Zufall - Aristoteles, Hobbes, Schelling


Nach ARISTOTELES ist tychê die Ursache von allem, was aus einer beabsichtigten Handlung unbeabsichtigt entsteht: hê tychê aitia kata symbebêkos en tois kata proairesin heneka tou (Phys. II, 5. vgl. II, 6: to automaton kai hê tychê, aitia hôn an ê nous genoito aitios ê physis, hotan kata symbebêkos aition ti genêtai toutôn autôn). Die tychê bezieht sich auf die prakta (l. c. II 6, 197 b 3), das automaton hingegen gilt für das Geschehen überhaupt (l. c. II 6, 197 b 19 squ.). Das logisch Zufällige, Akzidentielle (s. d.) ist das nur im einzelnen, nicht begrifflich-allgemein Bestehende. Daß der Zufall nur ein Ausdruck für unsere Unkenntnis der Ursachen sei (hêmin men automaton, aitia d' ouk automaton: HIPPOKRATES?), betonen die Stoiker (Plac. philos. I, 29. vgl. Aristot., Phys. II, 4. Stob. Ecl, I 6, 218). Einen Zufall anerkennen die Epikureer (s. Atom. vgl. LUCREZ, De rer. nat. II, 216 squ.). - Nach BOËTHIUS besteht der Zufall bloß darin, »daß durch eine auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Tätigkeit ein ganz unerwarteter, durch verschiedene selbständig zusammentreffende Ursachen bewirkter Effekt erzielt wird« (De consol. philos. V).

Ähnlich die Scholastiker. Nach THOMAS ist »contingens«, »quod potest esse et non esse« (Sum. th. I, 86, 3 c). Auf den absoluten Willen Gottes führt den Zufall DUNS SCOTUS zurück. Nach G. PLETHON beruht das Zufällige auf dem Zusammentreffen verschiedener Ursachen. Nach CAMPANELLA beruht die Kontingenz auf dem Teilhaben der Dinge am »non-ens« und der »impotentia« (Univ. philos. III, 2).

Nach HOBBES beruht der Zufall auf unserer Unkenntnis der Ursachen. So bemerkt auch SPINOZA: »Res aliqua nulla alia de causa contingens dicitur nisi respectu defectus nostrae cognitionis« (Eth. I, prop. XXXIII, schol. 1). Die Vernunft erkennt alles als notwendig (s. d.). »Res singulares voco contingentes, quatenus, dum ad causas, ex quibus produci debent, attendimus, nescimus, an ipsae determinatae sint ad easdem producendum« (Eth. IV, def. III). Ähnlich lehrt LEIBNIZ (Theod. II, Anh. II, § 2). HUME erklärt ähnlich: »Thongh there be not such a thing as change in the world, our ignorance of the real cause of any event has the same influence on the understanding« (Vgl. Treat. III, sct. 11. vgl. S. 172f., 178f.). DESTUTT DE TRACY bemerkt: »Nous appellons contingens les effets dont nous voyons la cause sans voir l'enchaînement des causes de cette cause« (Élém. d' idéol. III, ch. 8, p. 356). - Nach CHR, WOLF ist dasjenige zufällig, »davon das Entgegengesetzte auch sein kann, oder dem das Entgegengesetzte nicht widerspricht« (Vern. Ged. I, § 175. vgl. § 663 ff.. Ontolog. § 309 f.). Nach PLATNER ist zufällig »alles das, dessen Möglichkeit, nicht aber Wirklichkeit gegründet ist in dem Geschlecht oder Wesen eines Dinges« (Philos. Aphor. 1, § 1005. vgl. FEDER, Log. u. Met. S. 234). Nach MENDELSSOHN nennt man Zufall das Zusammentreffen von »Begebenheiten, die auf- oder nebeneinander folgen, ohne daß die eine die andere unmittelbar hervorgebracht« (Morgenst. I, 11, S. 179 f.. vgl. I, 16, S. 284 ff.). Nach GARVE ist Zufall ein »Zusammenfluß von Ursachen, die wir nicht auseinandersetzen können« (Samml. ein. Abhandl. I, 131). - KANT bestimmt: »Zufällig, im reinen Sinne der Kategorie, ist das, dessen kontradiktorisches Gegenteil möglich ist« (Krit. d. rein. Vern. S. 380). Das »Bedingte im Dasein überhaupt« heißt zufällig (Krit. d. Urt.).

Nach SCHELLING ist das erste Seiende, als nicht determiniert, zugleich »das erste Zufällige (Urzufall)« (WW. I 10, 101. vgl. II 2, 153). HEGEL bestimmt die Zufälligkeit als die »Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit« (Log. II, 205). Was nicht restlos in den Begriff eingeht, ist das Zufällige. »Die Zufälligkeit und Bestimmbarkeit von außen hat in der Sphäre der Natur ihr Recht.« »Es ist die Ohnmacht der Natur, die Begriffsbestimmungen nur abstrakt zu erhalten und die Ausführung des Besondern äußerer Bestimmbarkeit auszusetzen« (Naturphilos. S. 36 f.. vgl. K. FISCHER, Log. u. Met.2, S. 387). Nach BOLZANO ist zufällig ein Gegenstand, wenn er ist, ohne doch notwendig zu sein (Wissenschaftslehre II, § 182, S. 230). Vgl. K. ROSENKRANZ, Wissensch. d. log. Idee I, 439.


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