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Das »Gesetz« und die »ewige Wiederkunft«


Den Prüfstein für die Pflichtmäßigkeit einer Handlung findet Kant darin, daß der Handelnde das Prinzip, von dem sie geleitet wird, als ein allgemeines, schlechthin gültiges Gesetz wollen könne.

In der Versuchung zu lügen und zu stehlen, gegen den Entbehrenden hartherzig zu sein und die Kräfte der eigenen Persönlichkeit unentwickelt zu lassen - kann ich über die sittliche Zulässigkeit danach entscheiden, daß ich unmöglich eine Menschenwelt wollen kann, in der solche Maximen als Naturgesetze herrschten: sie würde sogleich an inneren Widersprüchen zugrunde gehen und grade um des egoistischen Interesses willen, aus dem der so Handelnde verfährt, kann er nicht wollen, daß allgemein, also auch gegen ihn, so gehandelt würde.

Dieses selbe Kriterium ist es, das, nur nach einer andern Richtung orientiert, sich aus Nietzsches wunderlichster Lehre, der »ewigen Wiederkunft« erhebt. Wenn der Weitprozeß, so lehrt er, sich in einer unendlichen Zeit an einer endlichen Masse von Kräften und Stoffen abspielt, so müssen alle, aus diesen herstellbare Kombinationen sich in einer endlichen Zeit, wie lang diese auch sei, erschöpfen; dann muß ersichtlich das Spiel von neuem anfangen und dem Kausalgesetz gemäß eben jene Kombinationen in der genau gleichen Reihenfolge wiederholen und so fort ins Unendliche; wobei, angesichts der Kontinuität des Weltgeschehens, jeder beliebige Augenblick seiner als ein solcher betrachtet werden kann, in dem eine schließende und eine beginnende Weltperiode zusammentreffen.

So ist also der Inhalt jedes Momentes, jeder Mensch mit allem, was er lebt, schon unendliche Male dagewesen und wird unendliche Male, in absolut identischer Wiederholung, wiederkehren.

Als eine sachliche Behauptung ist dies von allen Seiten anzugreifen.

Daß die Elemente der Welt nur in endlicher Masse existieren, ist eine willkürliche Annahme, daß es zwischen endlichen Elementen nicht unendlich viele Kombinationen geben könnte, ist falsch.

Aber eine Äusserung aus der Zeit des ersten Auftauchens der Lehre verrät ihren eigentlichen Sinn:

»Wie, wenn dir eines Tages ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und sagte: "Dieses Leben, wie du es bis jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muß dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht - und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!"

Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei allem und jedem: "Willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?" würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!

Oder wie müßtest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung!«

Die endlose Wiederholung unseres Verhaltens wird ihm zum Kriterium, an dem uns dessen Wert oder Unwert zum Bewußtsein kommen soll.

Was als auf den Moment beschränkte Handlung unwesentlich erscheint und - von dem Gefühl aus: vorbei ist vorbei - leichtsinnig aus dem Gewissen geschoben werden würde, erhält nun ein furchtbares Gewicht, einen nicht überhörbaren Akzent, sobald ihm ein unaufhörliches »Nocheinmal« und »Nocheinmal« bevorsteht.

Gewiß wird die Handlung in ihrem inneren Wesen durch die unaufhörliche Rekapitulation nicht geändert; allein wie unter einem Vergrößerungsglas werden dadurch Bedeutsamkeiten ihrer sichtbar, über die die Flüchtigkeit ihres Nur-Einmal-Seins den Blick wegtäuschte.

Dies aber war der praktische Sinn auch der Kantischen Norm.

Die Verbreiterung unserer Handlungsweise zu einem allgemeinen Gesetz verleiht ihr sicher keine sachliche Bedeutung, die man nicht auch ihrer einzelnen Ausübung ansehen könnte: allein, wie unsere geistige Wahrnehmung nun einmal beschaffen ist, fehlt der Beurteilung der ganz isolierten Tat oft die volle Durchschlagskraft, weil ihre Folgen sich in die unzähligen kreuz und quer laufenden Strömungen des Gemeinschaftslebens mischen, die ihre reine Wirkung, ablenkend oder verstärkend, unkenntlich machen; das eigentliche Leben der Tat an ihren Folgen tritt erst heraus, wenn ihr ganzes praktisches Milieu auf sie abgestimmt ist, wenn keine entgegengerichteten Tatfolgen die ihrigen überdecken, kurz wenn ihr Prinzip, statt eine zufällige Einzelheit in einem Chaos anderer zufälliger Einzelheiten zu sein, eine ausnahmslose Norm, ein »allgemeines Gesetz« ist.

Kant zieht die Tat in die Breitendimension, in die unendliche Wiederholung im Nebeneinander der Gesellschaft, während Nietzsche sie sich in die Längendimension erstrecken läßt, indem sie sich in endlosem Nacheinander an dem gleichen Individuum wiederholt.

Aber beiderlei Multiplikationen der Tat dienen dem gleichen Zwecke: ihren Sinn der Zufälligkeit zu entheben, die ihre Darstellung im Nur-Jetzt, Nur-Hier, ihr antut.

Der innere Wert der Handlung, an sich völlig jenseits von Zeit und Zahl, vom Wo- und Wie-Oft-Bestehen, soll für uns, die wir dennoch an diese Kategorien gefesselt sind, wenigstens mit einer Unendlichkeit von Zahl und Zeit ausgestattet werden, um mit ihrem wahren Gewichte zu wiegen.

Die Paradoxie dieser Lehre Nietzsches ist im Grunde nur ein Mißverständnis, das sich gerade durch die Aufweisung ihrer Analogie mit dem ruhigen, hier sehr unparadoxen Denken Kants lösen läßt.

Vielleicht aber kann eine anders auslaufende Gegenhaltung mit Kant das Gleiche für einen Punkt leisten, an dem Nietzsche nicht nur mißverstanden wird, sondern sich selbst mißverstand.


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