Home  Impressum  Copyright

I. [Das Werkzeug als das potenzierte Mittel, das Geld als das reinste Beispiel des Werkzeugs]


Ich habe oben erwähnt, daß keineswegs immer nur ein bereits feststehender Zweck die Vorstellung und Beschaffung der Mittel bedingt, daß vielmehr die Verfügung über Substanzen und Kräfte uns oft genug erst dazu anregt, uns gewisse, durch sie vermittelbare Zwecke zu setzen: nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels geschaffen hat, schafft das Mittel den Gedanken des Zweckes, in dem Werkzeug, das ich als die gesteigertste Art des Mittels bezeichnete, wird dies Verhältnis in eine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam chronische Form übergeführt. Während das Mittel in seiner gewöhnlichen und einfachen Gestalt sich an der Realisierung des Zweckes völlig ausgelebt hat, seine Kraft und sein Interesse als Mittel nach geleistetem Dienste einbüßt, ist es das Wesen des Werkzeugs, über seine einzelne Anwendung hinaus zu beharren, oder: zu einer im voraus überhaupt nicht feststellbaren Anzahl von Diensten berufen zu sein. Dies gilt nicht nur für tausend Fälle der täglichen Praxis, wofür es keines Beispiels bedarf, sondern auch in sehr komplizierten; wie oft sind militärische Organisationen, ausschließlich zu Werkzeugen äußerer Machtentfaltung bestimmt, in den Dienst innerpolitischer Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denen ihres Ursprungs völlig entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächst ein Verhältnis zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken gestiftet wurde, zum Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charakterisierter Inhalte aus; so daß man wohl sagen kann, jede dauernde Organisation zwischen Menschen - familiärer, wirtschaftlicher, religiöser, politischer, geselliger Art - hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden, zu denen sie von vornherein nicht bestimmt war. Nun liegt einerseits auf der Hand, daß ein Werkzeug - ceteris paribus - um so bedeutsamer und wertvoller sein wird, zu einer je größeren Anzahl von Zwecken es eventuell dienen kann, ein je größerer Kreis von Möglichkeiten seine Wirklichkeit umgibt; andrerseits, daß das Werkzeug in eben demselben Maß an sich indifferenter, farbloser, allem einzelnen gegenüber objektiver werden und in weiterer Distanz von jedem besonderen Zweckinhalt stehen muß. Indem das Geld als das Mittel schlechthin die letztere Bedingung in vollkommenem Maße erfüllt, gewinnt es aus dem ersteren Gesichtspunkt eine sehr gesteigerte Wichtigkeit. Man kann das zunächst so formulieren, daß der Wert des einzelnen Geldquantums über den Wert jedes einzelnen bestimmten Gegenstandes hinausragt, der dafür einzutauschen ist: denn es gewährt die Chance, statt dieses Gegenstandes irgendeinen ändern aus einem unbegrenzt großen Kreiße zu wählen. Freilich kann es schließlich nur für einen verwandt werden; aber die Möglichkeit der Wahl ist ein Vorteil, der im Werte des Geldes eskomptiert werden muß. Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgendeinem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke. Es ist dasjenige Werkzeug, in dem die Möglichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise überhaupt erreichbaren Wert gewonnen hat. Die bloße Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin aus, daß es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum Verwendetwerden drängt. Wie für wortarme Sprachen, z.B. die französische, gerade die Notwendigkeit, vielerlei verschiedenes mit demselben Ausdruck zu bezeichnen, eine besondere Fülle von Anspielungen, Beziehungen, psychologischen Obertönen ermöglicht, und man so sagen kann, ihr Reichtum bestünde gerade in ihrer Armut, so bewirkt die innere Bedeutungsleere des Geldes die Fülle seiner praktischen Bedeutungen, ja, drängt dahin, die begriffliche Unendlichkeit seines Bedeutungskreises mit fortwährenden Neubildungen zu erfüllen, der bloßen Form, die es darstellt, immer neue Inhalte einzubilden, da sie für keinen ein Haltepunkt, sondern für jeden nur ein Durchgang ist. Schließlich sind alle mannigfaltigsten Waren nur gegen den einen Wert: Geld -, das Geld aber gegen alle Mannigfaltigkeit der Waren umzusetzen. Gegenüber der Arbeit nimmt dies die besondere Form an, daß das Geldkapital fast immer von einer Verwendung auf eine andere - höchstens mit einem gewissen Verlust, oft aber mit Gewinn - übertragen werden kann, die Arbeit aber fast niemals, und zwar um so weniger, je höher sie sich über die unqualifizierte erhebt. Der Arbeiter kann seine Kunst und Geschicklichkeit so gut wie nie aus seinem Gewerbe herausziehen und in einem ändern investieren. In bezug auf Wahlfreiheit und ihre Vorteile steht er also dem Geldbesitzer ebenso benachteiligt gegenüber wie der Warenhändler. Deshalb ist der Wert einer gegebenen Geldsumme gleich dem Werte jedes einzelnen Objekts, dessen Äquivalent sie bildet, plus dem Werte der Wahlfreiheit zwischen unbestimmt vielen derartigen Objekten - ein Plus, für das es innerhalb des Waren oder Arbeitskreises kaum annähernde Analogien gibt.

Das so entstehende Wertplus des Geldes erscheint tiefer begründet und höher gesteigert, wenn man die Entscheidung erwägt, zu welcher diese Wahlchance sich in Wirklichkeit zuspitzt. Man hat hervorgehoben, daß ein mehrfach verwendbares, quantitativ aber nur zu einer seiner möglichen Verwendungen hinreichendes Gut nach dem Interesse geschätzt würde, das der Besitzer an der wichtigsten Verwendung hat; die Herbeiführung aller anderen, minder wichtigen Verwendungen gelte als unwirtschaftlich und unvernünftig. Wie also eine Gütermasse, die zu allen ihr möglichen Verwendungen zureicht oder mehr als zureicht - wo also das Gut um seine Verwendungen konkurriert - nach dem Maße der wertlosesten derselben geschätzt wird, so wird hier, wo die Verwendungen um das Gut konkurrieren, die wertvollste derselben zum Wertmaßstab für jenes Gut. Nirgends aber kann dies vollständiger und wirkungsvoller hervortreten als am Geld. Denn da es zu jeglicher wirtschaftlichen Beschaffung verwendbar ist, so kann man mit jeder gegebenen Summe das subjektiv bedeutendste aller im Augenblick in Frage kommenden Bedürfnisse decken. Die Wahl, die es bietet, ist nicht wie bei allen anderen Gütern spezifisch begrenzt; und, bei der Grenzenlosigkeit des menschlichen Wollens, konkurriert immer eine Vielzahl möglicher Verwendungen um jedes disponible Geldquantum; so daß, da die Entscheidung doch vernünftigerweise immer das je begehrteste Gut treffen wird, die Schätzung des Geldes in jedem gegebenen Moment gleich der des wichtigsten, momentan empfundenen Interesses sein muß. Ein Holzvorrat oder eine Baustelle, die nur zu einer unter verschiedenen erwünschten Verwendungen zureichen, und die deshalb nach der wertvollsten unter diesen geschätzt werden, können dennoch in ihrer Bedeutung nicht über die sozusagen provinzielle Beschränktheit ihres ganzen Gebietes hinausgehen; das Geld aber ist von einer solchen frei und sein Wert entspricht deshalb dem höchsten überhaupt vorhandenen Interesse, das mit der verfügbaren Summe ihrem Quantum nach zu decken ist.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 08:14:25 •
Seite zuletzt aktualisiert: 27.09.2004