Denken - Leclair, Condillac, Nietzsche


W. HAMILTON bestimmt das Denken als Bedingen (»to think is to condition«). ULRICI versteht unter Denken »die geistige Tätigkeit überhaupt« (Log. S. 4), es ist wesentlich »unterscheidende Tätigkeit, und zwar sich in sich selbst unterscheidend« (l.c. S. 13). Nach HARMS ist das Denken »eine reine, ihr Objekt nicht verändernde Tätigkeit« (Log. S. 87). Nach SPICKER ist Denken nichts als »die logische Verallgemeinerung der empirischen Einzelwahrnehmung« (K., H. u. B. S. 181). J. ST. MILL (Examin. P. 453), B. ERDMANN (Log. I, 1), HAGEMANN (Log. u. Noët. S. 22), W. JERUSALEM (Lehrb. d. Psychol., S. 103) bestimmen das Denken als Urteilen.

Nach LECLAIR sind Denken und Gedachtes nur eine »Abbreviatur für die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinstatsachen« (Beitr. S.16). Alles Denken ist Denken eines Seins (s. d.). Nach SCHUPPE gehört es zum Denken, daß es »einen Inhalt oder Objekt hat«, sowie der »Anspruch, bloß dieser Inhalt wirklich Seiendes ist«. »Was eine rein subjektive Denktätigkeit ohne oder noch ohne Objekt... sein könnte, ist absolut unerfindlich« (Log. S. 7). Das Denken ist ein »Im-Bewußtsein-haben« ohne »subjektives Tun« (l.c. S. 35, 37), es besteht im Urteilen, d. h. es »nennt die Art des Zusammenseins der Daten« (ib.). SCHUBERT- SOLDERN: »Das Denken ist nur ein Denken der Welt, und die Welt ist nur in Denkbeziehungen gegeben, ohne welche sie reines Abstraktum ist« (Gr. e. Erk. S. 226, vgl. S. 155). Der Sensualismus (s. d.) betrachtet das Denken als eine Art Wahrnehmung oder Produkt von Empfindungen. Nach CAMPANELLA ist das Denken nur ein abgeblaßtes Wahrnehmen (»sentire languendum est et a longe«, Univ. philos. I, 4, 4). CONDILLAC betrachtet das Denken als Entwicklungsprodukt des Empfindens (»penser c'est sentir«). Die Empfindung wird von selbst Aufmerksamkeit, Urteil, Reflexion (Tr. d. sens. p. 38). Logisch ist das Denken »décomposition des phénomènes et composition des idées« (Log.). Nach CZOLBE sind alle Begriffe der empirischen Erkenntnis »aus Empfindungen und Gefühlen als ihren Merkmalen zusammengesetzt, oder anschauliche Begriffe«, »alles Denken ist ein Schauen, das Innere der körperlichen und geistigen Welt in seinen Prinzipien absolut durchsichtig oder begriffen« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 257). Nach NIETZSCHE beruht das Denken auf einem praktischen Instinct, es wurzelt im Lebenstrieb, im »Willen zur Macht« (WW. XV, 268, 270), ist biologisch wertvoll, ohne wahres Erkenntnismittel zu sein (l.c. 272 ff.). Es ist nur eine Fortsetzung und Umformung unserer Empfindungen. Gedanken sind nur der »Schatten unserer Empfindungen - immer dunkler, leerer, einfacher als diese« (WW. V, 187). Sie sind nur Symbole für die Wirklichkeit, zugleich sind sie Folgen von Triebbewegungen. Das bewußte Denken ist nur die Oberfläche des instinktiv-unbewußten Denkens. Das Denken ist, als Vorgang des Wählens, Auslesens, Bevorzugens, ein »moralisches Ereignis«, es beruht auf Wertschätzungen (WW. XI, 6, 250, 254 ff., 258, X, S. 194 f., XV, 356). Es birgt alle Irrtümer der Sprache (s. d.). Unser Denken ist nur ein »sehr verfeinertes, zusammenverflochtenes Spiel des Sehens, Hörens, Fühlens «, es ist Übung der Phantasie (WW. XI, 6, 233-235). Als eine Art Nachbild der Wahrnehmung betrachtet den Gedanken R. AVENARIUS (Kr. d. r. Erf. II, 77). E. MACH erblickt im Denken eine Fortsetzung der Wahrnehmungsvorgänge, es hat zunächst biologische Bedeutung, ist nur ein Teil des Lebens der Welt (Populärwiss. Vorles.3, S. 208), geht auf Vereinheitlichung, Vereinfachung, Beherrschung der Erfahrungen aus (s. Ökonomie).

Die Assoziationspsychologie (s. d.) anerkennt keine spontane Denktätigkeit, sondern sieht in allem Denken nur ein Spiel der Assoziationen, eine »zusammengesetzte« Assoziation. So ZIEHEN, welcher meint: »Wir können nicht denken, wie wir wollen, sondern wir müssen denken, wie die gerade vorhandenen Assoziationen bestimmen« (Leitfad. d. physiol. Psychol.2, S. 171). Die »Willkürlichkeit« des Denkens beruht nur darauf, daß das Denken von Bewegungsempfindungen begleitet wird (ib.). Ähnlich MÜNSTERBERG.

Der Intellektualismus (s. d.) sieht im Denken die primäre geistige Tätigkeit. Die Gefühlspsychologie leitet das Denken aus dem Gefühle (s. d.) ab als gesteigerte Energie u. dgl. So HORWICZ (Psychol. Analys. I, 258, II, 115 ff.) und TH. ZIEGLER. - Nach RIBOT ist das Denken schon der Beginn eines motorischen Prozesses, ein »commencement d'activité musculaire« (Psychol. de l'attent. p. 20; vgl. L'évolut. des idées générales 1897).


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