XIII.6. Geschichte der Veränderungen Griechenlandes

 

 So reich und verflochten die griechische Geschichte an Veränderungen ist, so gehen doch ihre Fäden an wenigen Hauptpunkten zusammen, deren Naturgesetze klar sind. Denn:

 1. Daß in diesen drei Landesstrecken mit ihren Inseln und Halbinseln viele Stämme und Kolonien zur See und vom hohem Lande hinaus hin und her wandern, sich niederlassen und einander vertreiben, ist allenthalben die Geschichte der Alten Welt bei ähnlichen Meer- und Erdstrichen gewesen. Nur hier war das Wandern lebhafter, weil das volkreiche nordische Gebirge und das große Asien nahe lag und durch eine Reihe von Zufällen, von denen die Sagen erzählen, der Geist des Abenteuers sehr rege erhalten wurde. Dies ist die Geschichte Griechenlandes beinahe von 700 Jahren.

 2. Daß unter diese Stämme Kultur, und zwar von verschiedenen Seiten in verschiedenen Graden, kommen mußte, ist ebensowohl Natur der Sache und des Erdstrichs. Sie breitete sich von Norden hinab, sie kam aus verschiednen Gegenden der nahen gebildeten Völker zu ihnen herüber und setzte sich hie und da sehr verschieden fest. Die überwiegenden Hellenen bringen endlich Einheit ins Ganze und geben der griechischen Sprache und Denkart Ton. Nun mußten in Kleinasien, in Klein- und Großgriechenland die Keime dieser gegebenen Kultur sehr ungleich und verschieden treiben; diese Verschiedenheit aber half durch Wetteifer und Verpflanzungen dem griechischen Geist auf; denn es ist in der Naturgeschichte sowohl der Pflanzen als der Tiere bekannt, daß derselbe Same auf demselben Erdstrich nicht ewig gedeihe, aber, zu rechter Zeit verpflanzt, frischere und fröhlichere Früchte trage.

 3. Aus ursprünglichen kleinen Monarchien gingen die geteilten Staaten mit der Zeit in Aristokratien, einige in Demokratien über: beide gerieten oft in Gefahr, unter die Willkür eines Beherrschers zurückzufallen; jedoch die Demokratien öfter. Abermals der Naturgang der menschlichen Einrichtung in ihrer früheren Jagend. Die Vornehmsten des Stammes glaubten sich dem Willen der Könige entziehen zu dürfen, und da das Volk sich nicht führen, konnte, so wurden sie seine Führer. Nachdem nun sein Gewerbe, sein Geist, seine Einrichtung war, blieb es entweder unter diesen Führern, oder es rang so lange, bis es Anteil an der Regierung bekam. Jenes war der Fall in Lacedämon, dies in Athen. Von beidem lag die Ursache in den Umständen und der Verfassung beider Städte. In Sparta wachten die Regenten scharf aufeinander, daß kein Tyrann aufkommen konnte; in Athen wurde das Volk mehr als einmal unter die Tyrannei mit oder ohne Namen hineingeschmeichelt. Beide Städte mit allem, was sie hervorgebracht haben, sind so natürliche Produkte ihrer Lage, Zeit, Einrichtung und Umstände, als je eine Naturerzeugung sein mochte.

 4. Viele Republiken, mehr oder minder durch gemeinschaftliche Geschäfte, Grenzen oder ein anderes Interesse, am meisten aber durch die Krieges- und Ruhmliebe gleichsam an eine Rennbahn gestellt, werden, bald Ursache zu Zwistigkeiten finden; die mächtigern zuerst, und diese ziehen zu ihrer Partei, wen sie hinzuzuziehen vermögen, bis endlich eine das Übergewicht gewinnt. Dies war der Fall der langen Jugendkriege zwischen den Staaten Griechenlands, insonderheit zwischen Lacedämon, Athen und zuletzt Theben. Die Kriege waren bitter, hart, ja oft grausam, wie allemal Kriege sein werden, in welchen jeder Bürger und Krieger am Ganzen teilnimmt. Meistens entstanden sie über Kleinigkeiten oder über Sachen der Ehre, wie die Gefechte bei Jugendhändeln zu entstehen pflegen, und was sonderbar scheint, es aber nicht ist: jeder überwindende Staat, insonderheit Lacedämon, suchte dem überwundenen seine Gesetze und Einrichtung aufzuprägen, als ob damit das Zeichen der Niederlage unauslöschlich an ihm bliebe. Denn die Aristokratie ist eine geschworne Feindin der Tyrannei sowohl als der Volksregierung.

 5. Indessen waren die Kriege der Griechen, auch als Geschäft betrachtet, nicht bloß Streitereien der Wilden; vielmehr entwickelt sich in ihnen mit der Zeitenfolge bereits der ganze Staats- und Kriegesgeist, der je das Rad der Weltbegebenheiten gelenkt hat.229 Auch die Griechen wußten, was Bedürfnisse des Staats, Quellen seiner Macht und seines Reichtums sei'n, die sie sich oft auf rohe Weise zu verschaffen suchten. Auch sie wußten, was Gleichgewicht der Republiken und Stände gegeneinander, was geheime und öffentliche Konföderationen, was Kriegslist, Zuvorkommen, Imstichlassen u. dgl. heiße. Sowohl in Kriegs- als Staatssachen haben also die erfahrensten Männer der römischen und neuern Welt von den Griechen gelernt; denn die Art des Krieges möge sich mit den Waffen, der Zeit und der Weltlage ändern, der Geist der Menschen, der da erfindet, überredet, seine Anschläge bedeckt, angreift, vorrückt, sich verteidigt oder zurückzieht, die Schwächen seiner Feinde ausspäht und so oder also seinen Vorteil gebraucht oder mißbraucht, wird zu allen Zeiten derselbe bleiben.

 6. Die Kriege mit den Persern machen die erste große Unterscheidung in der griechischen Geschichte. Sie waren von den asiatischen Kolonien veranlaßt, die dem ungeheuren morgenländischen Eroberungsgeist nicht hatten widerstehen mögen und, an die Freiheit gewohnt, bei der ersten Gelegenheit dies Joch abzuschütteln suchten. Daß die Athenienser ihnen zwanzig Schiffe zu Hülfe sandten, war ein Obermut der Demokratie; denn Kleomenes, der Spartaner, hatte ihnen die Hülfe abgeschlagen, und mit ihren zwanzig Schiffen führten jene dem ganzen Griechenlande den wildesten Krieg zu. Indessen da er einmal geführt wurde, so war es zwar ein Wunder der Tapferkeit, daß einige kleine Staaten gegen zwei Könige des großen Asiens die herrlichsten Siege davontrugen; es war aber kein Naturwunder. Die Perser waren völlig außer ihrem Mittelpunkt; die Griechen dagegen stritten für Freiheit, Land und Leben. Sie stritten gegen sklavische Barbaren, die an den Eretriern gezeigt hatten, was auch ihnen bevorstünde, und nahmen daher alles zusammen, was menschliche Klugheit und Mut ausrichten konnte. Die Perser unter Xerxes griffen wie Barbaren an: sie kamen mit Ketten in der Hand, um zu binden, und mit Feuer in der Hand, um zu verheeren; dies hieß aber nicht mit Klugheit fechten. Themistokles bediente sich gegen sie bloß des Windes, und freilich ist der widrige Wind auf dem Meer einer ungelenken Flotte ein gefährlicher Gegner. Kurz, der Persische Krieg wurde mit großer Macht und Wut, aber ohne Verstand geführt, und so mußte er unglücklich enden. Gesetzt, daß auch die Griechen geschlagen und ihr ganzes Land wie Athen verwüstet worden wäre: Griechenland konnten die Perser von der Mitte Asiens her und bei dem innern Zustande ihres Reichs dennoch nie behaupten, da sie Ägypten selbst mit Mühe behaupten konnten. Das Meer war Griechenlands Freundin, wie in anderm Sinn auch das Delphische Orakel sagte.

 7. Aber die geschlagenen Perser ließen mit ihrer Beute und Schande den Atheniensern einen Funken zurück, dessen Flamme das ganze Gebäude der griechischen Staatseinrichtungen zerstörte. Es war der Ruhm und Reichtum, die Pracht und Eifersucht, kurz, der ganze Übermut, der auf diese Kriege folgte. Bald erschien in Athen das Zeitalter Perikles', das glänzendste, in welchem je ein so kleiner Staat gewesen, und es folgte darauf aus ebenso natürlichen Ursachen der unglückliche Peloponnesische, der doppelte Spartanische Krieg, bis endlich durch eine einzige Schlacht Philippus aus Macedonien dem ganzen Griechenlande das Netz übers Haupt warf. Sage doch niemand, daß ein ungünstiger Gott das Schicksal der Menschen lenke und neidend es von seiner Höhe zu stürzen trachte; die Menschen selbst sind einander ihre ungünstigen Dämonen. Was konnte aus Griechenland, wie es in diesen Zeiten war, anders als die leichte Beute eines Siegers werden? Und woher konnte dieser Sieger kommen als aus den mazedonischen Gebirgen? Vor Persien, Ägypten, Phönicien, Rom, Karthago war es sicher; sein Feind aber saß ihm in der Nähe, der es mit ein paar Griffen voll List und Macht erhaschte. Das Orakel war hier abermals klüger als die Griechen; es philippisierte, und im ganzen Vorfall wurde nichts als der allgemeine Satz bestätigt: daß ein einträchtiges krieggeübtes Bergvolk, das einer geschwächten, zerteilten, entnervten Nation auf dem Nacken sitzt, notwendig der Sieger derselben sein werde, sobald es die Sache klug und tapfer angreift. Das tat Philippus und raffte Griechenland auf; denn es war durch sich selbst lange vorher besiegt gewesen. Hier würde nun die Geschichte Griechenlands endigen, wenn Philippus ein Barbar wie Sulla oder Alarich gewesen wäre; er war aber selbst ein Grieche, sein größerer Sohn war es auch; und so beginnet eben mit dem Verlust der griechischen Freiheit noch unter dieses Volkes Namen eine Weltszene, die ihresgleichen wenige gehabt hat.

 


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