Erstes Kapitel:
Der Gestaltungsprozeß der klassischen Kunstform


In dem Begriff des freien Geistes liegt unmittelbar das Moment, in sich zu gehen, zu sich zu kommen, für sich selber zu sein und dazusein, wenn auch diese Vertiefung in das Reich der Innerlichkeit, wie schon früher ist angedeutet worden, weder zu der negativen Verselbständigung des Subjekts in sich gegen alles im Geist Substantielle und in der Natur Bestandhabende noch zu jener absoluten Versöhnung fortzuschreiten braucht, welche die Freiheit der wahrhaft unendlichen Subjektivität ausmacht. Mit der Freiheit des Geistes aber, in welcher Form sie auch auftreten möge, ist überhaupt das Aufheben der bloßen Natürlichkeit als des dem Geiste Anderen verbunden. Der Geist muß sich zunächst in sich aus der Natur zurückziehen, sich über sie erheben und sie überwinden, ehe er imstande ist, ungehindert in ihr als in einem widerstandslosen Elemente zu walten und sie zu einem positiven Dasein seiner eigenen Freiheit umzuformen. Fragen wir nun aber nach dem bestimmteren Objekt, durch dessen Aufhebung in der klassischen Kunst der Geist sich seine Selbständigkeit erwirbt, so ist dies Objekt nicht die Natur als solche, sondern eine selbst schon von Bedeutungen des Geistes durchzogene Natur, die symbolische Kunstform nämlich, welche sich der unmittelbaren Naturgestaltungen zum Ausdruck des Absoluten bediente, indem das Kunstbewußtsein entweder in Tieren usf. gegenwärtige Götter sah oder vergeblich in falscher Weise nach der wahren Einheit des Geistigen und Natürlichen rang. Dieses falsche Verknüpfen ist es, durch dessen Aufhebung und Umgestaltung das Ideal sich erst als Ideal hervorbringt und das zu Überwindende deshalb innerhalb seiner, als ein ihm selber zugehöriges Moment, zu entwickeln hat. - Hieraus läßt sich sogleich beiläufig die Frage erledigen, ob die Griechen ihre Religion von fremden Völkern hergenommen haben oder nicht. Daß untergeordnete Standpunkte als Voraussetzung des Klassischen dem Begriff nach notwendig sind, haben wir bereits gesehen. Diese, insofern sie wirklich erscheinen und in der Zeit sich auseinanderlegen, sind der höheren Form gegenüber, welche sich herauszuarbeiten strebt, ein Vorhandenes, von dem die neu sich entwickelnde Kunst ausgeht; wenn dies auch in betreff auf die griechische Mythologie nicht durchweg durch historische Zeugnisse erwiesen ist. Das Verhältnis nun aber des griechischen Geistes zu diesen Voraussetzungen ist wesentlich ein Verhältnis des Bildens und zunächst des negativen Umbildens. Wäre dies nicht der Fall, so müßten die Vorstellungen und Gestalten dieselben geblieben sein. Herodot sagt zwar in der schon früher angeführten Stelle [II, 53] von Homer und Hesiod, sie hätten den Griechen ihre Götter gemacht, aber er spricht auch ausdrücklich von den einzelnen Göttern, wie dieser oder jener ägyptisch usf. sei; das dichterische Machen schließt daher nicht ein Empfangen von anderen aus, sondern deutet nur auf ein wesentliches Umgestalten hin. Denn mythologische Vorstellungen hatten die Griechen schon vor der Zeit, in welche Herodot jene ersten beiden Dichter setzt.

Fragen wir nun weiter nach den näheren Seiten dieser notwendigen Umgestaltung des dem Ideal allerdings Zugehörigen, zunächst aber noch Ungehörigen, so finden wir sie als Inhalt der Mythologie selber auf naive Weise vorgestellt. Die Haupttat der griechischen Götter ist, sich zu erzeugen und sich aus dem Vorhergegangenen, das in die Entstehungsgeschichte und den Fortgang ihres eigenen Geschlechtes fällt, zu konstituieren. Dazu gehört, insofern die Götter als geistige Individuen in leiblicher Gestalt dasein sollen, auf der einen Seite, daß der Geist, statt sich in dem bloß Lebendigen und Tierischen die Anschauung seines Wesens zu geben, das Lebendige vielmehr als eine Unwürdigkeit, als sein Unglück und seinen Tod ansehe, und andererseits, daß er über das Elementarische der Natur und seine verworrene Darstellung in demselben siege. Umgekehrt aber ist es für das Ideal der klassischen Götter ebenso notwendig, nicht nur wie der individuelle Geist in seiner abstrakten endlichen Abgeschlossenheit der Natur und deren elementarischen Mächten gegenüberzustehen, sondern die Elemente des allgemeinen Naturlebens seinem Begriffe nach in sich selber als ein Moment zu haben, welches das Leben des Geistes ausmacht. Wie die Götter in sich wesentlich allgemein und in dieser Allgemeinheit schlechthin bestimmte Individuen sind, so muß auch die Seite ihrer Leiblichkeit das Natürliche zugleich als wesentliche weitreichende Naturgewalt und mit dem Geistigen verschlungene Tätigkeit an sich haben.

In dieser Rücksicht können wir den Gestaltungsprozeß der klassischen Kunstform folgendermaßen gliedern.

Der erste Hauptpunkt betrifft die Herabsetzung des Tierischen und Entfernung desselben von der freien, reinen Schönheit.

Die zweite, wichtigere Seite bezieht sich auf die elementarischen, zunächst selbst noch als Götter hingestellten Naturmächte, durch deren Besiegung erst das echte Göttergeschlecht zur unbestrittenen Herrschaft gelangen kann; auf den Kampf und Krieg der alten und der neuen Götter.

Diese negative Richtung wird dann aber drittens, nachdem der Geist sein freies Recht gewonnen hat, ebensosehr wieder affirmativ, und die elementarische Natur macht eine positive, von der   individuellen Geistigkeit durchdrungene Seite der Götter aus, die nun auch das Tierische, wenn auch nur als Attribut und äußeres Zeichen, um sich herumstellen.

Nach diesen Gesichtspunkten wollen wir jetzt noch kurz die bestimmteren Züge, welche hier in Betracht kommen, herauszuheben suchen.



Inhalt:


1. Die Degradation des Tierischen
2. Der Kampf der alten und neuen Götter
3. Positive Erhaltung der negativ gesetzten Momente


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Seite zuletzt aktualisiert: 28.10.2006 
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