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II. [Der Wert des Gegenstandes dadurch objektiviert, daß für ihn ein anderer hingegeben wird]

 

Das Entscheidende für die Objektivität des wirtschaftlichen Wertes, die das Wirtschaftsgebiet als selbständiges abgrenzt, ist das prinzipielle Hinausgehen seiner Gültigkeit über das Einzelsubjekt. Dadurch, daß für den Gegenstand ein anderer gegebenwerden muß, zeigt sich, daß derselbe nicht nur für mich, sondern auch an sich, d.h. auch für einen anderen etwas wert ist. An der wirtschaftlichen Form der Werte findet die Gleichung: Objektivität = Gültigkeit für Subjekte überhaupt - eine ihrer deutlichsten Rechtfertigungen. Durch die Äquivalenz, die überhaupt erst gelegentlich des Tausches ein Bewußtsein und Interesse erwirbt, wächst dem Wert der spezifische Charakterzug der Objektivität zu. Denn nun mag jedes der Elemente nur personaler Art oder nur subjektiv wertvoll sein - daß sie einander gleich sind, ist ein objektives, in keinem dieser Elemente für sich und doch nicht außerhalb beider liegendes Moment. Der Tausch setzt eine objektive Messung subjektiver Wertschätzungen voraus, aber nicht im Sinne zeitlichen Vorangehens, sondern so, daß beides in einem Akte besteht.

Man muß sich hier klarmachen, daß die Mehrzahl der Beziehungen von Menschen untereinander als Tausch gelten kann; er ist die zugleich reinste und gesteigertste Wechselwirkung, die ihrerseits das menschliche Leben ausmacht, sobald es einen Stoff und Inhalt gewinnen will. Zunächst wird schon oft übersehen, wie vieles, das auf den ersten Blick eine bloß einseitig ausgeübte Wirkung ist, tatsächlich Wechselwirkung einschließt: der Redner scheint der Versammlung, der Lehrer der Klasse, der Journalist seinem Publikum gegenüber der allein Führende und Beeinflussende zu sein; tatsächlich empfindet jeder in solcher Situation die bestimmende und lenkende Rückwirkung der scheinbar bloß passiven Masse; für politische Parteien gilt allenthalben das Wort: »ich bin ihr Führer, also muß ich ihnen folgen«; ja, ein hervorragender Hypnotiseur hat neulich betont, daß bei der hypnotischen Suggestion - offenbar doch dem entschiedensten Falle reiner Aktivität von der einen, unbedingter Beeinflußtheit von der anderen Seite - eine schwer beschreibliche Wirkung des Hypnotisierten auf den Hypnotiseur stattfände, ohne die der Effekt nicht erreicht würde. Jede Wechselwirkung aber ist als ein Tausch zu betrachten: jede Unterhaltung, jede Liebe (auch wo sie mit andersartigen Gefühlen erwidert wird), jedes Spiel, jedes Sichanblicken. Und wenn der Unterschied zu bestehen scheint, daß man in der Wechselwirkung gibt, was man selbst nicht hat, im Tausch aber nur, was man hat - so hält dies doch nicht stand. Denn einmal, was man in der Wechselwirkung ausübt, kann immer nur die eigene Energie, die Hingabe eigener Substanz sein; und umgekehrt, der Tausch geschieht nicht um den Gegenstand, den der andere vorher hatte, sondern um den eigenen Gefühlsreflex, den der andere vorher nicht hatte; denn der Sinn des Tausches: daß die Wertsumme des Nachher größer sei als die des Vorher - bedeutet doch, daß jeder dem anderen mehr gibt, als er selbst besessen hat. Freilich ist Wechselwirkung der weitere. Tausch der engere Begriff; allein in menschlichen Verhältnissen tritt die erstere ganz überwiegend in Formen auf, die sie als Tausch anzusehen gestatten. Unser natürliches Schicksal, das jeden Tag aus einer Kontinuität von Gewinn und Verlust, Zufließen und Abströmen der Lebensinhalte zusammensetzt, wird im Tausch vergeistigt, indem nun das eine für das andere mit Bewußtsein gesetzt wird. Derselbe geistig- synthetische Prozeß, der überhaupt aus dem Nebeneinander der Dinge ein Mit- und Füreinander schafft; dasselbe Ich, das, die sinnlichen Gegebenheiten innerlich durchströmend, ihnen die Form seiner eigenen Einheit einbaut - hat mit dem Tausch jenen naturgegebenen Rhythmus unserer Existenz ergriffen und seine Elemente zu einer sinnvollen Verbundenheit organisiert. Und zwar wird gerade dem Tausch wirtschaftlicher Werte die Färbung des Opfers am wenigsten erspart bleiben. Wo wir Liebe um Liebe tauschen, wüßten wir mit der darin offenbarten inneren Energie sonst nichts anzufangen; indem wir sie hingeben, opfern wir - von äußeren Betätigungsfolgen abgesehen - keinerlei Nutzen auf; wenn wir in der Wechselrede geistige Inhalte mitteilen, so nehmen diese darum nicht ab; wenn wir unserer Umgebung das Bild unserer Persönlichkeit darbieten, indem wir das der anderen in uns aufnehmen, so vermindert dieser Austausch unseren Besitz unser selbst in keiner Weise. Bei all diesen Tauschen geschieht die Wertvermehrung nicht durch Aufrechnung von Gewinn und Verlust, sondern der Beitrag jeder Partei steht entweder ganz jenseits dieses Gegensatzes, oder es ist an sich schon ein Gewinn, ihn nur hingeben zu dürfen, so daß wir die Erwiderung als ein, trotz unserer eigenen Gabe, unverdientes Geschenk empfinden; wogegen der wirtschaftliche Tausch - mag er Substanzen oder Arbeit oder in Substanzen investierte Arbeitskraft betreffen - immer das Opfer eines auch anderweitig nutzbaren Gutes bedeutet, so sehr auch im Endresultat die eudämonistische Mehrung überwiege.

 


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