II. 1760-1769


Im Laufe der 60er Jahre tritt in Kants Denken eine Wendung in empiristisch-skeptischem Sinne ein. Von dem frischeren Zuge aus dem Westen, der um diese Zeit durch das geistige Leben Deutschlands weht, bleibt auch er nicht unberührt. Für den Inhalt seiner Schriften bedeuten diese Jahre eine stärkere Wendung von den bis dahin vorzugsweise gepflegten naturwissenschaftlichen zu logischen und ethischen Problemen. Auf dem letzteren Gebiete hat er um diese Zeit von Hutcheson, Shaftesbury und namentlich Rousseau lebhafte Eindrücke empfangen, die auf seine spätere Geschichtsphilosophie (s. unten § 41) von Einfluß waren; für seine theoretische Entwicklung waren anfangs wohl Crusius (s. S. 165) und Newtonianer wie d'Alembert und Maupertuis, später Locke und besonders Hume von größerer Bedeutung. Freilich darf man alle diese äußeren Einflüsse und Anregungen bei Kants starker geistiger Eigenart nicht au hoch einschätzen.

Schriftstellerisch besonders fruchtbar sind die Jahre 1762 und 1763. Sie bringen zunächst die kleine, gegen die übliche Schullogik gerichtete Abhandlung Von der falschen Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren; nur die erste sei die naturgemäße. - Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes enthält vor allem eine Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Die Naturwissenschaft darf übernatürliche Begebenheiten »ohne erheblichste Ursache« nicht zulassen, sondern muß in erster Linie die Einheit allgemeiner Gesetze zu erreichen suchen. Der Gottesglaube beruht auf Überzeugung, nicht auf mathematischer Demonstration; von den herkömmlichen Beweisen wird hier noch der sogen, ontologische anerkannt, wonach die Aufhebung von Gottes Dasein alles denkbare Sein aufhebt. - Methodisch wichtiger ist die 1763 verfaßte, 1764 gedruckte Preisschrift der Berliner Akademie (Mendelssohn erhielt den ersten, Kant nur den zweiten Preis); Über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral, namentlich wegen des in derselben durchgeführten Vergleiches der philosophischen und der mathematischen Methode. Bereits hier sucht der Verfasser, gleich in den ersten Sätzen, eine »unwandelbare Vorschrift der Lehrart«, nach Art und »im Grunde« einerlei mit derjenigen Newtons in der Naturwissenschaft. Eine Metaphysik als Wissenschaft sei bisher noch nicht geschrieben worden: möglich sei sie nur durch Zergliederung sicherer Erfahrungssätze, eventuell mit Hilfe der Mathematik. - Ein Beispiel dazu hatte Kant selbst in seinem gleichzeitig (1763) geschriebenen Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen, gegeben. Hier werden logische und reale Entgegensetzung unterschieden und mit dem Problem des »Realgrundes« die Frage nach der Gültigkeit des von Hume einfach geleugneten Kausalgesetzes gestellt: »Wie soll ich es verstehen, daß, weil Etwas ist, etwas anderes sei?«.

Die nun folgenden Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen (1764) sind keine systematische Abhandlung, sondern eine abseits der strengen Wissenschaft liegende, auf dem Einflusse Rousseaus, Shaftesburys und Burkes beruhende, populäre Schrift voll feiner Gedanken über die Beziehung jener beiden Gefühle zu menschlichen Tugenden und Schwachheiten, den Temperamenten, dem Verhältnis der beiden Geschlechter, den Nationalcharakteren. Sie zeigt, wie anziehend, geistvoll und witzig Kant zu schreiben vermochte, wenn es ihm darauf ankam.

Der skeptische Ton, der in jener Schriftengruppe des Jahres 1763 bereits deutlich durchklingt, findet sich gesteigert wieder in der durch die Beschäftigung mit den Ansichten des schwedischen Spiritisten Swedenborg veranlaßten, von witziger Ironie gegen die Anmaßungen der Metaphysik und geistvoll - übermütigem Humor durchdrungenen Satire Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik (1766). Jenes Problem, wie etwas die Ursache eines anderen sein könne, kann »unmöglich jemals aus der Vernunft eingesehen«, sondern »diese Verhältnisse müssen lediglich aus der Erfahrung genommen werden« Freilich spottet er, ebenso wie über das a priori, das anfange »ich weiß nicht wo« und komme »ich weiß nicht wohin«, auch über das a posteriori, welches »den Aal der Wissenschaft« beim Schwänze erwischen zu müssen glaube. Und neben Hume steht Rousseau. Neben der theoretischen Skepsis tritt mächtig - vor allem eben durch Rousseau angeregt - das praktische Interesse hervor. Er schreibt um diese Zeit das Selbstbekenntnis nieder: »Es war eine Zeit, da ich glaubte, dieses alles (sc. gelehrte Wissenschaft) könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht.« Und die Träume schließen mit dem Gedanken: Transzendente Erkenntnis ist unmöglich, aber auch überflüssig; halten wir uns statt dessen an den moralischen Glauben und das praktische Handeln! - Ähnlich unterscheidet die besonders methodisches Interesse bietende Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen im Winterhalbjahrs 1765/66 zwischen der »historischen und philosophischen Erwägung dessen, was geschieht«, und der nachfolgenden »Anzeige dessen, was geschehen soll« - Übrigens will er sich auch in dieser Periode keineswegs als Feind der Metaphysik überhaupt, in die er vielmehr »verliebt zu sein das Schicksal habe«, sondern nur der jetzigen »aufgeblasenen« angesehen wissen. »Die Metaphysik selbst, objektiv erwogen«, will er dagegen, wie er gleichzeitig (6. April 1766) an Mendelssohn schreibt, durchaus nicht »für gering oder entbehrlich halten«, ja, er ist »seit einiger Zeit, nachdem ich glaube, ihre Natur und die ihr unter den menschlichen Erkenntnissen eigentümliche Stelle einzusehen«, sogar überzeugt, dass auf sie »das wahre und dauerhafte Wohl des menschlichen Geschlechtes ankomme.« Aber sie ist ihm nicht mehr das Wissen von absoluten Dingen, sondern »die Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft«.

So ist Kant durch den Humeschen Skeptizismus wohl, wie er sich später in den Prolegomenen ausdrückte, »aus dem dogmatischen Schlummer geweckt«, d.h. von dem Dogmatismus der in Deutschland damals noch vorherrschenden Leibniz-Wolffschen Schule abgebracht worden. Allein dieser Zweifel hat sich bei ihm nie so weit erstreckt, dass er an der Wahrheit der Wissenschaft (und das bedeutet bei Kant in erster Linie Mathematik und »reine« d. i. mechanische Naturwissenschaft) irre geworden wäre. Vielmehr machte ihn gerade die Ausdehnung des Humeschen Zweifels (an der Geltung des Kausalitätsbegriffes) auf die Mathematik (s. § 20) stutzig. Auch Leibniz' 1765 entdeckte Nouveaux essais machten bedeutenden Eindruck auf ihn.

Insbesondere das Antinomienproblem, der »Widerstreit der Vernunft mit sich selbst« in den höchsten kosmologischen, psychologischen und theologischen Fragen (vgl. S. 220), trieb ihn zu den Grundgedanken seines späteren Kritizismus hin. Wann diese verschiedenen Anregungen und Anstöße stattgefunden haben - im Nachlaß fand B. Erdmann die Notiz: »Das Jahr 69 gab mir großes Licht« - ist, trotz zahlreicher gelehrter Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten (s. o.), noch nicht mit zweifelloser Sicherheit festgestellt worden.


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