Home  Impressum  Copyright

I. [Die Doppelrolle des Intellekts wie des Geldes; ihrem Inhalte nach überpersönlich, ihrer Funktion nach individualistisch und egoistisch; Beziehung zu dem Rationalismus des Rechtes und der Logik]

 

Diese Begründung der Korrelation zwischen Intellektualität und geldmäßiger Wirtschaft auf die Objektivität und charakterologische Unbestimmtheit, die beiden gemeinsam wären, begegnet nun aber einer sehr entschiedenen Gegeninstanz. Neben der unpersönlichen Sachlichkeit nämlich, die der Intelligenz ihren Inhalten nach eigen ist, steht eine äußerst enge Beziehung, die sie gerade zur Individualität und zum ganzen Prinzip des Individualismus besitzt; das Geld seinerseits, so sehr es die impulsiv-subjektivistischen Verfahrungsweisen in überpersönliche und sachlich normierte überführt, ist dennoch die Pflanzstätte des wirtschaftlichen Individualismus und Egoismus. Hier liegen also offenbar Mehrdeutigkeiten und Verschlingungen der Begriffe vor, die klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren Lebensstil zu verstehen. Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen trägt, bzw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte sagen: kommunistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner Inhalte ist, daß sie allgemein mitteilbar sind, und daß, ihre Richtigkeit vorausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen muß überzeugen lassen können - wozu es auf den Gebieten des Willens und des Gefühles gar kein Analogen gibt. Auf diesen hängt jede Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrachten und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der individuellen Seele ab; ihr gegenüber gibt es keine Beweise, wie sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu verbreiten. Die Belehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, daß man sich auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt, daß die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Komplikationen abgesehen, die eifersüchtige Ausschließlichkeit nicht kennen, die die praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z.B. die mit dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du verbundenen, würden ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesentlich, daß Andere von ihnen, sowohl dem Erstreben wie dem Erreichen nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen, wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht geringer wird, daß beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluß auf ihre Bedeutung hat, entzieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebensinhalte dem Privatbesitz. Endlich bieten sie sich durch die Fixierung, über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres Inhaltes alle individuellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, ausschließt. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzulegen, daß jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an der Hand des objektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer wieder erzeugen kann - wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegenüber in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich bewegenden Sprache ein zulängliches, von der individuellen Disposition relativ unabhängiges Mittel besitzen. Nach ganz anderer Richtung aber entwickelt sich nun die Bedeutung des Intellektes, sobald die realen geschichtlichen Kräfte mit jenen abstrakten Sachlichkeiten und Möglichkeiten seines Inhaltes zu schalten beginnen. Zunächst ist es gerade die Allgemeingültigkeit der Erkenntnis und ihre daraus folgende Eindringlichkeit und Unwiderstehlichkeit, die sie zu einer furchtbaren Waffe der irgend hervorragenderen Intelligenzen macht. Gegen einen überlegenen Willen können wenigstens die nicht suggestiblen Naturen sich wehren; einer überlegenen Logik aber kann man sich nur durch ein eigensinniges: Ich will nicht - entziehen, womit man sich denn doch als den schwächeren bekennt. Es kommt hinzu, daß zwar die großen Entscheidungen zwischen den Menschen von den überintellektuellen Energien ausgehen, der tägliche Kampf um das Sein und Haben aber durch das einzusetzende Maß von Klugheit entschieden zu werden pflegt. Die Macht der größeren Intelligenz beruht gerade auf dem kommunistischen Charakter ihrer Qualität: weil sie inhaltlich das Allgemeingültige und überall Wirksame und Anerkannte ist, gibt schon das bloße Quantum ihrer, das jemandem durch seine Anlage zugängig ist, ihm einen unbedingteren Vorsprung, als ein qualitativ individuellerer Besitz es könnte, der eben wegen seiner Individualität nicht überall verwendbar ist und nicht ebenso an jedem Punkte der praktischen Welt irgendein Herrschaftsgebiet findet. Hier wie sonst ist es gerade der Boden des gleichen Rechtes für Alle, der die individuellen Unterschiede zur vollen Entwicklung und Ausnutzung bringt. Gerade weil die bloß verstandesmäßige, auf die unbegründbaren Betonungen des Wollens und Fühlens verzichtende Vorstellung und Ordnung der menschlichen Verhältnisse keinen a priori gegebenen Unterschied zwischen den Individuen kennt, hat sie ebensowenig Grund, dem a posteriori hervortretenden irgend etwas von der Ausdehnung abzuschneiden, zu der er von sich aus gelangen kann - was durch den sozialen Pflicht-Willen wie durch die Gefühle von Liebe und Mitleid so oft geschieht. Darum ist die rationalistische Weltauffassung - die, unparteiisch wie das Geld, auch das sozialistische Lebensbild genährt hat - die Schule des neuzeitlichen Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens der Individualität geworden. Für die gewöhnliche - nicht gerade vertiefte - Anschauung ist das Ich im Praktischen nicht weniger als im Theoretischen die selbstverständliche Grundlage und das unvermeidlich erste Interesse; alle Motive der Selbstlosigkeit erscheinen nicht als ebenso natürliche und autochthone, sondern als nachträgliche und gleichsam künstlich angepflanzte. Der Erfolg davon ist, daß das Handeln im selbstischen Interesse als das eigentlich und einfach »logische« gilt. Alle Hingabe und Aufopferung scheint aus den irrationalen Kräften des Gefühls und Willens zu fließen, so daß die bloßen Verstandesmenschen dieselbe als einen Beweis mangelnder Klugheit zu ironisieren oder als den Umweg eines versteckten Egoismus zu denunzieren pflegen. Gewiß ist dies schon deshalb irrig, weil auch der egoistische Wille eben Wille ist, so gut wie der altruistische, und so wenig wie dieser aus dem bloßen verstandesmäßigen Denken herausgepreßt werden kann; dieses vielmehr kann, wie wir sahen, immer nur die Mittel, für das eine wie für das andere, an die Hand geben, es steht dem praktischen Zweck, der diese auswählt und verwirklicht, völlig indifferent gegenüber. Allein da jene Verbindung der reinen Intellektualität mit dem praktischen Egoismus nun einmal eine verbreitete Vorstellung ist, so wird sie wohl, wenn auch nicht mit der angeblichen logischen Unmittelbarkeit, so doch auf irgendwelchen psychologischen Umwegen irgendeine Wirklichkeit haben. Aber nicht nur der eigentlich ethische Egoismus, sondern auch der soziale Individualismus erscheint als das notwendige Korrelat der Intellektualität. Aller Kollektivismus, der eine neue Lebenseinheit aus und über den Individuen schafft, scheint dem nüchternen Verstande etwas Mystisches, ihm Undurchdringliches zu enthalten, sobald er es eben nicht in die bloße Summe der Individuen auflösen kann - wie die Lebenseinheit des Organismus, soweit er ihn nicht als Mechanismus der Teile verstehen kann. Darum ist mit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der sich zur Revolution aufgipfelte, ein strenger Individualismus verbunden, und erst die Opposition gegen den ersteren, die von Herder über die Romantik führte, hat mit der Anerkennung der überindividuellen Gefühlspotenzen des Lebens auch die überindividuellen Kollektivitäten als Einheiten und historische Wirklichkeiten anerkannt. Die Allgemeingültigkeit der Intellektualität ihren Inhalten nach wirkt, indem sie für jede individuelle Intelligenz gilt, auf eine Atomisierung der Gesellschaft hin, sowohl vermittels ihrer wie von ihr aus gesehen erscheint jeder als ein In sich geschlossenes Element neben jedem anderen, ohne daß diese abstrakte Allgemeinheit irgendwie in die konkrete überginge, in der der Einzelne erst mit den anderen zusammen eine Einheit bildete. Endlich hat die innere Zugängigkeit und Nachdenkbarkeit theoretischer Erkenntnisse, die sich niemandem so prinzipiell versagen können, wie gewisse Gefühle und Wollungen es tun, eine Konsequenz, die ihr praktisches Resultat direkt umkehrt. Zunächst bewirkt gerade jene allgemeine Zugängigkeit, daß Umstände ganz jenseits der personalen Qualifikation über die tatsächliche Ausnutzung derselben entscheiden: was zu dem ungeheuren Übergewicht des unintelligentesten »Gebildeten« über den klügsten Proletarier führt. Die scheinbare Gleichheit, mit der sich der Bildungsstoff jedem bietet, der ihn ergreifen will, ist in der Wirklichkeit ein blutiger Hohn, gerade wie andere Freiheiten liberalistischer Doktrinen, die den Einzelnen freilich an dem Gewinn von Gütern jeder Art nicht hindern, aber übersehen, daß nur der durch irgendwelche Umstände schon Begünstigte die Möglichkeit besitzt, sie sich anzueignen. Da nun die Inhalte der Bildung - trotz oder wegen ihres allgemeinen Sich-Darbietens - schließlich nur durch individuelle Aktivität angeeignet werden, so erzeugen sie die unangreifbarste, weil ungreifbarste Aristokratie, einen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, der nicht wie ein ökonomisch-sozialer durch ein Dekret oder eine Revolution auszulöschen ist, und auch nicht durch den guten Willen der Betreffenden; Jesus konnte dem reichen Jüngling wohl sagen: Schenke deinen Besitz den Armen, aber nicht: Gib deine Bildung den Niederen. Es gibt keinen Vorzug, der dem Tieferstehenden so unheimlich erschiene, dem gegenüber er sich so innerlich zurückgesetzt und wehrlos fühlte, wie der Vorzug der Bildung; weshalb denn Bestrebungen, die auf die praktische Gleichheit ausgingen, so oft und in so vielen Variationen die intellektuelle Bildung perhorreszierten: von Buddha, den Zynikern, dem Christentum in gewissen seiner Erscheinungen an bis zu Robespierres: nous n'avons pas besoin de savants. Wozu das sehr Wesentliche kommt, daß die Fixierung der Erkenntnisse durch Sprache und Schrift - abstrakt betrachtet, ein Träger ihres kommunistischen Wesens - eine Anhäufung und namentlich Verdichtung derselben ermöglicht, die die Kluft zwischen Hoch und Niedrig in dieser Hinsicht sich stetig erweitern läßt. Der intellektuell beanlagte oder material sorgenfreiere Mensch wird um so mehr Chancen haben, über die Masse hinauszuragen, je größer und zusammengedrängter der vorliegende Bildungsstoff ist. Wie dem Proletarier heute mancherlei früher versagte Komforts und Kulturgenüsse zugängig sind, zugleich aber - besonders wenn wir mehrere Jahrhunderte und Jahrtausende zurücksehen - die Kluft zwischen seiner Lebenshaltung und der der höheren Stände doch viel größer geworden ist: so bringt die allgemeine Erhöhung des Erkenntnisniveaus durchaus keine allgemeine Nivellierung, sondern das Gegenteil davon hervor.

 


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 19:24:53 •
Seite zuletzt aktualisiert: 27.09.2004