§ 53. Die Apologeten oder ältesten Kirchenväter.


Gegen die mannigfachen Angriffe und Vorwürfe, die sich das im Laufe des zweiten Jahrhunderts stärker werdende Christentum von selten der heidnischen Schriftsteller (z.B. Celsus, später Porphyrius) und des heidnischen Staates zuzog, traten seitens der Kirche eine Reihe mehr oder minder philosophisch gebildeter Männer, zum Teil selbst erst Neubekehrte, mit Verteidigungsschriften auf: die sogenannten Apologeten. Soweit diese Verteidigung gegen die Vorwürfe der Lasterhaftigkeit, heimlicher Greueltaten, Staatsfeindschaft gerichtet ist, interessiert sie uns hier nicht, sondern nur das philosophische Moment daran. Im Gegensatz zu den Gnostikern vertreten die Apologeten das kirchliche Christentum und werden deshalb mit Recht als die ersten Kirchenväter bezeichnet, aber sie wollen zugleich die christliche Religion den philosophisch Gebildeten als die höchste und einzig wahre Philosophie darlegen, indem sie dieselbe als vernünftig, als die Religion des Geistes, der Freiheit und der Sittlichkeit nachzuweisen suchen.

1. Von dem ältesten unter ihnen, Quadratus aus Athen, ist nichts Sicheres bekannt. Über den »athenischen Philosophen« Aristides sind wir durch seine 1878 aufgefundene, um 140 an Kaiser Antoninus Pius gerichtete Schutzschrift unterrichtet, die namentlich den Monotheismus hervorkehrt, übrigens keine besondere Selbständigkeit des Denkens zeigt.

Weitaus der bedeutendste der älteren Apologeten ist Justinus Martyr (zwischen 165-167 zu Rom als Märtyrer gestorben) aus Sichern, von Stoa und Platonismus her zum Christentum gekommen, im Philosophengewande lehrend. Von den ihm zugeschriebenen, griechisch verfaßten Schriften (ed. Otto 1842 ff., 3. Aufl. 1876 bis 1881) gehören ihm sicher an zwei an Antoninus Pius bezw. Mark Aurel gerichtete Schutzschriften (apologiai) und der Dialog mit dem Juden Tryphon. Das Christentum ist Justin Philosophie und Offenbarung zugleich, Philosophie, weil es über die philosophischen Probleme aller Zeiten Aufschluß gibt, und göttliche Offenbarung, die notwendig war, um die Menschheit aus der Macht der Dämonen, dem Polytheismus und der Unsittlichkeit zu erretten. Eine teilweise Offenbarung der göttlichen Vernunft (Logos) ist zwar auch vorzüglichen Heiden, wie Sokrates und Plato, und frommen Juden (Abraham, Elias), von denen jene manches übernommen, zuteil geworden; denn der Same des göttlichen Logos (der stoische logos spermatikos) ist über die ganze Welt verstreut. Aber die volle Wahrheit hat sich allein in dem neuen Sokrates, dem »Lehrer« Christus, als der menschgewordenen Vernunft Gottes, offenbart. Gott, dessen Vorstellung jedem Menschen ebenso angeboren ist wie die der allgemeinsten sittlichen Begriffe, ist einheitlich, ewig, unerzeugt, ohne Namen, unaussprechlich; er hat durch seine Vernunft (logos) seinen göttlichen Sohn, der in Jesus Mensch geworden, in seiner Weisheit (dem heiligen Geiste) die Welt erschaffen. Die menschliche Seele besitzt Vernunft, Unsterblichkeit und (durch das göttliche Vorherwissen nicht aufgehobene) Willensfreiheit. Justins Einfluß auf die späteren Kirchenväter ist sehr bedeutend gewesen.

2. Ihm verwandt ist der »christliche Philosoph von Athen«, Athenagoras, der in seiner uns erhaltenen, 177 verfaßten, in hellenisch-philosophischem Stil gehaltenen Apologie namentlich den Monotheismus und dessen Vereinbarkeit mit der Dreieinigkeitslehre, sowie in einer besonderen Schrift die leibliche Auferstehung der Toten nachzuweisen suchte. - Während Justin und Athenagoras mit ihren an die Kaiser gerichteten Schutzschriften zunächst die Abwehr äußerer Gewalt von ihren Religionsgenossen bezweckten, versucht Theophilos (• 186 als Bischof von Antiochien) mit theoretischen Gründen einen wissenschaftlichen Heiden von der Wahrheit des Christentums zu überzeugen; eigenartige Gedanken treten nicht hervor. Das Christentum wird nicht mehr als »Philosophie«, sondern als »Weisheit Gottes« bezeichnet.

Für den Assyrer Tatian dagegen ist das Christentum die einzig wahre Philosophie. In seiner erhaltenen Schrift Gegen die Griechen (um 160, deutsch von Harnack, 1884) ist ihm jedes Mittel der Verdrehung und Verleumdung recht, um die griechische Wissenschaft, Kunst und Sitte herabzusetzen. Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist; nur der letztere ist unsterblich. Ebensowenig wissenschaftlichen Wert besitzt des später lebenden Hermias Verspottung der draußen stehenden Philosophen - »draußen stehend«, denn das Christentum gilt eben schon als die Philosophie -, die nicht ohne Witz und Frische, aber ohne jedes Verständnis, durch Aufzeigung der zwischen ihnen bestehenden Widersprüche die heidnischen Philosophen lächerlich zu machen sucht, deren Philosophie er für eine Ausgeburt der von gefallenen Engeln mit Erdenweibern erzeugten Dämonen hält!

3. Weniger gegen die heidnische Philosophie als vielmehr gegen den inzwischen mächtig angewachsenen Gnostizismus wendet sich das in einer lateinischen Übersetzung erhaltene Hauptwerk des Irenäus (aus Kleinasien, später Bischof von Lyon, wo er um 202 als Märtyrer gestorben sein soll): Enthüllung und Widerlegung der fälschlich sogenannten Erkenntnis, gewöhnlich als Adversus haereses zitiert (deutsch von Klebba, Kempten 1912). Im Gegensatz zu den durch die Spekulation weltlicher Weisheit verführten Gnostikern, sucht Irenäus die kirchliche Lehre samt der durch die Bischöfe fortgesetzten apostolischen Tradition theoretisch zu begründen. Er hält an der Identität des Schöpfers und des Erlösers, des alttestamentlichen und des neutestamentlichen Gottes fest. Das Alte Testament gilt ihm, um mit Paulus zu reden, nur als »Zuchtmeister« auf das Neue, die ganze Geschichte als göttlicher Erziehungsplan zum Heile des Menschen, der Zweck und Ziel der Schöpfung ist. Alles, auch die Natur, ist auf die Erlösung des Menschen angelegt, die durch Christus erfolgt. Warum ward Gott Mensch? Damit wir Götter würden! Die Entscheidung des Einzelnen für oder gegen Gottes Gebot liegt übrigens in seinem freien Willen.

Irenäus' Schüler Hippolyt (Presbyter in Rom, • um 236), berühmt als der gelehrte Verfasser eines großen Werkes Gegen alle Ketzereien wie als scharfsinniger Verteidiger einer christlichen Logoslehre, bringt nichts grundsätzlich Neues hinzu.

4. Irenäus' Werk hat großen Einfluß auf die Kirchenväter des 3. und 4. Jahrhunderts geübt. In Nordafrika fanden seine Bestrebungen Fortsetzung durch den erst im Mannesalter Christ gewordenen karthagischen Rechtsanwalt und Zenturionensohn Tertullian (150 oder 160 bis 220). Tertullian ist einer der frühesten Vertreter der lateinisch-christlichen Literatur. Das römische und juristische Element tritt denn auch stark in seinem Wesen hervor. Das Christentum ist ihm vor allem eine neue Gesetzlichkeit. Er ist ein eifriger Verfechter der bischöflichen Tradition, obwohl ihn seine puritanische Sittenstrenge später in die Reihen der in Phrygien entstandenen montanistischen Sekte trieb, deren Grundzug eine schwärmerische Askese bildete. Den Apologeten gehörte er durch seine 197 dem Kaiser Septimius Severus eingereichte Schutzschrift an; im übrigen eignete ihn seine feurige Natur weit mehr zum Polemiker. Die Darstellung seiner zahlreichen Schriften ist originell, rhetorisch gewandt, schwungvoll, oft witzig. Fast ebenso scharf wie Tatian, doch geistvoller als dieser greift er das Heidentum und seine Philosophie an. Es gibt keine Versöhnung zwischen Athen und Jerusalem, Akademie und Kirche. Alle weltliche Wissenschaft und Bildung ist vor Gott Torheit. Der Christ hat sich unbedingt der biblischen, von Gott selbst inspirierten Offenbarung zu unterwerfen. Ein christlicher Handwerker steht höher in der Gotteserkenntnis als ein Plato.

Trotzdem ist Tertullian keineswegs ohne Philosophie. Namentlich haben ihn die Stoiker auf dem Gebiete der Naturphilosophie beeinflußt, wo er mit ihnen einem ausgesprochenen Materialismus huldigt: Alles Wirkliche ist körperlich, selbst Gott und die menschliche Seele; die Seele des Kindes ist ein Schößling (tradux) der elterlichen. Damit verbindet er, wie jene, eine sensualistische Erkenntnistheorie, gründet aber darauf gerade sein orthodoxes System. Weil der Mensch aus eigener Kraft völlig unfähig ist, die Wahrheit, das Wesen Gottes und seine eigene über das Diesseits hinausreichende Bestimmung zu erkennen, bedarf er der göttlichen Offenbarung. Diese steht in notwendigem Gegensatz zum menschlichen Erkennen, ist nicht bloß über-, sondern geradewegs widervernünftig. Daher der ihm zugeschriebene, wenn auch im Wortlaut bei ihm nicht zu findende Satz: Credo, quia absurdum est. Christi Auferstehung z.B. ist gerade deshalb gewiß, weil sie für den menschlichen Verstand unmöglich ist.

Tertullians Ethik ist durch asketische Sinnenfeindschaft und zugleich schwärmerische Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi charakterisiert. Der wahre Christ ist ihm ein »auf einer gezähmten Bestie (der Sinnlichkeit) reitender Engel«, den jedes weltliche Amt, z.B. der Kriegsdienst, befleckt.

5. Weit milder als sein karthagischer Kollege denkt der römische Anwalt Minucius Felix, dessen Dialog Oktavius die Bekehrung eines heidnischen Philosophen (Cäcilius) durch seinen christlichen Freund (Oktavius) schildert. Von allen christlichen Apologeten steht Minucius der antiken Philosophie, und zwar der stoischen, durch seinen Rationalismus und seine moralisierende Richtung am nächsten. Seiner dogmatischen Form fast ganz entkleidet, erscheint das Christentum als sittlich geläuterter Monotheismus, dem auch Plato, Aristoteles u. a. schon gehuldigt haben. Die Abfassungszeit der Schrift schwankt zwischen 160 und 300. Sie hängt von der noch nicht mit Sicherheit entschiedenen Frage ab, ob Tertullian den Minucius benutzt hat oder dieser jenen.

6. Des sachlichen Zusammenhanges wegen seien hier gleich die ihrer Lebenszeit nach erst an das Ende unseres Zeitraums gehörenden letzten (lateinschreibenden) Apologeten erwähnt: Arnobius und Laktantius. - Der afrikanische Rhetor Arnobius verfaßte um 300 7 Bücher Gegen die Heiden (adversus gentes), in denen er die Einheit und Ewigkeit Gottes gegenüber dem Widersinn und der Unsittlichkeit des Polytheismus verteidigt. Die Gottheit Christi sucht er indes vorzugsweise aus seinen Wundertaten zu beweisen. Die menschliche Seele ist eng mit dem Leibe verbunden, ihre einzige Erkenntnisquelle die Wahrnehmung; daher ein von seiner Geburt an in völliger Einsamkeit lebender Mensch geistig leer bleiben würde (ein Gedanke, der von den Sensualisten des 18. Jahrhunderts wieder aufgenommen wird; vergl. La Mettrie, Condillac). Von Natur aus sterblich, erlangt sie die Unsterblichkeit nur durch die Gnade Gottes, der die Guten belohnen, die Bösen bestrafen will.

In ähnlichem Sinne schrieb bald nach ihm Laktantius, anfangs gleichfalls (heidnischer) Lehrer der Redekunst in Afrika, später Prinzenerzieher am Hofe Konstantins. Seine stilistischen Vorzüge erwarben ihm den Beinamen eines »christlichen Cicero« Sein Hauptwerk Institutiones divinae will eine philosophische Begründung der christlichen Lehren und zugleich eine Unterweisung in ihnen geben, der eine »Widerlegung« der falschen, heidnischen Religion und Philosophie voraufgeht. Einen Heiligen Geist als selbständige dritte Person der Gottheit kennt Laktantius noch nicht. Das höchste Gut ist die Unsterblichkeit; ohne die Aussicht auf diesen göttlichen Lohn wäre die Tugend das unnützeste und törichtste Ding auf der Welt! Philosophische Tiefe ist weder bei Arnobius noch bei Laktantius zu finden.

An eben dem Hofe, an dem Laktantius lehrte, gelangte das Christentum zum Siege und wurde Staatsreligion. Damit hörte das Bedürfnis nach »Apologeten« auf.

 

Literatur: v. Gebhardt und A. Harnack, Texte, und Untersuchungen zur Gesch. der altchristl. Literatur, Bd. I. Leipzig 1883 (von Harnack). Deutsche Übersetzungen gibt die ›Bibl. der Kirchenväter‹ (Kempten).


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