Ding-an-sich - Fichte, Schelling, Hegel


Die Annahme von Dingen an sich zugleich mit der Behauptung der Subjektivität der Kategorien, welche ein »Ding« erst konstituieren, wird von einer Reihe von Philosophen beanstandet oder korrigiert. So von JACOBI. Nach ihm können Dinge an sich nicht auf uns einwirken, da die Kausalität nur für Erscheinungen gilt (WW. II, 301 f.). Ohne die Voraussetzung von Dingen an sich kommt man nicht in das Kantsche System hinein, und mit ihr kann man nicht darin bleiben (l.c. S. 304). Ganz ähnlich argumentiert G. E. SCHULZE. (Aenesid. S. 262). BECK will den Begriff des »Dinges an sich« eliminieren, das Subjekt wird nicht durch dasselbe, sondern durch die Erscheinungsobjekte afficiert (Erl. Ausz. III). Auch S. MAIMON setzt die »Affektion« ins Bewußtsein selbst und negiert das Ding an sich. Mit diesem Idealismus macht J. G. FICHTE vollkommen Ernst. Nach ihm ist der Gedanke des »Dinges an sich« ein Ungedanke; das Ding ist so, wie es von jedem Intellekte gedacht werden muß. Kein Objekt ohne Subjekt - daher kein Ding an sich (Gr. d. g. Wiss. S. 131). Das Ding ist ein Setzungsprodukt des Ich (s. d.), praktisch so, wie wir es machen sollen (l.c. S. 275). Doch kann Fichte den »Anstoß« nicht beseitigen, der uns nötigt, Objekte anschaulich-begrifflich zu setzen. - SCHELLING erklärt die Dinge an sich für »Ideen in dem ewigen Erkenntnisart« (Naturphil. S. 70). Es gibt wohl ein Erstes, für sich Unerkennbares, aber es gibt kein Ding an sich, das Ding mit den subjectiven Bestimmungen ist das wahre Ding (WW. I 10, 216). HEGEL sieht im »Ding an sich« ein Abstraktionsprodukt aus der Reflexion auf die Dingheit. Es ist »das Existierende als das durch die aufgehobene Vermittlung vorhandene wesentlich Unmittelbare« (Log. II, 125). Das An-sich der Dinge ist nicht unerkennbar, es ist »Idee« (s. d.). K. ROSENKRANZ: »Das sogenannte Ding an sich ist... ein bloßes Abstractum«, weil jedes Ding nur in seinen Bestimmtheiten Existenz hat (Syst. d. Wiss. S. 61). »Das wahrhafte Ding an sich sind die Unterschiede, welche das Wesen in seine Existenz setzt« (ib.). Nach CHALYBÄUS ist der Begriff des Ding an sich der, daß es das »andere« jedes subjektiven Begriffs ist (Specul. Philos. seit Kant4, S. 92). Die Unerkennbarkeit des »Ding an sich« betonen in abgestufter Weise die Kantianer und andere Denker. So V. COUSIN: »Nous savons qu' il existe quelque chose hors de nous, parceque nous ne pouvons expliquer nos perceptions sans les rattacher à des causes distinctes de nous-mêmes... Mais savons- nous quelque chose de plus? Nous ne savons pas ce que les choses sont en elles-mêmes« (Cours d'hist de la phil. 8meleç.). Ähnlich W. HAMILTON, J. ST. MILL (Log. I, 74), auch H. SPENCER, nach welchem das Absolute, Gott (s. d.) »unknowable« ist. A. LANGE sieht im Ding an sich einen »Grenzbegriff«, der notwendig aber völlig problematisch, ohne positiven Inhalt ist (Gesch. d. Mat. II3, 49). Wir kennen nur die Eigenschaften; das Ding selbst ist nur ein »Ruhepunkt für unser Denken«. O. LIEBMANN hält das Ding an sich, wie es bei Kant auftritt, für ein »Unding« (K. u. d. Epig. S. 45 ff.), für ein »hölzernes Eisen« (l.c. S. 27). Nach COHEN ist das Ding an sich ein bloßer »Grenzbegriff« (Kants Theor. d. Erf. S. 252). HELMHOLTZ hält unsere Erkenntnis für ein »Zeichensystem« unbekannter Verhältnisse der Dinge an sich (Tatsach. i. d. Wahrn. S. 39). SABATIER hält das »Ding an sich« für ein »Unding« (Religionsphilos. S. 295). E. LAAS hält die Frage nach den Dingen an sich, wegen der Relativität (s. d.) unseres Erkennens, für undiscutierbar (Id. u. pos. Erk. S. 458 f.). RIEHL hält nur die »Grenzen« der Dinge für erkennbar, d.h. die in unseren Anschauungs- und Denkformen zum Ausdruck gelangenden einfachen Verhältnisse derselben (Phil. Krit. II 1, 24). Von Idealisten und Positivisten wird das »Ding an sich« ganz eliminiert. So von der »Immanenzphilosophie« (s. d.). Nach HODGSON gibt es kein Ding an sich, »because there is no existence beyond consciousness« (Phil. of Reflect. I, 219). »Thing-in-itself is a word, a phrase, without meaning, flatus vocis«. »Everything is phenomnal« (l.c. p. 167, vgl. p. 213). SCHUPPE hält den Begriff des »Ding an sich« für einen »unmöglichen«. Etwas, das weder formal (mittelst der Kategorien) noch inhaltlich (nach Analogie der Wahrnehmung) gedacht werden darf, ist ein Nichtseiendes (Log. S. 14). -


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