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I. [Die Wirtschaft als Distanzierung (durch Mühen, Verzicht, Opfer) und gleichzeitige Überwindung derselben]

 

Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil die objektivierende Wirkung dessen, was ich die Distanzierung nenne, an einem zeitlichen Abstand besonders anschaulich wird. Der Vorgang ist natürlich ein intensiver und qualitativer, so daß die quantitative Bezeichnung durch eine Distanz eine bloß symbolische ist. Es kann deshalb der gleiche Effekt durch eine Reihe anderer Momente hervorgerufen werden, wie es sich tatsächlich schon gezeigt hat: durch die Seltenheit des Objekts, durch die Schwierigkeit der Erlangung, durch die Notwendigkeit des Verzichtes. Mag nun in diesen, für die Wirtschaft wesentlichen Fällen die Bedeutsamkeit der Dinge immer eine Bedeutsamkeit für uns und deshalb von unserer Anerkennung abhängig bleiben - die entscheidende Wendung ist doch, daß sie uns nach diesen Entwicklungen wie Macht zu Macht gegenüberstehen, eine Welt von Substanzen und Kräften, die durch ihre Eigenschaften bestimmen, ob und inwieweit sie unsere Begehrungen befriedigen, und die Kampf und Mühsal von uns fordern, ehe sie sich uns ergeben. Erst wenn die Frage des Verzichtes auftaucht - des Verzichtes auf eine Empfindung, auf die es doch schließlich ankommt - ist Veranlassung, das Bewußtsein auf den Gegenstand derselben zu richten. Der Zustand, den die Vorstellung des Paradieses stilisiert, und in dem Subjekt und Objekt, Begehrung und Erfüllung noch nicht auseinandergewachsen sind - ein Zustand nicht etwa einer historisch abgegrenzten Epoche, sondern ein allenthalben und in sehr mannigfachen Graden auftretender -, ist freilich zur Auflösung bestimmt, aber eben damit auch wieder zur Versöhnung: der Sinn jener Distanzierung ist, daß sie überwunden werde. Die Sehnsucht, Bemühung, Aufopferung, die sich zwischen uns und die Dinge schieben, sind es doch, die sie uns zuführen sollen. Distanzierung und Annäherung sind auch im Praktischen Wechselbegriffe, jedes das andere voraussetzend und beide die Seiten der Beziehung zu den Dingen bildend, die wir, subjektiv, unser Begehren, objektiv, ihren Wert nennen. Den genossenen Gegenstand freilich müssen wir von uns entfernen, um ihn wieder zu begehren; dem fernen gegenüber aber ist dies Begehren die erste Stufe der Annäherung, die erste ideelle Beziehung zu ihm. Diese Doppelbedeutung des Begehrens: daß es nur bei einer Distanz gegen die Dinge entstehen kann, die es eben zu überwinden strebt, daß es aber doch irgendein Nahesein zwischen den Dingen und uns schon voraussetzt, damit die vorhandene Distanz überhaupt empfunden werde - hat Plato in dem schönen Worte ausgesprochen, daß die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben sei. Die Notwendigkeit des Opfers, die Erfahrung, daß das Begehren nicht umsonst gestillt wird, ist nur die Verschärfung oder Potenzierung dieses Verhältnisses: sie bringt uns die Entfernung zwischen unserem gegenwärtigen Ich und dem Genuß der Dinge zum eindringlichsten Bewußtsein; aber eben dadurch, daß sie uns auf den Weg zu ihrer Überwindung führt. Diese innere Entwicklung zu dem gleichzeitigen Wachstum von Distanz und Annäherung tritt deutlich auch als historischer Differenzierungsprozeß auf. Die Kultur bewirkt eine Vergrößerung des Interessenkreises, d.h., daß die Peripherie, in der die Gegenstände des Interesses sich befinden, immer weiter von dem Zentrum, d.h. dem Ich, abrückt. Diese Entfernung ist aber nur durch eine gleichzeitige Annäherung möglich. Wenn für den modernen Menschen Objekte, Personen und Vorgänge, die hundert oder tausend Meilen von ihm entfernt sind, vitale Bedeutung besitzen, so müssen sie ihm zunächst näher gebracht sein als dem Naturmenschen, für den dergleichen überhaupt nicht existiert; daher stehen sie für diesen überhaupt noch jenseits der positiven Bestimmungen: Nähe und Entfernung. Beides pflegt sich erst in Wechselwirkung aus jenem Indifferenzzustand heraus zu entwickeln. Der moderne Mensch muß ganz anders arbeiten, ganz andere Bemühungsintensitäten hingeben als der Naturmensch, d.h. der Abstand zwischen ihm und den Gegenständen seines Wollens ist außerordentlich viel weiter, viel härtere Bedingungen stehen zwischen beiden; aber dafür ist das Quantum dessen, was er sich ideell, durch sein Begehren, und real, durch seine Arbeitsopfer, nahe bringt, ein unendlich viel größeres. Der Kulturprozeß - eben der, der die subjektiven Zustände des Triebes und Genießens in die Wertung der Objekte überführt - treibt die Elemente unseres Doppelverhältnisses von Nähe und Entfernung den Dingen gegenüber immer schärfer auseinander.

 


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