A. Der Pantheismus der Kunst


Mit dem Worte Pantheismus ist man jetziger Zeit sogleich den gröbsten Mißverständnissen ausgesetzt. Denn auf der einen Seite bedeutet »alles« in unserem modernen Sinne: alles und jedes in seiner ganz empirischen Einzelheit; diese Dose z. B. nach allen ihren Eigenschaften, von dieser Farbe, soundso groß, so geformt, so schwer usf., oder jenes Haus, Buch, Tier, jener Tisch, Stuhl, Ofen, Wolkenstreif usf. Behaupten nun manche heutigen Theologen von der Philosophie, sie mache alles zu Gott, so ist, in dem eben berührten Sinne des Worts genommen, dies Faktum, welches der Philosophie aufgebürdet, und damit auch die Anklage, welche deshalb gegen sie erhoben wird, ganz und gar falsch. Eine solche Vorstellung von Pantheismus kann nur in verrückten Köpfen entstehen und findet sich weder in irgendeiner Religion, selbst nicht einmal bei den Irokesen und Eskimos, noch in irgendeiner Philosophie. Das Alles in dem, was man Pantheismus genannt hat, ist daher nicht dieses oder jenes Einzelne, sondern vielmehr das Alles im Sinne des All, d. h. des einen Substantiellen, das zwar immanent ist in den Einzelheiten, aber mit Abstraktion von der Einzelheit und deren empirischer Realität, so daß nicht das Einzelne als solches, sondern die allgemeine Seele oder, populärer ausgedrückt, das Wahre und Vortreffliche, welches auch in diesem Einzelnen eine Gegenwart hat, herausgehoben und gemeint ist.

Dies macht die eigentliche Bedeutung des Pantheismus aus, und in dieser Bedeutung allein haben wir hier von ihm zu sprechen. Er gehört vornehmlich dem Morgenlande an, das den Gedanken einer absoluten Einheit des Göttlichen und aller Dinge als in dieser Einheit auffaßt. Als Einheit und All nun kann das Göttliche nur zum Bewußtsein kommen durch das Wiederverschwinden der aufgezählten Einzelheiten, in denen es als gegenwärtig ausgesprochen wird. Einerseits also ist hier das Göttliche vorgestellt als immanent in den verschiedensten Gegenständen, und näher zwar als das Vorzüglichste und Hervorragendste unter und in den verschiedenen Existenzen; andererseits aber, indem das Eine dieses und anderes und wieder anderes ist und sich in allem herumwirft, erscheinen ebendadurch die Einzelheiten und Partikularitäten als aufgehobene und verschwindende; denn nicht jedes Einzelne ist dies Eine, sondern das Eine ist diese gesamten Einzelheiten, welche für die Anschauung in die Gesamtheit aufgehen. Denn ist das Eine z. B. das Leben, so ist es auch wieder der Tod - und damit eben nicht nur Leben -, so daß also das Leben oder die Sonne, das Meer nicht als Leben, Meer oder Sonne das Göttliche und Eine ausmachen. Zugleich aber ist hier noch nicht, wie in der eigentlichen Erhabenheit, das Akzidenteile ausdrücklich als negativ und dienend gesetzt, sondern die Substanz wird im Gegenteil, da sie in allem Besonderen diese Eine ist, an sich zu einem Besonderen und Akzidenteilen; dies Einzelne jedoch umgekehrt - da es ebensosehr wechselt und die Phantasie die Substanz nicht auf ein bestimmtes Dasein beschränkt, sondern über jede Bestimmtheit, um zu einer anderen weiterzuschreiten, fortgeht und sie fallenläßt - wird damit seinerseits zu dem Akzidenteilen, über welches die eine Substanz hinweggehoben und dadurch erhaben ist.

Eine solche Anschauungsweise vermag sich deshalb auch künstlerisch nur durch die Dichtkunst auszusprechen, nicht durch die bildenden Künste, welche das Bestimmte und Einzelne, das sich gegen die in dergleichen Existenzen vorhandene Substanz auch aufgeben soll, nur als daseiend und verharrend vor Augen bringen. Wo der Pantheismus rein ist, gibt es keine bildende Kunst für die Darstellungsweise desselben.



Inhalt:


1. Indische Poesie
2. Mohammedanische Poesie
3. Christliche Mystik



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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