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III. [Moderne Tendenzen auf Distanz-Vergrößerung und -Verkleinerung]

 

Im ganzen nun geht das ästhetische Interesse der letzten Zeit auf Vergrößerung der durch das Kunstwerden der Dinge geschaffenen Distanz gegen sie. Ich erinnere an den ungeheueren Reiz, den zeitlich und räumlich weit entfernte Kunststile für das Kunstgefühl der Gegenwart besitzen. Das Entfernte erregt sehr viele, lebhaft auf- und abschwingende Vorstellungen und genügt damit unserem vielseitigen Anregungsbedürfnis; doch klingt jede dieser fremden und fernen Vorstellungen wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu unseren persönlichsten und unmittelbaren Interessen nur leise an und mutet deshalb geschwächten Nerven nur eine behagliche Anregung zu. Was wir den »historischen Geist« in unserer Zeit nennen, ist vielleicht nicht nur eine begünstigende Veranlassung dieser Erscheinung, sondern quillt mit ihr aus der gleichen Ursache. Und wechselwirkend macht er, mit der Fülle der inneren Beziehungen, die er uns zu räumlich und zeitlich weit abstehenden Interessen gewährt, uns immer empfindlicher gegen die Chocs und Wirrnisse, die uns aus der unmittelbaren Nähe und Berührung mit Menschen und Dingen kommen. Die Flucht in das Nicht-Gegenwärtige wird erleichtert, verlustloser, gewissermaßen legitimiert, wenn sie zu der Vorstellung und dem Genuß konkreter Wirklichkeiten führt - die aber eben weit entfernte, nur ganz mittelbar zu fühlende sind. Daher nun auch der jetzt so lebhaft empfundene Reiz des Fragmentes, der bloßen Andeutung, des Aphorismus, des Symbols, der unentwickelten Kunststile. Alle diese Formen, die in allen Künsten heimisch sind, stellen uns in eine Distanz von dem Ganzen und Vollen der Dinge, sie sprechen zu uns »wie aus der Ferne«, die Wirklichkeit gibt sich in ihnen nicht mit gerader Sicherheit, sondern mit gleich zurückgezogenen Fingerspitzen. Das äußerste Raffinement unseres literarischen Stiles vermeidet die direkte Bezeichnung der Objekte, streift mit dem Worte nur eine abgelegene Ecke ihrer, faßt statt der Dinge nur die Schleier, die um die Dinge sind. Am entschiedensten beweisen wohl die symbolistischen Neigungen in bildenden und redenden Künsten eben dieses. Hier wird die Distanz, die die Kunst schon als solche zwischen uns und die Dinge stellt, noch um eine Station erweitert, indem die Vorstellungen, die den Inhalt des schließlich zu erregenden Seelenvorganges bilden, in dem Kunstwerke selbst überhaupt kein sinnliches Gegenbild mehr haben, sondern erst durch Wahrnehmbarkeiten ganz anderen Inhaltes zum Anklingen gebracht werden. In alledem zeigt sich ein Zug des Empfindens wirksam, dessen pathologische Ausartung die sogenannte »Berührungsangst« ist: die Furcht, in allzu nahe Berührung mit den Objekten zu kommen, ein Resultat der Hyperästhesie, der jede unmittelbare und energische Berührung ein Schmerz ist. Daher äußert sich auch die Feinsinnigkeit, Geistigkeit, differenzierte Empfindlichkeit so überwiegend vieler moderner Menschen im negativen Geschmack, d.h. in der leichten Verletzbarkeit durch Nicht-Zusagendes, in dem bestimmten Ausschließen des Unsympathischen, in der Repulsion durch Vieles, ja oft durch das Meiste des gebotenen Kreises von Reizen, während der positive Geschmack, das energische Ja-Sagen, das freudige und rückhaltlose Ergreifen des Gefallenden, kurz die aktiv aneignenden Energien große Fehlbeträge aufweisen.

Es erstreckt sich aber jene innere Tendenz, die wir unter dem Symbol der Distanz betrachten, weit über das ästhetische Gebiet hinaus. So muß der philosophische Materialismus, der die Wirklichkeit unmittelbar zu fassen glaubte, auch heute wieder vor subjektivistischen oder neu-kantischen Theorien zurückweichen, die die Dinge erst durch das Medium der Seele brechen oder destillieren lassen, ehe sie sie zu Erkenntnissen werden lassen. Der Subjektivismus der neueren Zeit hat dasselbe Grundmotiv, von dem uns die Kunst getragen schien: ein innigeres und wahreres Verhältnis zu den Dingen dadurch zu gewinnen, daß wir, uns in uns selbst zurückziehend, von ihnen abrücken, oder die immer bestehende Distanz gegen sie nun bewußt anerkennen. Und wenn dieser Subjektivismus unvermeidlicher Weise mit dem stärkeren Selbstbewußtsein unserer Innerlichkeit diese auch häufiger betonen und besprechen läßt, so ist doch andrerseits mit ihm eine neue, tiefere, bewußtere Scham verbunden, eine zarte Scheu, das Letzte auszusprechen oder auch einem Verhältnis die naturalistische Form zu geben, die sein Innerstes Fundament fortwährend sichtbar machte. Und auf weiteren wissenschaftlichen Gebieten: innerhalb der ethischen Überlegungen tritt die platte Nützlichkeit als Wertmaßstab des Wollens immer weiter zurück, man sieht, daß dieser Charakter des Handelns eben nur dessen Beziehung zu dem Allernächstliegenden betrifft und daß es deshalb seine eigentümliche Direktive, die es über seine bloße Technik als Mittel heraushebe, von höher aufblickenden, oft religiösen, der sinnlichen Unmittelbarkeit kaum verwandten Prinzipien erhalten muß. Endlich: über der spezialistischen Detailarbeit erhebt sich von allen Seiten her der Ruf nach Zusammenfassung und Verallgemeinerung, also nach einer überschauenden Distanz von allen konkreten Einzelheiten, nach einem Fernbild, in dem alle Unruhe des Nahewirkenden aufgehoben und das bisher nur Greifbare nun auch begreifbar würde.

 


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