XII.3. Hebräer

 

Sehr klein erscheinen die Hebräer, wenn man sie unmittelbar nach den Persern betrachtet: klein war ihr Land, arm die Rolle, die sie in und außer demselben auf dem Schauplatz der Welt spielten, auf welchem sie fast nie Eroberer waren. Indessen haben sie durch den Willen des Schicksals und durch eine Reihe von Veranlassungen, deren Ursachen sich leicht ergeben, mehr als irgendeine asiatische Nation auf andere Völker gewirkt; ja gewissermaße sind sie, sowohl durch das Christentum als den Mahomedanismus, eine Unterlage des größesten Teils der Weltaufklärung worden.

Ein ausnehmender Unterschied ist's schon, daß die Hebräer geschriebene Annalen ihrer Begebenheiten aus Zeiten haben, in denen die meisten jetzt aufgeklärten Nationen noch nicht schreiben konnten, so daß sie diese Nachrichten bis zum Ursprunge der Welt hinaufzuführen wagen. Noch vorteilhafter unterscheiden sich diese dadurch, daß sie nicht aus Hieroglyphen geschöpft oder mit solchen verdunkelt, sondern nur aus Geschlechtregistern entstanden und mit historischen Sagen oder Liedern verwebt sind, durch, welche einfädle Gestalt ihr historischer Wert offenbar zunimmt. Endlich bekommen diese Erzählungen ein merkwürdiges Gewicht noch dadurch, daß sie als ein göttlicher Stammesvorzug dieser Nation beinah mit abergläubischer Gewissenhaftigkeit jahrtausendelang erhalten und durch das Christentum Nationen in die Hände geliefert sind, die sie mit einem freiem als Judengeist untersucht und bestritten, erläutert und genutzt haben. Sonderbar ist's freilich, daß die Nachrichten anderer Nationen von diesem Volk, insonderheit Manethons des Ägypters, so weit von der eignen Geschichte der Hebräer abgehn; indessen, wenn man die letzte unparteiisch betrachtet und den Geist ihrer Erzählung sich zu erklären weiß, so verdient sie gewiß mehreren Glauben als die Verleumdungen fremder, verachtender Judenfeinde. Ich schäme mich also nicht, die Geschichte der Hebräer, wie sie solche selbst erzählen, zum Grunde zu legen, wünschte aber dennoch, daß man auch die Sagen ihrer Gegner nicht bloß verachtete, sondern nutzte.

Zufolge also der ältesten Nationalsagen der Hebräer kam ihr Stammvater als Scheik eines Nomadenzuges über den Euphrat und zuletzt nach Palästina. Hier gefiel es ihm, weil er unbehinderten Platz fand, die Lebensart seiner Hirtenvorfahren fortzusetzen und dem Gott seiner Väter nach Stammesart zu dienen. Im dritten Geschlecht zogen seine Nachkommen durch das sonderbare Glück eines aus ihrer Familie nach Ägypten und setzten daselbst, unvermischt mit den Landeseinwohnern, ihre Hirtenlebensart fort, bis sie, man weiß nicht genau in welcher Generation, von dem verächtlichen Druck, in dem sie schon als Hirten bei diesem Volk sein mußten, durch ihren künftigen Gesetzgeber befreit und nach Arabien gerettet wurden. Hier führte nun der große Mann, der größte, den dies Volk gehabt hat, sein Werk aus und gab ihnen eine Verfassung, die zwar auf die Religion und Lebensart ihres Stammes gegründet, mit ägyptischer Staatsweisheit aber so durchflochten war, daß auf der einen Seite das Volk aus einer Nomadenhorde zu einer kultivierten Nation erhoben, auf der andern zugleich von Ägypten völlig weggelenkt werden sollte, damit ihm nie weiter die Lust ankäme, den Boden des schwarzen Landes zu betreten. Wunderbar durchdacht sind alle Gesetze Moses': sie erstrecken sich vom Größesten bis zum Kleinsten, um sich des Geistes seiner Nation in allen Umständen des Lebens zu bemächtigen und, wie Moses so oft sagt, ein ewiges Gesetz zu werden. Auch war diese überdachte Gesetzgebung nicht das Werk eines Augenblicks; der Gesetzgeber tat hinzu, nachdem es die Umstände federten, und ließ noch vor dem Ausgange seines Lebens die ganze Nation sich zu ihrer künftigen Landesverfassung verpflichten. Vierzig Jahre hielt er streng auf seine Gebote, ja, vielleicht mußte auch deswegen das Volk so lange in der arabischen Wüste weilen, bis nach dem Tode der ersten hartnäckigen Generation ein neues, in diesen Gebräuchen erzogenes Volk sich denselben völlig gemäß im Lande seiner Väter einrichten könnte. Leider aber wurde dem patriotischen Mann dieser Wunsch nicht gewährt! Der bejahrte Moses starb an der Grenze des Landes, das er suchte, und als sein Nachfolger dahin eindrang, fehlte es ihm an Ansehen und Nachdruck, den Entwurf des Gesetzgebers ganz zu befolgen. Man setzte die Eroberung nicht so weit fort, als man sollte; man teilte und ruhte zu früh. Die mächtigsten Stämme rissen den größesten Strich zuerst an sich, so daß ihre schwächeren Brüder kaum einen Aufenthalt fanden und ein Stamm derselben sogar verteilt werden mußte.204 Überdem blieben viele kleine Nationen im Lande: Israel behielt also seine bittersten Erbfeinde unter sich, und das Land entbehrte von außen und innen der runden Festigkeit, die ihm seine vorgezeichneten Grenzen allein gewähren konnten. Was mußte aus dieser unvollkommenen Anlage anders als jene Reihe unsicherer Zeiten folgen, die das eingedrungene Volk fast nie zur Ruhe kommen ließen. Die Heerführer, die die Not erweckte, waren meistens nur streifende Sieger; und da das Volk endlich Könige bekam, so hatten diese doch mit ihrem eignen, in Stämme zerteilten Lande so viel zu schaffen, daß der dritte zugleich der letzte König des ganzen, in seinen Teilen nicht zusammenhangenden Reichs war. Fünf Sechsteile des Landes fielen von seinem Nachfolger ab; und was konnte jetzt aus zwei so schwachen Königreichen werden, die in der Nachbarschaft mächtiger Feinde sich selbst unaufhörlich bekriegten? Das Königreich Israel hatte eigentlich keine gesetzmäßige Konstitution; es ging daher fremden Landesgöttern nach, um nur mit seiner Nebenbuhlerin, die den alten, rechtmäßigen Landesgott verehrte, nicht zusammenzufließen. Natürlich also, daß nach der Sprache dieses Volkes in Israel kein gottesfürchtiger König war; denn sonst wäre sein Volk nach Jerusalem gewandert, und die abgerissene Regentschaft hätte aufgehört. Also taumelte man in der unseligsten Nachahmung fremder Sitten und Gebräuche fort, bis der König von Assyrien kam und das kleine Reich wie ein gefundenes Vogelnest raubte. Das andere Königreich, das wenigstens auf der alten Verfassung zweier mächtiger Könige und einer befestigten Hauptstadt ruhte, hielt sich einige Zeit länger, aber auch nur so lange, bis ein stärkerer Überwinder es zu sich reißen wollte. Der Landverwüster Nebukadnezar kam und machte seine schwachen Könige erst zinsbar, sodann nach ihrem Abfall den letzten zum Sklaven; das Land wurde verwüstet, die Hauptstadt geschleift und Juda in eine so schimpfliche Knechtschaft nach Babel geführt, wie Israel nach Medien geführt war. Als Staat betrachtet, kann also kaum ein Volk eine elendere Gestalt darstellen, als dies, die Regierung zweener Könige ausgenommen, in seiner Geschichte darstellt.

Was war davon die Ursache? Mich dünkt, die Folge dieser Erzählung selbst mache sie klar; denn ein Land bei so schlechter Verfassung von innen und außen konnte an diesem Ort der Welt unmöglich gedeihen. Wenn David gleich die Wüste bis zum Euphrat hin durchstreifte und damit nur eine größere Macht gegen seine Nachfolger reizte, konnte er damit seinem Lande die Festigkeit geben, die ihm fehlte, da überdem sein Sitz beinah am südlichen Ende des Reichs lag? Sein Sohn brachte fremde Gemahlinnen, Handel und Üppigkeit ins Land, in ein Land, das, wie die verbündete Schweiz, nur Hirten und Ackerleute nähren konnte und solche wirklich in der größesten Anzahl zu nähren hatte. Außerdem, da er seinen Handel größtenteils nicht durch seine Nation, sondern durch die unterjochten Edomiter führte, so war seinem Königreich der Luxus schädlich, überhaupt hat sich seit Moses kein zweiter Gesetzgeber in diesem Volk gefunden, der den vom Anfange an zerrütteten Staat auf eine den Zeiten gemäße Grundverfassung hätte zurückführen mögen. Der gelehrte Stand verfiel bald; die Eiferer fürs Landesgesetz hatten Stimme, aber keinen Arm; die Könige waren meistens Weichlinge oder Geschöpfe der Priester. Die feine Nomokratie also, auf die es Moses angelegt hatte, und eine Art theokratischer Monarchie, wie sie bei allen Völkern dieses Erdstrichs voll Despotismus herrschte: zwei so entgegengesetzte Dinge stritten gegeneinander, und so mußte das Gesetz Moses' dem Volk ein Sklavengesetz werden, da es ihm politisch ein Gesetz der Freiheit sein sollte.

 


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 00:09:30 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright