Erkenntnis - Antike: Heraklit, Platon, Aristoteles


Die Erkenntnis des »Gleichen durch das Gleiche« (im Subjekte) behaupten schon die Upanishads. So auch PYTHAGORAS (hypo tou homoiou to homoion katalambanesthai pephyken, Sext. Empir. adv. Math. VII, 92). Auch EMPEDOKLES: hê gnôsis tou homoiou tô homoiô (Sext. Empir. adv. Math. VII, 121; ARISTOTELES, Met. III 4, 1000 b 6); gaiê men gar gaian opôpamen, hydati d'hydôr, aithera d'aithera dian, atar pyri tyri pyr aidêlon, storgê de storgên, neikos de te neikei lygrô (ARISTOTELES, De anim. I 2, 404 b 13 squ.). HERAKLIT meint, das Bewegte werde durch das Bewegte, die Seele, erkannt (to de kinoumenon kinoumenô ginôskesthai, ARISTOTELES, De an. I 2, 405 a 27). Die aus alle Elementen bestehende Seele erkennt alles (phasi gar ginôskesthai to homoion tô homoiô. epeidê gar hê psychê panta gignôskei, synistasin autên ek pasôn tôn archôn, l.c. I 2, 405 b 15). Nach ANAXAGORAS erkennt die Seele durch Affektion von dem (ihr) Ungleichen (tois enantiois to gar homoion apathes hypo tou homoion, Theophr., De sens. 27, Dox. 507). PARMENIDES betont (wie HERAKLIT u. a.), daß nur das begriffliche Denken wahre Erkenntnis gewähre. Von der auf das Sein gerichteten Erkenntnis ist die auf das Nichtsein, auf den Schein gerichtete (empirische) Erkenntnis zu unterscheiden (dissên t'ephê tên philosophian tên men kat' alêtheian, tên de kata doxan,, Theophr., Phys. opin. fr. 6a Dox. 483). DEMOKRIT unterscheidet zwei Erkenntnisweisen, die »dunkle« Sinneserkenntnis der Erscheinungen, die »echte« Wirklichkeitserkenntnis durch das Denken: gnômês de dyo eisin ideai. hê men gnêsiê, hê de skotiê. kai skotiês men tade xympanta, opsis, akoê, odmê, geusis, psausis. hê de gnêsiê apokekrimenê de tautês... hotan hê skotiê mêketi dynêtai mête hor ên ep' elatton mête akouein mête odmasthai mête geuesthai mête en tê psausei aisthanesthai, all' epi leptoteron (Fr. 1, Mull. p. 206; Sext. Empir. adv. Math. VII, 135, 138 squ.). Von den phainomena muß man auf die adêla schließen (Sext. Empir. adv. Math. VII, 140). Die Wahrheit ist »in der Tiefe« (en bythô, Diog. L. IX, 72), in der Regel wissen wir nichts von der wahren Beschaffenheit der Dinge: hoti eteê ouden idmen peri oudenos, all' epirrhysmin hekastoisin hê doxis. ginôskein en aporô esti (Sext. Empir. adv. Math. VII, 137); hêmees de tô men eonti ouden atrekes xyniemen, metapipton de kata te sômatos diathigên kai tôn epeisiontôn kai tôn antisterizontôn (l.c. VII, 135 squ.); eteê men nyn, hoti hoion hekaston esti ê ouk estin, ou xyniomen, pollachê dedêlôtai (Fr. 1); dio Dêmokritos ge phêsin êtoi ouden einai alêthes ê hêmin g' adêlon ARISTOTELES, Met. IV 5, 1009 a 38).

Die Sophisten betonen die Subjektivität und Relativität aller Erkenntnis. So PROTAGORAS, dem der Mensch das Maß alles »Seienden« und »Nichtseienden« ist; die Dinge sind für jeden so, wie er sie auffaßt (pantôn chrêmatôn metron anthrôpos, Diog. L. IX, 51; panta einai hosa pasi phainetai, Sext. Empir. Pyrrh. hypot. I, 217). Das Wissen löst sich in Einzelwahrnehmungen auf (PLATO, Theaet. 160 D), alles ist Meinung (doxa, l.c. 179 C). GORGIAS bestreitet die Möglichkeit objektiver Erkenntnis; gäbe es selbst ein Sein, so wäre es agnôston kai anepinoêton; gäbe es Erkenntnis, so wäre sie (wegen der Subjektivität der Sprache) nicht mitteilbar (Sext. Empir. adv. Math. VII, 65, 77 squ.). Dagegen erklärt SOKRATES, es gibt objektive, allgemeingültige Erkenntnis, und zwar durch das begriffliche Denken, welches das »Was« jedes Dinges bestimmt (vgl. Begriff, Definition, Induktion).

Auch PLATO findet nur im Begriffe das wahre Erkennen: ar' oun ouk en tô logizesthai, eiper pou allothi, katadêlon autê gignetai ti tôn ontôn; nai (Phaedo 65 C). Der Gegenstand wahrer Erkenntnis ist das Sein, das Reich der Ideen (s. d.). Nur wenn die Seele oregêtai tou ontos, hat sie Erkenntnis (l.c. 65 C, 66 A, D, 67 B). Es gibt außer dieser wahren noch eine »Erkenntnis« des Nichtseienden, Werdenden (der Sinnendinge) und die mathematische Erkenntnis, die eine mittlere Stellung einnimmt (metaxy ti doxês ti doxês kai nou tên dianoian, tôn geômetrikôn... hexin, Republ. VI, 511 D; Tim. 27 D). Die epistêmê, noêsis des Seienden ist zu unterscheiden von der bloßen doxa das Werdende (Theaet. 210 A; Rep. V, 476 E squ., 534 A; Tim. 29 c). Erkenntnisweisen sind nous (noêsis) oder epistêmê, dianoia; pistis und eikasia als Formen der doxa (Republ. 509 squ., 533 squ.). Die höchste Erkenntnis (megiston mathêma) ist die Idee des Guten (l.c. 505 A squ.), die dem Geiste die Erkenntniskraft, den Dingen die Erkennbarkeit gibt (Republ. VI, 509 B). Die Erkenntnis der Ideen beruht auf anamnêsis (s. d.). Nach ARISTOTELES haben die Menschen einen natürlichen Erkenntnistrieb (pantes anthrôpoi tou eidenai o regontai physei, Met. I 1, 980 a 21). Die epistêmê ist von der aisthêsis des Veränderlichen wohl zu unterscheiden (Met. III 4, 999 b 2; De anim. II 5, 417b 23), wenn sie auch von ihr ausgeht. Wahre Erkenntnis bezieht sich auf das Allgemeine (katholou gar ai epistêmai pantôn Met. III 6, 1003 a 14), ist begrifflicher Art (logos, Met. IX 1, 1046 b 8), geht auf das Konstante, Notwendige, nicht aufs Akzidentielle, Zufällige (symbebêkos) (epistêmê men gar pasa tou aiei ontos ê hôs epi to poly, Met. XI 8, 1065 a D). Die vollendete Erkenntnis ist mit dem Erkannten eins (to d'auto estin hê kat' energeian epistêmê tô pragmati, De an. III 6, 431a 1; esti d' hê epistêmê men ta epistêta pôs,, l.c. 8, 431 b 22). Die letzten Prinzipien (s. d.) des Seienden erkennt die Vernunft durch sich selbst. Drei Richtungen des Erkennens gibt es, praktikê, poiêtikê, theôrêtikê (Met. VI 1, 1025 b 25). Die Stoiker leiten alle Erkenntnis aus der Erfahrung und deren begrifflichen Verarbeitung ab. Die Seele ist eine tabula rasa, der Mensch hat bei der Geburt die Seele hôsper chartên euergon eis apographên; eis touto mian ekastên chartên tôn ennoiôn enapographetai (Plac. IV, 11, 1, Dox. 400). EPIKUR gründet die Erkenntnis auf die Evidenz (enargeia) der Sinneswahrnehmung. Die Skeptiker (s. d.) bezweifeln die Möglichkeit objektiver Erkenntnis. Ein übersinnliches Erkennen kommt nach PLOTIN der Seele durch sich selbst zu, indem sie das Übersinnliche selbst in gewisser Weise ist, das in ihr der Potenz nach Ruhende zur geistigen Wirklichkeit entfaltet, bewußt macht (Enn. IV, 2, 3). Die Erkenntnis kommt nicht durch »Abdrücke« der Dinge in der Seele zustande (Enn. IV, 6, 1). Im Zustande der Ekstase (s. d.) erkennt der Geist unmittelbar das Göttliche und sich in ihm. Nach GALEN erkennt der Verstand gewisse Wahrheiten (archai logikai, mathematische Axiome, Kausalitätsprinzip u. dgl.) aus sich selbst, ohne Beweis (De opt. disc. C. 4; De Hipp. et Plat. IX, 7; Therap. meth. I, 4; vgl. ZELLER, Phil. d. Griech. III, 13, 825).


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