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III. [Die Gratisleistung des Geistes]


Von dem Anteil des Geistes an der Arbeit ist zunächst behauptet worden, daß er kein »Aufwand« sei, er fordere keinen Ersatz wegen Abnutzung und erhöhe deshalb die Kosten des Produktes nicht; so daß als Begründerin des Tauschwertes nur die Muskelarbeit übrigbleibe. Wenn man dem gegenüber hervorgehoben hat, daß auch die geistige Kraft erschöpfbar sei und ganz ebenso wie die körperliche durch Ernährung erhalten und ersetzt werden müßte, so ist dabei das Moment von Wahrheit übersehen, das jener Theorie, wenn auch nur als instinktives Gefühl, zum Grunde liegen mag. Der Anteil des Geistes an einem Arbeitsprodukt bedeutet nämlich zwei scharf zu unterscheidende Seiten desselben. Wenn ein Tischler einen Stuhl nach einem längst bekannten Modell herstellt, so geht das freilich nicht ohne einen Aufwand psychischer Tätigkeit ab, die Hand muß vom Bewußtsein geleitet werden. Allein dies ist keineswegs die ganze in dem Stuhl investierte Geistigkeit. Er wäre auch nicht herstellbar ohne die geistige Tätigkeit desjenigen, der, vielleicht vor Generationen, das Modell dazu ersonnen hat; auch die hiermit verbrauchte psychische Kraft bildet eine praktische Bedingung dieses Stuhles. Nun aber besteht der Inhalt dieses zweiten geistigen Prozesses in einer Form weiter, in der er keinen psychischen Kraftaufwand mehr involviert: als Tradition, objektiv gewordener Gedanke, den jeder aufnehmen und nachdenken kann. In dieser Form wirkt er im Produktionsprozeß des jetzigen Tischlers, bildet den Inhalt der aktuellen geistigen Funktion, die freilich von dessen subjektiver Kraft getragen und vollzogen werden muß, und geht vermöge dieser letzteren in das Produkt, als dessen Form, ein. Die zweierlei psychischen Betätigungen, von denen ich erst sprach, sind ganz sicher der Abnutzung und der Notwendigkeit eines physiologischen Ersatzes unterworfen: sowohl die des Tischlers wie die des Erfinders des Stuhles. Aber das dritte geistige Moment, das offenbar für das jetzige Zustandekommen des Stuhles entscheidend wichtig ist, ist allerdings dem Verbrauchtwerden enthoben, und nach der Idee dieses Stuhles mögen Tausende von Exemplaren gearbeitet werden, sie selbst leidet dadurch keine Abnutzung, fordert keine Restaurierung und vermehrt also allerdings, obgleich sie den formgebenden, sachlich-geistigen Gehalt jedes einzelnen Stuhles dieser Art bildet, die Kosten desselben nicht. Unterscheidet man also mit der erforderlichen Schärfe zwischen dem objektiv-geistigen Inhalt in einem Produkt und der subjektiven geistigen Funktion, die nach der Norm jenes Inhaltes das Produkt herstellt, so sieht man das relative Recht jener Behauptung, daß der Geist nichts koste; freilich auch ihr relatives Unrecht, weil diese unentgeltliche und unvernutzbare Idee des Dinges sich nicht von selbst in Produkten verwirklicht, sondern nur vermittels eines Intellekts, dessen jetziges, jener Idee gemäßes Funktionieren organische Kraft fordert und zu dem Kostenwert des Produktes aus denselben Gründen beiträgt, wie die Muskelleistung es tut - wenngleich der durch einen so präformierten Inhalt gelenkte psychische Aufwand natürlich ein viel geringerer ist, als wenn er zugleich den Inhalt originell aufzubringen hat. Die Differenz zwischen beiden ist die Gratisleistung des Geistes. Und dieses ideell-inhaltliche Moment ist es, das den geistigen Besitz nach zwei Seiten hin so völlig von dem ökonomischen unterscheidet: er kann einem einerseits viel gründlicher, andrerseits viel weniger genommen werden, als dieser. Der einmal ausgesprochene Gedanke ist durch keine Macht der Welt wieder einzufangen, sein Inhalt ist unwiderruflich öffentliches Eigentum aller, die die psychische Kraft, ihn nachzudenken, aufwenden. Deshalb aber kann er einem auch, wenn dies einmal geschehen ist, durch keine Macht der Welt wieder geraubt werden, der einmal gedachte Gedanke bleibt, als immer wieder reproduzierbarer Inhalt, der Persönlichkeit so unentreißbar verbunden, wie es im ökonomischen gar keine Analogie findet. Indem sich der geistige Prozeß aus seinem Inhalt, der diese überökonomische Bedeutung hat, und dem psychologischen Prozeß als solchem zusammensetzt, handelt es sich hier ersichtlich nur um den letzteren, um die Frage, welche Rolle der seelische Kraftverbrauch in der Wertbildung noch neben der Muskelarbeit spiele.


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