§ 19. Berkeleys subjektiver Idealismus.


In ganz anderer Weise, als die Deisten und Moralphilosophen, die weniger philosophisch als kulturhistorisch interessant sind, knüpft die Philosophie George Berkeleys an Locke an. Zu den Grundfragen der Erkenntnis zurückkehrend, bildet sie in eigenartiger Weise den Lockeschen Empirismus in eine Art subjektiven Idealismus um.

1. George Berkeley, aus vornehmer englischer Familie, 1685 in Irland geboren, blieb von 1700 bis 1713 an der heimatlichen Universität Dublin, wo damals nicht nur Baco, Descartes und Malebranche, sondern auch Boyle, Newton und Locke eifrig studiert wurden. Schon 1709 schrieb er seinen Versuch einer neuen Theorie des Sehens (übers. von R. Schmidt, Philos. Bibl. 1912) und bereits 1710 - als 25jähriger! - sein philosophisches Hauptwerk: Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (übers. von Ueberweg, Philos. Bibl. 1869, 4. Aufl. 1906). Nachdem er sodann in London eine populäre Darstellung seiner Ideen in den Dialogen zwischen Hylas und Philonous (1713, übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raoul Richter in der Philos. Bibl., 1901) veröffentlicht und sich in der Bekämpfung der Freidenker versucht hattet unternahm er 1713-1720 größere Reisen nach Frankreich und Italien und ging 1728-1731 nach Nordamerika, um auf den Bermudainseln eine Lehranstalt zur Ausbildung amerikanischer Missionare zu gründen, was ihm jedoch nicht gelang. Zurückgekehrt, nahm er in seinem Dialog Alciphron (1732, französisch 1734, deutsch 1737, neu von L. und F. Raab, Philos. Bibl., Leipzig 1915) die Polemik gegen die Freidenker verschiedener Richtungen (Collins, Shaftesbury, Mandeville) wieder auf. 1734 erhielt er ein Bistum im südlichen Irland, neben den theologischen auch mathematischen und naturwissenschaftlichen, ja sogar medizinischen Studien sich widmend. Seine letzte Schrift Siris (1744) beginnt mit den heilsamen Wirkungen des Teerwassers, führt aber von da allmählich bis zu den höchsten metaphysischen Fragen, in denen er sich der Naturphilosophie Platos nähert. Er starb in Oxford 1753.

Berkeley schreibt in schöner, anschaulicher Sprache, nicht so breit wie Locke. Mit einem kindlich frommen Gemüt vereinigt er die Fähigkeit scharfer Kritik, unbestechliche Wahrheitsliebe und größere Folgerichtigkeit als seine Vorgänger. Die beste englische Ausgabe seiner Schriften (einschl. Briefe und Biographie) ist die von Fraser (4 Bde. 1871, 2. Aufl. 1901), von dem auch eine gute monographische Darstellung Berkeleys (Edinburg 1881) stammt. Zur Einführung empfiehlt sich am besten die Lektüre der mit platonischer Schönheit und Klarheit geschriebenen Dialoge von 1713. Für die Kenntnis seiner Entwicklung von Wert ist das aus seiner frühesten Epoche (1705 bis 1708) stammende wissenschaftliche Tagebuch (Commonplace Book).

2. Schon die erste Schrift des jungen Philosophen ist hochbedeutend. Sie enthält, indem sie das Subjektive und das Spezifische unserer sinnlichen Wahrnehmungen hervorhebt, bereits die Elemente der modernen Sinnesphysiologie. Wir sehen nur Licht und Farbe. Erst durch die Verbindung des Gesichtssinnes mit dem Tastsinn können wir Körper wahrnehmen, in die Ferne sehen. Erst Erfahrung, nämlich Gewohnheit und Übung, läßt uns auf »äußere« Gegenstände »im Räume« schließen. An sich ist der »Raum« ein leeres Wort; er entsteht nur durch unsere Wahrnehmungen, die sich assoziieren. Und so ist es, wie die Hauptschrift zeigt, mit allen unseren Vorstellungen.

Berkeley macht Ernst mit der Forderung Lockes: alle Vorstellungen auf ihren Ursprung zu prüfen. Aber, indem er ihn fortsetzt, gelangt er dazu, ihn zu bestreiten.

Es gibt keine abstrakten Ideen. Wir können uns wohl rote, grüne, gelbe Dinge, aber keine Farbe im allgemeinen vorstellen; ebensowenig ein Dreieck an sich, sondern nur ein bestimmtes einzelnes Dreieck, was dann die ganze Gattung repräsentiert. Wir denken in Beispielen!

So bestehen denn alle sogenannten äußeren Dinge, »der ganze himmlische Chor und die Fülle der irdischen Gegenstände«, nur in unserer Vorstellung. Sein ist = Wahrgenommen werden (esse = percipi) oder = Erkannt werden. Wahrnehmen und erkennen ist also für Berkeley, im schärfsten Gegensatz zu Descartes, das nämliche. Ob ich »Ding« oder »Idee«, d.h. Vorstellung sage, ist einerlei. Auch von der Unterscheidung primärer und sekundärer Qualitäten will er nichts wissen. Eine ohne die sekundären Qualitäten vorgestellte Materie ist eine gewaltsame Abstraktion. Die Verteidiger des Begriffes einer materiellen Substanz geben selbst zu, dass sie ohne Akzidenzen nicht denkbar ist; ein bloßer »Träger« (Substrat) aber von Gestalt, Bewegung und allen möglichen sinnlichen Qualitäten ist ein Gedanke ohne Sinn. Real ist nur, was sinnlich wahrgenommen wird. Versuche doch ein jeder, ruft Berkeley wiederholt aus, ob er sich einen Ton, eine Gestalt, Bewegung oder Farbe ohne einen oder außerhalb eines sie wahrnehmenden Geistes vorstellen kann! Kann er es nicht, warum wirft er sich zum Verteidiger von - er weiß nicht was, auf?

Damit will unser Philosoph die »Wirklichkeit« der sogenannten Dinge in dem Sinne, wie sie der naive Realismus des Nichtphilosophen annimmt, nicht leugnen oder den gemeinen Sprachgebrauch ändern, wie man ja auch nach Kopernikus noch sage: die Sonne geht auf und unter. Er will nur gegen das streiten, was die Philosophen körperliche Substanz oder Materie nennen, dessen Entfernung aus der Wissenschaft nur Atheisten und Schulphilosophen vermissen werden. Was ist aber nun das eigentlich Existierende?

3. In der Antwort auf diese Frage wird der Sensualist plötzlich zum Spiritualisten. Es gibt doch ein Einfaches, Unteilbares, Tätiges, also eine Substanz, nämlich dasjenige, was vorstellt: Das Ich, die Seele oder der Geist, der, sofern er Ideen perzipiert, Verstand, sofern er sie hervorbringt, Wille heißt. Das einzige aktive Wesen, der Geist (wir würden heute sagen: das Bewußtsein) kann keine Idee sein, weil er sie selbst erst erzeugt, kann also an sich selbst nicht vorgestellt, sondern nur an seinen Wirkungen erkannt werden. Sein Wesen ist nicht »aufgefaßt werden«, sondern »auffassen« (esse == percipere). Zwischen Geistern und Ideen gibt es nichts Gemeinsames, nichts Ähnliches; Ideen sind nur Ideen, Geister nur Geistern verwandt. Die Natur des Geistes kann ebensowenig erkannt werden, als man einen Ton sehen kann. Daher soll man auch nicht Ausdrücke von sinnlichen Dingen auf die Seele übertragen, etwa den Willen als eine Bewegung derselben erklären. Auch das Gehirn vermag keine Vorstellungen zu erzeugen, denen als ein Sinnending existiert es ebenfalls nur in unserem Geiste.

Freilich gibt es einen Unterschied zwischen denjenigen Ideen, welche die »psychischen Substanzen« willkürlich in sich selbst hervorrufen, und denen, welche sie durch die Sinne erhalten. Jene, die Erinnerungs- und Phantasievorstellungen (z.B. die der Sonne bei Nacht), sind matter, schwächer und unbeständiger als die realeren, geordneteren und stärkeren Sinnesvorstellungen (z.B. der »wirklichen« Sonne, die wir bei Tage sehen). Der Grund ist, dass die letzteren von einem Geist, der mächtiger und weiser ist als alle menschlichen Geister, von Gott, nach gewissen Naturgesetzen hervorgebracht werden. Die wahre Realität der sogenannten Dinge oder Ideen *) besteht demnach in der Festigkeit und Ordnung ihres Zusammenhanges.

Hiernach erscheint Berkeley dem Standpunkt der modernen Naturwissenschaft, mit deren Problemen er sich, wie ein Blick in seine Schriften lehrt, sehr ernstlich beschäftigt hat, ganz nahe: wie ja auch sein idealistischer Grundgedanke, dass Ideen und Dinge das nämliche sind, echt wissenschaftlichen Realismus bezeugt. Und so hat denn seine Lehre heute in der »Immanenten Philosophie« der Schuppe, Kauffmann und Mach (§ 76) eine Art Auferstehung erfahren. Aber die Einseitigkeit, mit der er diesen Idealismus zugunsten der unmittelbaren Sinnesempfindung geltend macht, hat ihm den Blick für die Notwendigkeit einer erkenntniskritischen Begründung der Wissenschaft geraubt; er verkennt den Wert der physikalischen Grundbegriffe wie der Materie, der Bewegung, des Unendlich-Kleinen u. a. Weil nicht erklärt werden kann, wie Materie auf einen Geist wirke, so erscheint ihm dieser Begriff ohne Nutzen für die Naturwissenschaft. Er eifert gegen Newtons Mechanik; es gibt nur relative Bewegung, keine absolute, und ebensowenig einen absoluten Raum oder eine absolute Zeit. Die allgemeinen Naturgesetze sind bloß »Zeichen«, nicht wirkende Ursachen; der Naturforscher hat vor dem Laien nur die »größere Breite« der Auffassung voraus. Ebenso habe in der Mathematik die Annahme abstrakter Ideen unheilvoll gewirkt. »Linien und Dreiecke sind keine Operationen des Geistes.« Er verwahrt sich gegen die Beschäftigung mit arithmetischen Theoremen, die »den gesunden Menschenverstand (good sense) verletzen« und »gar keinen Nutzen bringen« - auch die Zahlen seien bloße Zeichen, denen keine Objekte entsprechen -, und will nur eine angewandte Arithmetik gelten lassen, ebenso wie nur eine praktisch nützliche Geometrie von Wert sei. Er polemisiert scharf gegen den Begriff der unendlichen Teilbarkeit. Der tausendste Teil einer zollangen Linie ist - nichts! Er wird erst zu etwas, wenn aus dem Zoll ein Erddurchmesser oder wenigstens eine Meile gemacht wird! Die Infinitesimalrechnung eines Newton oder Leibniz erscheint ihm als eine seltsame Spekulation, die ohne Schaden für die Menschheit wegfallen könnte. »Im Gegenteil, es wäre sehr zu wünschen, dass Männer von großen Fähigkeiten und ausdauerndem Fleiß ihre Gedanken von jenen Ergötzungen (!) ablenkten und sie dem Studium von Dingen zuwendeten, die den Angelegenheiten des Lebens näher liegen oder mehr direkten Einfluß auf die Sitten haben.« (Abschnitt 131 der Hauptschrift.)

4. Danach kann es uns nicht mehr wundern, dass unser Philosoph der teleologischen Weltanschauung vor der mechanischen entschieden den Vorzug gibt. Es scheint ihm »unter der Würde des Geistes zu sein, allzusehr« nach »Exaktheit« in der Zurückführung der Einzelerscheinung auf allgemeine Gesetze zu streben; als »edleres Ziel« betrachtet er es, aus der Schönheit, Ordnung, Fülle und Mannigfaltigkeit der Natur auf die Größe, Weisheit und Güte des Schöpfers zu schließen und sie den Zwecken dienstbar zu machen, zu welchen sie bestimmt sind: »nämlich Gottes Ehre und Erhaltung und Schmückung des Lebens für uns und unsere Mitgeschöpfe« (Abschn. 109). Nicht die »natürlich wirkenden« Ursachen, sondern die »Zweckursachen« der Dinge gelte es in erster Linie aufzusuchen (107). Und wenn in seiner letzten Schrift (Siris) der frühere Sensualismus seiner Erkenntnislehre zugunsten eines dem platonischen ähnlichen Idealismus überwunden erscheint, so bleibt doch diese neue »transzendentale« Philosophie ganz metaphysisch und verachtet die »niedere« Sphäre der Mathematik und Mechanik.

Und neben dem Teleologen kommt dann der Theologe zum Vorschein. Er empfiehlt seine Lehre nicht bloß deshalb, weil sie das Naturstudium sehr vereinfache, sondern auch damit, dass sie dem Skeptizismus, dem Materialismus und dem »nichtswürdigen« Atheismus entgegenarbeite, dass sie die Feinde der Religion, die Fatalisten und Götzendiener, die Epikureer, Hobbisten, Spinozisten und ähnlich Denkende ihrer Hauptstütze, der »nichtdenkenden« Materie, beraube! Dass »die Materie aus der Natur ausgetrieben« wird, haben alle Freunde der Erkenntnis, des Friedens und der Religion Grund zu wünschen! Gott hat die Welt wie ein »wundervolles Uhrwerk«, das mechanischen Gesetzen gemäß abläuft, geschaffen, aber er kann auch »bei gewissen Anlässen« Ausnahmen von diesen Gesetzen hervorbringen, um »seine oberherrliche Macht zu bekunden«; »lieber« freilich wird er unsere Vernunft überzeugen als uns durch Erregung von Erstaunen zum Glauben an sein Dasein bringen Wollen.

Dass ein allmächtiger, allweiser und allgütiger Urheber die gesamte Natur geschaffen hat und auch in uns alle jene Sinneswahrnehmungen oder Ideen hervorbringt, ist offenbar für »jeden, der des geringsten Nachdenkens fähig ist« Dass trotzdem so wenige zu dieser Erkenntnis gelangen, vermag sich Berkeley nur aus der menschlichen Stumpfheit und Unaufmerksamkeit zu erklären. Die »Natur« an sich kann nichts hervorbringen, sondern nur Gott durch sie, indem seine Weisheit und Güte »nach den einfachsten und allgemeinsten Gesetzen auf eine gleichförmige und beständige Weise« wirkt. Die Schattenseiten, Flecken und Mängel erhöhen - so führt Berkeley aus, genau wie Leibniz in der fast gleichzeitig erschienenen Theodicee - nur den Glanz des übrigen; die Verschwendung von Keimen und Samen ist kein Beweis von Unzweckmäßigkeit, sondern von Machtfülle. Auch Schmerz und Übel gehören in den Zusammenhang des Ganzen; unser Blick ist bloß zu beschränkt, den letzteren ganz zu verstehen; aber nur ein absichtliches Verschließen der Augen vermag das Wirken einer Vorsehung zu leugnen und den Gottesglauben abzulehnen, der zugleich der kräftigste Antrieb zur Tugend und der beste Schutz gegen das Laster ist. Denn - so schließt der fromme Bischof seine Hauptschrift - der Vorrang vor allen anderen Studien kommt der Betrachtung Gottes und unserer Pflicht zu, und »die höchste Vollendung des menschlichen Wesens« besteht in der Erkenntnis und Ausübung der »heilsamen Wahrheiten des Evangeliums«.

Diese theologische Schlußwendung des Berkeleyschen Denkens, die wir bei Leibniz fast ebenso finden, darf indessen nicht unerkenntlich machen gegen das Gute, das Berkeley der Philosophie geleistet hat. Er hat nicht bloß in psychologischer Beziehung manches richtiger gesehen als seine Zeitgenossen (vgl. bes. seine Erklärung des Ursprungs der Raumvorstellung), sondern vor allem den kopernikanischen Grundgedanken des Idealismus, dass alle »Dinge« nur in unserer Vorstellung sind, mit Nachdruck betont. Aber er hat dabei die mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundbegriffe verfehlt, machte das von ihm richtig in seiner Unerklärbarkeit und Zeugungskraft erkannte Bewußtsein zur unzerstörbaren, unsterblichen Seelensubstanz und gab so dem alten cartesianischen Dualismus von Geist (Denken) und Ding (Ausdehnung) aufs neue Raum.

Wie Locke von Berkeley fortgesetzt, aber umgebildet wird, so Locke und Berkeley zugleich von David Hume.

 

Literatur: G. Lyon, L'Idéalisme en Angleterre au XVIII. siècle. Paris 1888. Erich Cassirer, Berkeleys System. Gießen 1914.

 

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*) Der Ausdruck idea bezieht sich bei Berkeley stets nur auf die sinnlichen Vorstellungen.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 10:34:06 •
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