Erscheinung - Demokrit, Plato, Leibniz


DEMOKRIT sieht in den sinnlichen Eigenschaften der Dinge (Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Wärme) Erscheinungen, Wirkungen der Atomeigenschaften auf die Seele (s. Atom, Qualität). Aus den phainomena ist auf die adêla (die verborgenen Faktoren) zu schließen (Sext. Empir. adv. Math. VII, 140; so auch ANAXAGORAS). In einigen Eigenschaften (Ausdehnung u.s.w.) gleichen die Dinge an sich (Atome) den Erscheinungen. Nach PROTAGORAS erkennen wir die Dinge stets nur so, wie sie uns gerade erscheinen (vgl. Plat., Theaet. 157 A). ARISTIPP lehrt, wir wüßten nur um Bewußtseinserscheinungen: ta pathê kai tas phantasias en hautois tithentes ouk ôonto tên apo toutôn pistin einai diarkê pros tas hyper tôn pragmatôn katabebaiôseis (Plut. Adv. Colot. 24); mona ta pathê katalêpta (Sext. Empir. Pyrrh. hypot. I, 215; Diog. L. II, 92). »Praeter permotiones intimas nihil putant esse indicii« (CICERO, Acad. II, 46, 142) PLATO sieht in den Sinnesobjekten Erscheinungen der wahren, seienden Welt von Ideen (s. d.) (Theaet. 13). ARISTOTELES versteht unter phainomenon das sinnenfällig Gegebene (Met. IV 5, 1010b 1). Nicht alles Erscheinende ist wirklich (Met. IV 6, 1011 a 19). Im Traume z.B. erscheint etwas, ohne wirklich zu sein (De an. III 3, 428 a 7, III 3, 428 b 1 squ.). CHRYSIPP unterscheidet die Erscheinung vom Ding an sich (Sext. Empir. adv. Math. VIII, 11; Pyrrhon. hypot. II, 7). Nach PLOTIN ist die sinnliche Welt die Erscheinung der intelligiblen (s. d.), geistigen Welt, des Reiches der Ideen und deren Einheit, des nous (S. Geist).

Ähnlich auch die Gnostiker (s. d.). AUGUSTINUS nennt die Offenbarungen »Dei apparitiones« (De trin. III, p. 867 f.). SCOTUS ERIUGENA erklärt: »Deum... intellectuali creaturae mirabili modo apparere« (Div. nat. I, 10, p. 450 A). Die Sinnenwelt ist nur Erscheinung einer geistigen Wirklichkeit (»iste mundus sensibus apparens«, l.c. I, 30). »Omne enim, quod intelligitur et sentitur, nihil aliud est, nisi apparentis apparitio, occulti manifestatio« (l.c. III, 4). »Omnia siquidem, quae locis temporibusque variantur, corporeis sensibus succumbunt, non ipsae res substantiales vereque existentes, sed ipsarum rerum vere existentium quaedam transitoriae imagines et resultationes intelligenda sunt« (l.c. V, 25). Bei Scholastikern, z.B. PETRUS AUREOLUS, heißt »esse apparens« des Dinges, das Sein des Dinges im Bewußtsein, im »mentis conceptus sive notitia obiectiva« (vgl. PRANTL, G. d. Log. III, 323). Nach WILHELM VON OCCAM sind die Qualitäten (s. d.) der Dinge nur Zeichen der Wirklichkeit. G. BIEL nennt »apparentia« jede »veram speciem seu ostensionem« (IV dist. 1, 1). GOCLENIUS unterscheidet: »apparentia vera - inanis (phantastikê)«, »interior - exterior«. »Apparentia seu dokêsis veritati opponitur« (Lex. phil. p. 110 f.). Nach G. BRUNO ist die Vielheit (s. d.) der Dinge Erscheinung des Einen, Ewigen (De la causa V).

Nach GASSENDI sind »apparentiae« die »phantasiae« (Exerc. II, 6). »Secundam naturam - secundam apparentiam« wird unterschieden. HOBBES versteht unter Erscheinungen (»phaenomena«) Bewußtseinstatsachen, Prinzipien des Erkennens (De corp. 25, 1). Erscheinungen sind die Empfindungen (s. d.), die als »phantasmata« (s. d.) bezeichnet werden, die Sinnesqualitäten (ausgenommen Bewegung und Größe, die auch real sind), auch der Raum (s. d.). Es sind Bilder, die sich auf Objekte beziehen (l.c. 10). Als ein Äußeres erscheint jedes Bild infolge eines »conatus« des Empfindenden (l.c. 2). Die Subjektivität der Sinnesqualitäten betont DESCARTES, ferner LOCKE, welcher bemerkt, bei anderer Organisation der Sinne würde uns die Welt anders erscheinen (Ess. II, ch. 23, § 12). Nach COLLIER und BERKELEY sind die Körper nur Vorstellungen, Erscheinungen (»appearances in the soul or mind«), die von Gott uns aufgenötigt werden, so daß sie uns als wirkliche Dinge (s. d.) gelten (Princ. XXXIII). Alles Sein ist Vorgestelltsein, »esse = percipi« (l.c. XXXIV). Nach HUME kennen wir nur die Wirkungen der Körper auf die Sinne, die Impressionen (Treat. II, sct. 5). Raum und Zeit sind Arten, wie die »impressions« erscheinen (»appear to the mind«), Ordnungen derselben (l.c. sct. 3). CONDILLAC und BONNET unterscheiden Erscheinung und »Ding an sich« (s. d.).

LEIBNIZ prägt den Begriff der objektiven, »wohlbegründeten Erscheinung« (»phaenomenon bene fundatum«). Die »phaenomena realia« sind von den »ph. imaginaria« wohl zu unterscheiden. Die Körper mit ihren Qualitäten (s. d.) und mit dem Raum (s. d.) sind Erscheinungen einer geistigen Welt von Monaden (s. d.). Dem Materiellen, Räumlichen entspricht etwas (Kraft, Ordnung) in den Dingen an sich. CHR. WOLF bestimmt: »Phaenomenon dicitur quicquid sensui obvium confuse percipitur« (Cosmol. § 225). Und BAUMGARTEN: »Das Wahrzunehmende (phaenomenon, observabile) ist dasjenige, was wir durch unsere Sinne (verworrener) erkennen können« (Met. § 307).


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