Die Insel


Nordsee

 

I

 

Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,

und alles wird auf allen Seiten gleich;

die kleine Insel draußen aber hat

die Augen zu; verwirrend kreist der Deich

 

um ihre Wohner, die in einen Schlaf

geboren werden, drin sie viele Welten

verwechseln, schweigend; denn sie reden selten,

und jeder Satz ist wie ein Epitaph

 

für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,

das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.

Und so ist alles was ihr Blick beschreibt

 

von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,

zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,

das ihre Einsamkeit noch übertreibt.

 

 

II

 

Als läge er in einem Krater-Kreise

auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,

und drin die Gärten sind auf gleiche Weise

gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt

 

von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht

und tagelang sie bange macht mit Toden.

Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht

in schiefen Spiegeln was auf den Kommoden

 

Seltsames steht. Und einer von den Söhnen

tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen

aus der Harmonika wie Weinen weich;

 

so hörte ers in einem fremden Hafen -.

Und draußen formt sich eines von den Schafen

ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.

 

 

III

 

Nah ist nur Innres; alles andre fern.

Und dieses Innere gedrängt und täglich

mit allem überfüllt und ganz unsäglich.

Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern

 

welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört

in seinem unbewußten Furchtbarsein,

so daß er, unerhellt und überhört,

allein

 

damit dies alles doch ein Ende nehme

dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn

versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan

der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 09.06.2005 
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