XIII.5. Wissenschaftliche Übungen der Griechen

 

 Keinem Volk der Erde tut man sein Recht an, wenn man ihm ein fremdes Ideal der Wissenschaft aufdringt; so ist's mit vielen Völkern Asiens auch den Griechen gegangen, und man hat sie mit Lobe und Tadel oft unbillig überhäuft. Von keiner spekulativen Dogmatik z.B. über Gott und die menschliche Seele wußten die Griechen; die Untersuchungen hierüber waren freie Privatmeinungen, sobald der Weltweise die gottesdienstlichen Gebräuche seines Landes beobachtete und keine politische Partei ihm im Wege stand. In Rücksicht dieser hat sich der menschliche Geist in Griechenland, wie überall, seinen Raum erkämpfen müssen, den er sich aber doch zuletzt wirklich erkämpfte.

 Von alten Göttersagen und Theogonien ging die griechische Weltweisheit aus, und es ist merkwürdig viel, was der feine Geist dieser Nation hierüber ausspann. Die Dichtungen von der Geburt der Götter, vom Streit der Elemente, von Haß und Liebe der Wesen gegeneinander sind von ihren verschiedenen Schulen in so verschiedenen Richtungen ausgebildet worden, daß man beinah sagen möchte, sie waren so weit, als wir sind, wenn wir ohne Naturgeschichte Weltentstehungen dichten. Ja in gewissem Betracht waren sie weiter, weil ihr Sinn freier war und keine gegebne Hypothese ihnen ein Ziel vorsteckte. Selbst die Zahlen Pythagoras' und anderer Philosophen sind kühne Versuche, die Wissenschaft der Dinge mit dem reinsten Begriff der menschlichen Seele, einer deutlich gedachten Größe zu paaren; weil aber sowohl die Naturwissenschaft als die Mathematik damals noch in ihrer Kindheit waren, so kam dieser Versuch zu frühe. Immer aber lockt er uns, so wie die Systeme mancher andern griechischen Philosophen, eine Art von Verehrung ab, weil diese allesamt, jedes aus seinem Standpunkt, tief durchdacht und von weitem Umfange waren; manchem derselben liegen Wahrheiten und Bemerkungen zum Grunde, die wir seitdem, vielleicht nicht zum Vorteil der Wissenschaft, aus den Augen verloren haben, Daß z.B. keiner der alten Philosophen sich an Gott ein außerweltliches Wesen oder eine höchst metaphysische Monade dachte, sondern alle bei dem Begriff einer Weltseele stehenblieben, war der Kindheit menschlicher Philosophie völlig angemessen und wird ihr vielleicht immer angemessen bleiben. Schade ist's, daß wir der kühnsten Philosophen Meinung nur aus verstümmelten Nachrichten, nicht aber aus ihren eignen Schriften im Zusammenhange wissen; aber noch mehr schade, daß wir uns ungern in ihre Zeit setzen und sie lieber unserer Denkart bequemen. Jede Nation hat in allgemeinen Begriffen ihre eigene Sehart, die meistens in den Formen des Ausdrucks, kurz, in der Tradition ihren Grund hat, und da bei den Griechen die Philosophie aus Gedichten und Allegorien entstanden war, so gaben diese auch ihren Abstraktionen ein eigentümliches, ihnen nicht undeutliches Gepräge. Selbst noch bei Plato sind seine Allegorien nicht bloße Ziererei; ihre Bilder sind wie klassische Sprüche der Vorzeit, feinere Entwickelungen der alten Dichtertraditionen.

 Zur menschlichen und moralischen Philosophie aber neigte sich der Forschungsgeist der Griechen vorzüglich, weil ihre Zeit und Verfassung sie am meisten dieses Weges führte. Naturgeschichte, Physik und Mathematik waren damals noch lange nicht gnug angebaut und zu unsern neuern Entdeckungen die Werkzeuge noch nicht erfunden. Alles zog sich dagegen auf die Natur und die Sitten der Menschen. Dies war der herrschende Ton der griechischen Dichtkunst, Geschichte und Staatseinrichtung: Jeder Bürger mußte seine Mitbürger kennen und bisweilen öffentliche Geschäfte verwalten, denen er sich nicht entziehen konnte; die Leidenschaften und wirkenden Kräfte der Menschen hatten damals ein freieres Spiel, selbst dem müßigen Philosophen schlichen sie nicht unbemerkt vorüber; Menschen zu regieren oder als ein lebendes Glied der Gesellschaft zu wirken war der herrschende Zug jeder emporstrebenden griechischen Seele. Kein Wunder also, daß auch die Philosophie des abstrakten Denkers auf Bildung der Sitten oder des Staats hinausging, wie Pythagoras, Plato und selbst Aristoteles dies beweisen. Staaten einzurichten war ihr bürgerlicher Beruf nicht; nirgend war Pythagoras, wie Lykurgus, Solon oder andere, Obrigkeit und Archon; auch der größeste Teil seiner Philosophie war Spekulation, die sogar bis an den Aberglauben grenzte. Indessen zog seine Schule Männer, die auf die Staaten Großgriechenlandes den größesten Einfluß gehabt haben, und der Bund seiner Jünger wäre, wenn ihm das Schicksal Dauer gegönnt hätte, vielleicht die wirksamste, wenigstens eine sehr reine Triebfeder zur Verbesserung der Welt worden.227 Aber auch dieser Schritt des über seine Zeit hocherhabenen Mannes war zu früh: die reichen, sybaritischen Städte Großgriechenlandes nebst ihren Tyrannen begehrten solche Sittenwächter nicht, und die Pythagoreer wurden ermordet.

 Es ist ein zwar oft wiederholter, aber, wie mich dünkt, überspannter Lobspruch des menschenfreundlichen Sokrates, daß er's zuerst und vorzüglich gewesen sei, der die Philosophie vom Himmel auf die Erde gerufen und mit dem sittlichen Leben der Menschen befreundet habe; wenigstens gilt der Lobspruch nur die Person Sokrates selbst und den engen Kreis seines Lebens. Lange vor ihm waren Philosophen gewesen, die sittlich und tätig für die Menschen philosophiert hatten, da vom fabelhaften Orpheus an eben dies der bezeichnende Charakter der griechischen Kultur war. Auch Pythagoras hatte durch seine Schule eine viel größere Anlage zur Bildung menschlicher Sitten gemacht, als Sokrates durch alle seine Freunde je hatte machen mögen. Daß dieser die höhere Abstraktion nicht liebte, lag an seinem Stande, am Kreise seiner Kenntnisse, vorzüglich aber an seiner Zeit und Lebensweise. Die Systeme der Einbildungskraft ohne fernere Naturerfahrungen waren erschöpft und die griechische Weisheit ein gaukelndes Geschwätz der Sophisten worden, daß es also keines großen Schrittes bedurfte, das zu verachten oder beiseit zu legen, was nicht weiter zu übertreffen war. Vor dem schimmernden Geist der Sophisten schützte ihn sein Dämon, seine natürliche Redlichkeit und der bürgerliche Gang seines Lebens. Dieser steckte zugleich seiner Philosophie das eigentliche Ziel der Menschheit vor, das beinah auf alle, mit denen er umging, so schöne Folgen hatte; allerdings gehörte aber zu dieser Wirksamkeit die Zeit, der Ort und der Kreis von Menschen, mit denen Sokrates lebte. Anderswo wäre der bürgerliche Weise ein aufgeklärter tugendhafter Mann gewesen, ohne daß wir vielleicht seinen Namen wüßten; denn keine Erfindung, keine neue Lehre ist's, die er, ihm eigen, ins Buch der Zeiten verzeichnet; nur durch seine Methode und Lebensweise, durch die moralische Bildung, die er sich selbst gegeben hatte und andern zu geben suchte, vorzüglich endlich durch die Art seines Todes wurde er der Welt ein Muster. Es gehörte viel dazu, ein Sokrates zu sein, vor allem die schöne Gabe, entbehren zu können, und der feine Geschmack an moralischer Schönheit, den er bei sich zu einer Art von Instinkt erhöht zu haben scheint; indessen hebe man auch diesen bescheidnen edeln Mann nicht über die Sphäre empor, in welche ihn die Vorsehung selbst stellte. Er hat wenige, seiner ganz würdige, Schüler gezogen, eben weil seine Weisheit gleichsam nur zum Hausgerät seines eigenen Lebens gehörte und seine vortreffliche Methode im Munde seiner nächsten Schüler gar zu leicht in Spöttereien und Sophismen ausarten konnte, sobald es dem ironischen Fragenden am Geistes- und Herzenscharakter Sokrates' fehlte. Auch seine zwei edelsten Jünger, Xenophon und Plato, vergleiche man unparteiisch, so wird man finden, daß er bei ihnen (wie er selbst den bescheidenen Ausdruck liebte) nur die Hebamme ihrer eignen Geistesgestalt gewesen war; daher er sich auch im Bilde beider so unähnlich sieht. Das Auszeichnende ihrer Schriften rührt offenbar von ihrer eignen Denkart her, und der schönste Dank, den sie ihrem geliebten Lehrer bringen konnten, war der, daß sie sein moralisches Bild aufstellten. Allerdings wäre es sehr zu wünschen gewesen, daß durch Sokrates' Schüler sein Geist in alle Gesetze und Staatsverfassungen Griechenlandes fortan eingedrungen wäre; daß dieses aber nicht geschehen sei, bezeugt die griechische Geschichte. Sein Leben traf auf den Punkt der höchsten Kultur Athens, zugleich aber auch der höchsten Anstrengung der griechischen Staaten gegeneinander; beides konnte nichts anders als unglückliche Zeiten und Sitten nach sich ziehen, die nicht gar lange darauf den Untergang der griechischen Freiheit bewirkten. Hiegegen schützte sie keine sokratische Weisheit, die zu rein und fein war, als daß sie das Schicksal der Völker hätte entscheiden mögen. Der Staatsmann und Kriegsführer Xenophon schildert schlechte Staatsverfassungen; er kann sie aber nicht ändern. Plato schuf eine idealische Republik, die nirgend, am wenigsten an Dionysius' Hofe, Platz fand. Kurz, Sokrates' Philosophie hat mehr der Menschheit als Griechenland gedienet, welches ohne Zweifel auch ihr schönerer Ruhm ist.

 


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