§ 36. Übergang von der transzendentalen Logik zur transzendentalen Dialektik:
Die Sinnen- und die Gedankendinge
(Phaenomena und Noumena).
Die regulative Bedeutung der Idee.


1. Das »Zufällige« der Erfahrung. Mit den aus den reinen Verstandesbegriffen, im Grunde aber aus der Naturwissenschaft selbst abgeleiteten »Grundsätzen« ist die Konstituierung der Erfahrung oder, umgekehrt betrachtet, ihre Zergliederung (»Analytik«) abgeschlossen. Sie dienten dazu, »Erscheinungen zu buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können« (Proleg. § 30). Die Erscheinungen sind nun zu Gegenständen bestimmt, die »empirische Realität« der letzteren ist nachgewiesen. Die Philosophie hat endlich »einmal etwas Bestimmtes«, woran sie »sich halten kann« (ebend. § 31), nämlich die in der Wissenschaft vorliegende Erfahrung. Die Verstandesregeln haben sich als Quell aller Wahrheit, weil als Grund der Möglichkeit der Erfahrung, erwiesen. Damit könnten wir zufrieden sein. Aber unser Begehren geht weiter. Wenn auch unser Erkennen in die Grenzen der zeitlich, räumlich und kausal bedingten Erfahrung eingeschlossen ist, unser Denken strebt unvermeidlich darüber hinaus. Ist nicht die gesamte Erfahrung, nebst der ganzen theoretischen oder Naturwissenschaft, schließlich etwas »ganz Zufälliges«? (Kr.*) 765). Gleicht sie nicht einer rings vom weiten und stürmischen Ozeane des Scheins umschlossenen Insel? (Kr. 294 f.). Müssen nicht die Erscheinungen, auf deren Erkenntnis uns zu beschränken wir immer wieder gemahnt wurden, Erscheinungen von Etwas sein?

2. Phaenomena und Noumena. So taucht an dieser Stelle das berüchtigte »Ding an sich«, das uns bereits in der transzendentalen Ästhetik (S. 194) begegnete, mit verstärkter Gewalt wieder auf: jenes Ding, das übrig zu bleiben scheint, auch wenn seine sämtlichen Eigenschaften sich als bloße Vorstellungen unserer wahrnehmenden »Seele« erwiesen haben. Sollte es nicht, wie schon die Philosophen des Altertums gelehrt haben, neben der Welt der Erscheinungen (Phaenomena), dem mundus sensibilis, noch eine Welt der »Gedankendinge« (Noumena), einen mundus intelligibilis, geben, welcher uns die Dinge zeigt, wie sie sind? Die transzendentale Analytik hat uns nunmehr mit der zu erteilenden Antwort ausgerüstet. Dieses »Etwas«, dieses »transzendentale Objekt«, ist ein gänzlich unbestimmtes x, wovon wir weder etwas wissen noch - die Einrichtung unseres menschlichen Verstandes vorausgesetzt - etwas wissen können, ein bloß hypothetisch angenommenes »Korrelat« zu der Einheit des Mannigfaltigen, ohne sinnliche Data sinnund bedeutungslos. Das Noumenon ist somit kein positiver, sondern ein negativer, ein problematischer, ein Grenzbegriff, der nur die Bedeutung hat, etwaigen Übergriffen der sinnlichen Anschauung entgegenzutreten. Die Gegenstände »sind«, sofern sie im durchgängigen Zusammenhange der Erfahrung vorgestellt werden: was nur durch die Verbindung von Verstand und Sinnlichkeit möglich ist. Das »Ding an sich« ist demnach weiter nichts als ein Ausdruck der unserer gewöhnlichen Denkweise natürlich anklebenden Vorstellung eines in Wahrheit eingebildeten Etwas, das, auch wenn wir alle aus uns stammenden Anschauungen und Begriffe abgezogen haben, noch immer übrig zu bleiben scheint, in Wirklichkeit jedoch eine »inhaltlich ganz leere Vorstellung« Der Gedanke aber einer nichtsinnlichen, intellektuellen Anschauung oder der eines anschauenden intuitiven Verstandes (später von Goethe bezw. Schelling aufgegriffen und weiter gebildet) wird von Kant nur problematisch erwogen, ist im Grunde nur erdacht, um den Gegensatz unseres denkenden Verstandes und unserer sinnlichen Anschauung um so schärfer zu beleuchten. Der der »Analytik« als Anhang beigegebene Abschnitt Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe soll uns vielmehr ausdrücklich davor warnen, in den Fehler der Leibnizianer zu verfallen und den empirischen mit dem transzendentalen Verstandesgebrauch, die Sinnlichkeit und den Verstand als Erkenntnisquellen zu verwechseln.

3. Die Idee. Allein das Noumenon ist Grenzbegriff nicht bloß im negativen Sinne der Schranke, sondern auch im positiven Sinne. Es schränkt nicht bloß ein, es leitet auch zu dem jenseits der »zufälligen« mathematischnaturwissenschaftlichen Erfahrung Liegenden hinüber. Unser Erkenntnisstreben geht über die in der transzendentalen Analytik gefundenen allgemeinen Naturgesetze hinaus auf »das absolute Ganze aller möglichen Erfahrung«, es will zu deren äußersten Grenzen vordringen, um »die Vollständigkeit, d. i. die kollektive Einheit der ganzen möglichen Erfahrung«, zu entdecken. Denn unsere Vernunft verlangt nach völliger Befriedigung, die sie in den reinen Verstandesbegriffen nicht findet. Wir wollen jetzt keine Einzelurteile mehr in ihrer synthetischen Einheit begreifen, sondern die gewonnenen Urteile in eine höhere Einheit zusammenfassen. Dieses geschieht in der Logik bekanntlich durch den sogenannten »Schluß« (Syllogismus), indem ein Einzelurteil (Untersatz) unter ein allgemeineres (Obersatz) subsumiert und so die Schlußfolgerung gefunden wird (deduktive Methode). Umgekehrt kann ich aber auch, mit dem Schlußsatze beginnend, seine allgemeine Bedingung (den Obersatz) suchen und, sobald ich dieselbe gefunden, wieder die Bedingung dieser Bedingung usw., so lange es geht (induktive Methode). »Man sieht hieraus: dass die Vernunft im Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntnis des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche« (Kr. 361). Diese logische Maxime wendet nun die Vernunft auf ihre Schlüsse aus der Verstandeserkenntnis, also auf die Erfahrungsurteile an. Sie sucht »zu der bedingten Erkenntnis des Verstandes das Unbedingte, womit die Einheit desselben vollendet wird« (364). Diesen Begriff des Unbedingten oder der »Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten« nennt Kant Vernunftbegriff oder, den alten, platonischen Namen wieder zu Ehren bringend, Idee.

Kants »transzendentale« Idee hat nichts mehr mit der in der englisch - französischen Philosophie üblichen Bedeutung des Wortes als Vorstellung überhaupt, etwa der roten Farbe, zu tun. Sie bedeutet vielmehr (vgl. die Belegstellen für das folgende im Register meiner Ausgabe) einen bloßen Gesichtspunkt (idea von idein), einen heuristischen oder problematischen Begriff, einen gedachten Richtungs- oder Brennpunkt (focus imaginarius), im Gegensatz zu den konstitutiven Grundsätzen der Erfahrung ein bloß regulatives Prinzip derselben. Die Ideen sind nicht uns gegebene Begriffe, sondern uns aufgegebene Probleme, die Maximen und Richtungslinien für die empirische Forschung anzeigen. Sie dienen zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs, zur Begrenzung des Verstandes, den sie als dessen Kanon »in die Richtung bringen, darin sein Gebrauch, indem er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehend einstimmig gemacht wird« Sie sind »Aufgaben, um die Einheit des Verstandes womöglich bis zum Unbedingten fortzusetzen« und als solche »notwendig und in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet« (380). Die synthetische Einheit der Kategorien erweitert sich nun zu der systematischen Einheit der Ideen,**) die keine neuen Begriffe von Objekten schafft, sondern die vorhandenen nur ordnet, vom Gesichtspunkte jener »kollektiven Einheit« des Unbedingten aus, wodurch sie zugleich der größtmöglichen Ausbreitung fähig werden. Durch sie soll die gesamte Verstandeserkenntnis (Erfahrung) aus einem zufälligen Aggregat zu einem nach notwendigen Gesetzen zusammenhängenden Systeme werden. Freilich eben »nur« in der Idee; denn ihnen, den Gedankendingen, kann nie ein Gegenstand der Erfahrung völlig adäquat sein. Sie wollen aber auch (vgl. Proleg. § 44) gar keine neuen Anschauungen oder Begriffe von neuen, über das Feld der Erfahrung hinaus liegenden Gegenständen geben, sondern nur »Vollständigkeit des Erfahrungsgebrauchs im Zusammenhange der Erfahrung«.

Ehe wir nun die Bedeutung der einzelnen transzendentalen Ideen darlegen, betrachten wir ein Wissenschaftsgebiet, das durch das regulative Prinzip der Ideen in ähnlicher Weise Bestand und Geltung, erhält, wie die mathematische Naturwissenschaft durch die konstitutiven Grundsätze, wenngleich es von Kant selbst nicht mit der gleichen Deutlichkeit, wie diese, als naturwissenschaftliches Objekt seiner Ideenlehre hervorgehoben worden ist: das Gebiet der beschreibenden Naturwissenschaft. Wir betreten damit ein Erörterungsfeld, das von der Kritik der reinen Vernunft zwar in Angriff genommen, aber erst in der dritten der Kantischen Vernunftkritiken weiter ausgebaut worden ist.

 

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*) Kr. = Kritik der reinen Vernunft; pr. V. - Kritik der praktischen Vernunft, U. = Kritik der Urteilskraft (Seitenziffern der Originalausgaben).

**) Denn »Verstand« und »Vernunft« sind bei Kant nicht sowohl psychologische Begriffe als erkenntniskritische Sammelnamen für verschiedene Erkenntnisarten, dort der Kategorie - hier der Idee. Die beste und lichtvollste Charakteristik der Ideen als regulativer Prinzipien gibt der Anhang zur transzendentalen Dialektik.


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