2. Die kritische Psychologie


Alle Schlüsse, mit denen die alte, »rationale« Psychologie die Immaterialität, Substantialität (Beharrlichkeit), Simplizität (Einfachheit) und Personalität der »Seele« nachweisen zu können glaubte, sind Fehlschlüsse (Paralogismen). Denn sie machen das »Ich denke«, welches als transzendentale Apperzeption (§ 34), d.h. als erkenntnistheoretischer Maßstab die Möglichkeit der Erfahrung begründet, die an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: »Ich« zu einem für sich bestehenden Wesen.

Die Einfachheit der Vorstellung eines Subjekts bedeutet aber noch lange keine Erkenntnis der Einfachheit des Subjekts selber. Übrigens kann uns die Frage, ob die Seele eine einfache Substanz ist oder nicht, zur Erklärung der Erscheinungen derselben ganz gleichgültig sein (Proleg. § 44); denn aus dem bloßen Begriffe eines denkenden Wesens folgt noch nicht die mindeste empirische Erkenntnis. Kritischen Wert hat die Seele nicht als »hypostasierter« (verdinglichter) Gegenstand, sondern als regulative Idee, die uns das Problem der Einheit aller seelischen Tätigkeiten stellt. Wir müssen verfahren, als ob eine solche Einheit in unserem Bewußtsein vorhanden sei. Macht man dagegen den Träger der Vorstellungen zu dem der Bewegung, so läuft man Gefahr, die Seele stofflich zu denken. Die kritische Psychologie bewahrt nicht bloß vor einseitigem Spiritualismus, sondern auch vor ebenso einseitigem Materialismus bezw. Spinozismus, indem sie uns lehrt, Bewußtseinsvorgänge nicht in materielle Bewegungsvorgänge zu verwandeln.

Das Problem des Zusammenhanges von Seele und Körper löst sich für sie in die Möglichkeit der Verbindung des äußeren und inneren Sinnes (§ 33), somit auch der Sinnlichkeit und des Verstandes in demselben Bewußtsein auf. Ein Beweis der Unsterblichkeit ist unmöglich, da der Begriff der Beharrlichkeit sich nur auf die Zeit des Lebens beziehen kann, der Tod des Menschen aber das Ende aller Erfahrung bedeutet; das Gegenteil ist freilich ebensowenig zu beweisen.

Die rationale Seelenlehre ist demnach eine Scheinwissenschaft. Die empirische Psychologie dagegen gehört zur empirischen Naturlehre oder angewandten Philosophie und ist aus der reinen Philosophie oder Metaphysik zu verbannen.


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