erkennens. Die Formen des Erkennens sind das Apriori (s. d.), die Subjektiv- notwendige Bedingung desselben, durch die Objektivität (s. d.) in die Erkenntnis kommt. Erfahrung und Denken konstituieren alle Erkenntnis; diese hat zum Inhalte subjektive (Ich) und objektive Erscheinungen (s. d.), die Dinge an sich (s. d.) sind unerkennbar. Erkennen heißt allgemein »mit Bewußtsein etwas kennen« (Log. S. 97). Das Erkennen ist mehr als bloßes Denken (s. d.). »Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche« (Krit. d. r. Vern., Vorr. zur 2. Ausg., S. 23). »Erkenntnis ist ein Urteil, aus welchem ein Begriff hervorgeht, der objektive Realität hat, d. i. dem ein korrespondierender Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann« (Üb. d. Fortschr. d. Met. S. 105). Alle Erkenntnis erfordert einen Begriff (Krit. d. rein. Vern. S. 120), zuletzt allgemeine oder Grundbegriffe (Kategorien, s. d.) als »transzendentale« Bedingungen. Erkenntnis ist ein Produkt der Spontaneität (s. d.) des Geistes, nicht passive Aufnahme gegebener Inhalte. Die »Synthesis der Apperzeption« (s. d.) ist die subjektive Quelle aller Erkenntnismöglichkeit. Aber alle menschliche Erkenntnis ist auf mögliche Erfahrung beschränkt, ist »sinnlich«. Innerhalb der Erfahrung gibt es ein Apriori, absolute Gewißheit (Üb. d. Fortschr. d. Met. S. 114). Aber nur das erkennen wir von den Dingen a priori, »was wir selbst in sie legen« (Kr. d. r. Vern. S. 18; vgl. Gesetz). Nur Erscheinungen, nicht die »Sache an sich« wird von uns erkannt. »Das Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als sofern diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinen Gegenstand als Dinge an sich selbst, sondern nur sofern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teile der Kritik bewiesen, woraus denn freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße Gegenstände der Erfahrung folgt« (l.c. S. 23). Erkennbare Dinge sind Sachen der Meinung, Tatsachen oder Glaubenssachen. Gegenstände von Vernunftideen (s. d.) sind nicht positiv erkennbar (Krit. d. r. Urt. § 91). - Nach KRUG heißt etwas erkennen, »einen gegebenen Gegenstand als einen bestimmten Gegenstand vorstellen«. Erkenntnis besteht in der »bestimmten Beziehung unserer Vorstellungen auf gegebene Gegenstände« (Fundamentalphilos. S. 179). Nach KIESEWETTER heißt etwas erkennen, »seine Vorstellungen auf ein Objekt beziehen« (Gr. d. Log. S. 73). Nach REINHOLD kommt Erkenntnis durch Verbindung von Form und Stoff des Vorstellens zustande. Der »Satz des Bewußtseins« (s. d.) ist die Urtatsache aller Erkenntnis. FRIES bestimmt die Erkenntnis als »Vorstellung vom Dasein eines Gegenstandes, oder von dem Gesetze, unter dem das Dasein der Dinge steht« (N. Krit. I, 65). Jede Erkenntnis enthält eine Assertion (Behauptung). Erkenntnisse sind die »behauptenden, assertorischen Vorstellungen« (Syst. d. Log. S. 32 f.). Drei Erkenntnisarten gibt es: »Die historische oder empirische Erkenntnis ist... die aus den Sinneswahrnehmungen entspringende Erkenntnis von den Tatsachen über das Dasein der einzelnen Dinge; die mathematische Erkenntnis ist die aus den Gesetzen der reinen Anschauung entspringende Erkenntnis von den Gesetzen der Größe; die philosophische Erkenntnis ist die, deren wir uns nur mit Hülfe der Reflexion bewußt werden« (l.c. S. 319). TENNEMANN erklärt: »Erkennen ist die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes, oder Bewußtsein einer Vorstellung und ihrer Beziehung auf etwas Bestimmtes, von der Vorstellung Verschiedenes« (Gr. d. Gesch. d. Philos.3, S. 26). S. MAIMON leitet die Erkenntnis aus dem Denken ab, dessen oberstes Prinzip der Satz des Widerspruches ist (Vers. üb. d. Transcend. S. 173 ff.). TIEDEMANN: »Vorstellungen, Begriffe. Ideen und Urteile, auf Empfindungen und Gegenstände der Empfindungen bezogen, das ist angenommen, daß jedes unter ihnen gewisse Dinge in der Empfindung bezeichnet und allemal sicher uns auf sie hinweist, heißen Erkenntnisse« (Theaet. S. 9).

BARDILI sieht im Erkennen ein Verarbeiten des Gegebenen durch das Denken, es führt zu einem »wahren, notwendigen, ewigen und unwandelbaren Sein, dessen innerste Natur eine rein geistige ist und von deren wirklichen Verhältnissen die Vorstellungswelt eine Spiegelung ist« (Gr. d. erst. Log. S. 92). Nach JACOBI ist die Erkenntnis der Innen- und Außenwelt eine unmittelbare (WW. II, 161). Der Erkenntnisprozess ist das Resultat »lebendiger und tätiger« Vermögen der Seele (l.c. S. 272). Der Glaube (s. d.) der Vernunft erfaßt die Wahrheit der Dinge. G. E. SCHULZE erklärt: »Jede Erkenntnis... enthält, als solche, eine doppelte Beziehung, nämlich auf das erkennende Ich (das Subjekt im Bewußtsein) und auf das dadurch Erkannte (das Objekt). In der ersten Beziehung genommen, ist sie eine besondere Bestimmung der Äußerung der Erkenntniskraft... Nach der zweiten Beziehung genommen oder betrachtet, weiset sie das erkennende Ich auf etwas hin, das von der Geistestätigkeit, woraus sie besteht, verschieden ist« (Gr. d. allg. Log.3, S. 157). »Erkenntnismasse« ist »jede Vielheit ungeordneter und unverbundener Einsichten« (l.c. S. 149).

Die systematischen Philosophen nach Kant wenden den Kritizismus (s. d.) ins Rationalistische; die Erkenntnis gilt ihnen als Produkt der aus sich schöpfenden Denkkraft und zugleich als Erfassung des wahren Seins, mag dieses idealistisch oder realistisch bestimmt werden. Andere Philosophen betonen wieder mehr den Anteil der Erfahrung an der Erkenntnis. Dazu kommen verschiedene (realistische und idealistische) Formen des Empirismus. Von einigen Denkern wird die biologische Bedeutung der Erkenntnis betont.


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