Preisvorteil für Käufer und Verkäufer


Auf diese Art sorgt die Börse wie der Markt dafür, daß Käufer und Verkäufer sich zu finden vermögen. Allein das ist nicht der einzige Grund ihrer Bedeutung. Auch der Bauer fährt mit seinen Produkten, welche er in die kleine Landstadt bringt, zum Markt, und nicht etwa vor die Türen der einzelnen Häuser von Städtern, die sie vielleicht brauchen könnten, nicht nur deshalb, weil dies eine unerhörte Zeitvergeudung bedeuten würde. Sondern vor allem deshalb bringt er sie zu Markt, weil er dort den höchst-möglichen Preis zu erzielen hofft. Hier trifft der Käufer mit allen oder den meisten Verkäufern, der Verkäufer ebenso mit den Käufern zusammen und beide können gegenseitig übersehen, ob ihnen ein andrer der Anwesenden günstigere Bedingungen bietet, als der, mit welchem sie eben verhandeln. Im allgemeinen werden infolge der so entstehenden »Konkurrenz« der Reflektanten untereinander Waren gleicher Art und Güte auf dem Markt unter geringen Abweichungen zu etwa dem nämlichen Preise ge- und verkauft werden. Dieselbe Rolle spielt die Börse, nur daß der dort für einen Gegenstand bestimmter Art und Güte, in einem bestimmten Moment sich ergebende Preis – der »Börsenkurs« des Tages bzw. der Stunde – eine Bedeutung von ungleich gewaltigerer Tragweite hat. In die Spalten der Zeitungen, welche täglich die an der Berliner Produktenbörse für Getreide, Sprit usw. gezahlten Preise veröffentlichen, blickt der Getreide-, Spritusw. Händler und der Landwirt in ganz Ostdeutschland. Der Getreidehändler berechnet sich: der Preis für die Tonne (1000 Kilogr.) Getreide ist X Mark, ungefähr dafür also werde ich Getreide verkaufen können. Y Mark kostet die Eisenbahnfracht nach Berlin; wenn ich Z Mark an der Tonne verdienen will, kann ich mithin höchstens X weniger Y weniger Z Mk. an meine Kunden bezahlen. Er sagt also dem Landwirt, der ihm sein Getreide bietet: ich bin bereit zu zahlen »so und so viel (nämlich wenigstens Y + Z) Mk. unter der heutigen Berliner Kursnotiz für Getreide«. In dieser Art wird der größte Teil der ostdeutschen Getreideernte verkauft, ebenso fast der sämtliche dort gebrannte Sprit den Produzenten abgekauft, für sie ist dieser Börsenkurs und seine Höhe eine Lebensfrage. Bestände die Börse nicht, so hätten sie gar keine Möglichkeit, ungefähr zu kontrollieren, wieviel Profit der Getreidehändler an dem Getreide macht, das er ihnen abnimmt, und wären seinem Belieben ausgeliefert. – In die Spalten der Zeitungen, welche die Kurse von Staatspapieren, Aktien usw. enthalten, sieht andererseits der Besitzer von solchen Papieren, um sich zu vergewissern, wie hoch an der Börse der Wert dessen, was er daran besitzt, veranschlagt wird. Er kauft mit Vorliebe »börsengängige« Papiere und leiht sein Geld meist nicht direkt irgendeinem soliden Geschäftsmanne oder Landwirt, der es brauchen kann, und ihm verzinst. Einmal weil es reiner Zufall ist, ob er gerade einen solchen findet. Vor allem aber auch deshalb, weil er es von ihm nicht jeden Augenblick wieder haben kann, sondern warten muß, bis die Schuld fällig ist: er könnte ja die Forderung einem andern, der sie ihm abnehmen und ihm dafür Geld geben will »zedieren« (d.h. übertragen), aber ob er einen solchen findet, und was dieser ihm zu zahlen bereit ist, fragt sich sehr. Bei einem Papier dagegen, welches an der Börse regelmäßig gehandelt wird, ist er jeden Augenblick, wenn er sein Geld braucht, sicher, einen Käufer an der Börse zu finden, zu ungefähr dem Preise, den er aus der Zeitung ersehen kann. Die Ziffern des Kurszettels sind für ihn ein Thermometer, aus dem er täglich sieht, wie hoch er das Vermögen, welches er besitzt, veranschlagen darf.

Auf diesen Umständen vornehmlich beruht die ungeheure Bedeutung, welche die Börsen für die Volkswirtschaft gewonnen haben, deren Regulatoren und Organisatoren sie heute zu werden begonnen haben, immer mehr werden, und solange die heutige Gesellschaftsordnung auch nur in irgend annähernd ähnlicher Art bestehen wird, auch werden müssen. Zugleich zeigt sich aber auch, von welch ungeheurer Wichtigkeit es ist, daß die Bildung und Feststellung des Preises (»Kurses«) auf der Börse sich in solider und richtiger Weise vollzieht. Für die Ermittelung der Preise, welche in den an der Börse gehandelten Waren und Papieren an den einzelnen Tagen gezahlt worden sind, haben alle Börsen Einrichtungen getroffen. Fast alle, speziell die größte deutsche Börse: die Berliner, geben ein amtliches »Kursblatt« heraus, durchweg unter Mitwirkung der Makler, welche die Geschäftsabschlüsse vermittelt haben, dessen Inhalt dann die Zeitungen abdrucken. Wie diese »Kurse« zustandekommen und in welcher Art und zwischen welchen Personen sich der Geschäftsverkehr, dessen Resultat sie sind, an der Börse abspielt, werden wir uns noch im einzelnen in einem weiteren Heft ansehen.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 20:43:08 •
Seite zuletzt aktualisiert: 27.10.2004 
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