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III. [Das Tempo des Lebens, seine Veränderungen und die des Geldbestandes]

 

Endlich gibt es eine dritte Beeinflussung, durch die das Geld den Inhalten des Lebens ihre Form und Ordnung bestimmen hilft; sie betrifft das Tempo des Verlaufs derselben, in dem sich die verschiedenen historischen Epochen, die Zonen der gleichzeitigen Welt, die Individuen desselben Kreises unterscheiden. Unsere innere Welt ist gleichsam nach zwei Dimensionen ausgedehnt, deren Maße über das Lebenstempo bestimmen. Je tiefer die Unterschiede zwischen den Vorstellungsinhalten - selbst bei gleicher Zahl der Vorstellungen - in einer Zeiteinheit sind, desto mehr lebt man, eine desto größere Lebensstrecke gleichsam wird zurückgelegt. Was wir als das Tempo des Lebens empfinden, ist das Produkt aus der Summe und der Tiefe seiner Veränderungen. Die Bedeutung, die dem Gelde für die Herstellung des Lebenstempos einer gegebenen Epoche zukommt, mag zunächst aus den Folgen hervorleuchten, die eben die Veränderung der Geldverhältnisse für die Veränderung jenes Tempos aufweisen.

Man hat behauptet, daß die Vermehrung des Geldquantums, sei es durch Metallimporte, oder durch Verschlechterung des Geldes, durch positive Handelsbilanzen oder durch Papiergeldausgabe, den inneren Status des Landes ganz ungeändert lassen müßte. Denn wenn man von den wenigen Personen absehe, deren Einkommen in nicht vermehrbaren festen Bezügen besteht, so sei zwar bei Geldvermehrung jede Ware oder Leistung mehr Geld wert, als vorher, allein da jedermann sowohl Konsument wie Produzent sei, so nehme er als letzterer nur soviel mehr ein, wie er als ersterer mehr ausgebe, und alles bleibe beim Alten. Selbst wenn eine solche proportionale Preissteigerung der objektive Effekt der Geldvermehrung wäre, so würde sie dennoch sehr wesentliche psychologische Veränderungserscheinungen mit sich bringen. Man entschließt sich nicht leicht, einen über dem bisherigen und gewohnten liegenden Preis für eine Ware anzulegen, selbst wenn das eigene Einkommen inzwischen gestiegen ist; und man läßt sich andrerseits durch gewachsenes Einkommen leicht zu allerhand Aufwendungen bestimmen, ohne zu bedenken, daß jenes Plus durch die Preissteigerung der täglichen Bedürfnisse ausgeglichen wird. Die bloße Vermehrung des Geldquantums, das man auf einmal in der Hand hat, vermehrt, ganz unabhängig von allen Überlegungen ihrer bloßen Relativität, die Versuchung zum Geldausgeben und bewirkt damit einen gesteigerten Warenumsatz, also eine Vermehrung, Beschleunigung und Vermannigfaltigung der ökonomischen Vorstellungen. Jener Grundzug unseres Wesens: das Relative psychologisch zum Absoluten auswachsen zu lassen - nimmt der Beziehung zwischen einem Objekte und einem bestimmten Geldquantum ihren fließenden Charakter und verfestigt sie zu sachlicher, dauernder Angemessenheit. Dadurch entsteht nun, sobald das eine Glied des Verhältnisses sich ändert, eine Erschütterung und Desorientierung. Die Alterierung in den Aktiven und den Passiven gleicht sich in ihren psychologischen Wirkungen keineswegs unmittelbar aus, von jeder Seite her wird das Bewußtsein der ökonomischen Prozesse in der bisherigen Stetigkeit seines Verlaufs unterbrochen, der Unterschied gegen den vorigen Stand macht sich auf jeder gesondert geltend. Solange die neue Anpassung nicht vollzogen ist, wird die gleichmäßige Vermehrung des Geldes zu fortwährenden Differenzgefühlen und psychischen Chocs Veranlassung geben, so die Unterschiede, das Sich-Gegeneinander-Absetzen innerhalb der ablaufenden Vorstellungen vertiefen und damit das Tempo des Lebens beschleunigen. Deshalb ist es mindestens mißverständlich, wenn man aus der dauernden Steigerung der Einkommen auf eine »Konsolidierung der Gesellschaft« geschlossen hat. Gerade vermöge der Vermehrung des Geldeinkommens ergreift die unteren Stände eine Erregtheit, die, je nach dem Parteistandpunkt, als Begehrlichkeit und Neuerungssucht, oder als gesunde Entwicklung und Schwungkraft gedeutet wird, aber bei größerer Stabilität des Einkommens und der Preise - die zugleich Stabilität der sozialen Abstände bedeutet - jedenfalls ausbleibt.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 27.09.2004